Leben und Lernen

Anonymes Lehrergeständnis

Mein schlechtes Gewissen beim Schüleraustausch

Beim Schüleraustausch freuen sich deutsche Lehrer über die Gastfreundschaft in England oder Frankreich. Kommt der Gegenbesuch, wird es schnell peinlich, berichtet ein Hamburger Lehrer: Er kann Gäste nur auf eigene Kosten bewirten.

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Schüleraustausch in Frankreich: "C'est l'école qui vous invite"

Sonntag, 09.06.2019   20:14 Uhr

"Als auf der Seine-Rundfahrt der Nachtisch serviert wird - es gibt Mousse au Chocolat und eine Vanille-Creme mit Heidelbeeren - schaukeln wir am Eiffelturm vorbei, der plötzlich anfängt, wie ein Disco-Weihnachtsbaum zu blinken. Kitschig, aber auch schön - eben wie Weihnachten. '20.000 Lampen, alle von Kletterern angebracht', doziert der Directeur unserer Partnerschule, der uns zum Fünf-Gänge-Dîner eingeladen hat.

Was das wohl kosten mag? Und wer bezahlt das alles? 'C'est l'école qui vous invite', beruhigt uns Lucile, unsere französische Kollegin und Gastgeberin: 'Die Schule bezahlt'. Ganz normal beim Schüleraustausch in Frankreich.

Zurück wollen wir mit der Métro, doch keine Chance, Monsieur le Directeur hat schon ein Taxi bestellt: 'C'est l'école qui vous invite!' Weitere 80 Euro aus der Schulkasse für die deutschen Austauschlehrer!

Ist das eigentlich schon Veruntreuung öffentlicher Gelder?

Einladungen, Gastgeschenke, Mitbringsel

'Wegen 500 Euro ist euer Präsident Christian Wulff zurücktreten! In Frankraisch unmöglisch', erinnere ich mich an einen Auftritt des Komikers Alfons - der mit der orangen Trainingsjacke. Ein bisschen beruhigt mich dieser Satz.

Die Botschaft ist indes unmissverständlich angekommen: Wir sind gern gesehene Gäste und es besteht ein großes Interesse, den Schüleraustausch fortzuführen.

Geschenke zwischen fremden Völkern, das gab es schon bei Kolumbus mit Glasperlen, die Wikinger tauschten Geiseln aus. Und bei jedem Staatsbesuch werden auch heute noch teure Stehrümchen verschenkt.

Kein Gipfel, kein Deal oder Vertrag ohne gemeinsame Nahrungsaufnahme - ein urmenschliches Ritual.

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Bei den üppigen Einladungen wird mir allerdings jedes Mal ganz anders. Wir bekommen zwar Kost und Logis in Frankreich erstattet, aber für Einladungen der Gäste in Deutschland gibt es kein Budget. Unsere Kollegen in Frankreich greifen dafür anscheinend mit vollen Händen in öffentliche Töpfe.

Wir verwalten zwar noch den Elternbeitrag, der aber für die Reise und Ausflüge der Schüler vorgesehen ist. Nur ungern schreibe ich auf die Abrechnung Posten wie 'Schnaps für den Schulleiter' oder 'Abendessen bei Christian Rach'.

Gastgeschenke bringe ich auch gerne von meinem Geld nach Frankreich mit, mal eine besondere Wurst, Bier oder Marzipan - bei den ganzen Austauschen bin ich über die Jahre mit einigen Lehrern befreundet. Aber ein Restaurantbesuch, der es mit den französischen Einladungen aufnehmen soll, geht schnell ins Geld! Und so eine Woche hat ja noch mehrere Tage.

Vorsicht, Affront!

Leider kommt man da nicht drum herum, ohne Porzellan zu zerbrechen. Geschenke und Einladungen abzulehnen gleicht einem Affront. Ich habe das Thema schon mehrmals versucht anzusprechen, aber bisher erfolglos. Die Einladungen sind sogar noch üppiger geworden.

Und in Deutschland einfach auf die Gegeneinladung verzichten? Bringe ich nicht übers Herz! So ein Austausch ist ein fragiles Gebilde. Für die Lehrer ist diese Woche permanenter Aufmerksamkeit sehr anstrengend. Ich möchte, dass sich nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer wohlfühlen, und ich möchte ihnen ebenfalls zeigen, dass wir weiter an diplomatischen Beziehungen interessiert sind.

Und jetzt kommen Sie

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Deshalb wird es auch immer schwieriger, Kollegen zur Mitarbeit bei den Austauschen zu bewegen. So ein Austausch ist nicht nur anstrengend, sondern auch teuer.

Aber dieses Jahr wird alles anders: Im Januar ist bei uns zu Hause die Heizung kaputtgegangen, das Konto hat sich noch nicht wieder erholt. Ich habe mir fest vorgenommen, eisern zu bleiben. Wenn dieses Mal die Franzosen kommen, gibt es nur eine Bratwurst auf dem Ausflugsschiff."

insgesamt 130 Beiträge
prof.k 09.06.2019
1. Zahlt die Schule wirklich
Sind Sie sicher, dass auf französicher Seite wirklich die Schule zahlt? Ich arbeite an einer deutschen Uni, wo wir (natürlich) auch keinerlei Budget haben, um Gastwissenschaftler oder Seminarsprecher zum Essen einzuladen. Da [...]
Sind Sie sicher, dass auf französicher Seite wirklich die Schule zahlt? Ich arbeite an einer deutschen Uni, wo wir (natürlich) auch keinerlei Budget haben, um Gastwissenschaftler oder Seminarsprecher zum Essen einzuladen. Da solche Einladungen jedoch ein absolutes Muss sind, zahlen wir also aus eigener Tasche. Aber natürlich sagen wir dem Gast, dass das Geld von der Uni kommt - die sollen ja kein schlechtes Gewissen bekommen. Ich könnte mir vorstellen, dass das in Frankreich vielleicht auch so läuft.
wally76 09.06.2019
2. Echt erbärmlich
Sowas muss aus Haushaltsmitteln möglich werden. Das ist dermaßen blamabel. Wenn ich an der Hochschule ausländische Gäste bewirten will, kann ich das glücklicherweise aus meinem Drittmittelkonto tun. Aus dem Haushalt wäre [...]
Sowas muss aus Haushaltsmitteln möglich werden. Das ist dermaßen blamabel. Wenn ich an der Hochschule ausländische Gäste bewirten will, kann ich das glücklicherweise aus meinem Drittmittelkonto tun. Aus dem Haushalt wäre es nicht erlaubt. Ich darf aber z. B. aus dem Drittmittelkonto - obwohl in Industrieprojekten erwirtschaftet - keine Espressomaschine kaufen. Also gibt es Filterkaffe [sic!] aus dem Sekretariat und aus der eigenen Tasche bezahlt. Bei südländischen Gästen ist die Plörre besonders peinlich... Unsere Richtlinie sagt übrigens, dass wir am besten nicht mal einen Kaffee annehmen, damit wir nicht in Abhängigkeitsverhältnis zum Gesprächspartner geraten. Absolut weltfremd.
freizeitsportlerin1234 09.06.2019
3.
Zu Beitrag 1: Doch, die französischen Schulen haben ein eigenes Budget. Das hat auch mit Veruntreuung nichts zu tun. Abendessen usw. kann die Schule aus ihrem Bufget zahlen, Schulleitung und Buchhaltung entscheiden. Fahrtkosten, [...]
Zu Beitrag 1: Doch, die französischen Schulen haben ein eigenes Budget. Das hat auch mit Veruntreuung nichts zu tun. Abendessen usw. kann die Schule aus ihrem Bufget zahlen, Schulleitung und Buchhaltung entscheiden. Fahrtkosten, Unterkunft usw. wird durch Schule,Spenden, öffentliche Gelder und zu einem Bruchteil durch die Eltern oder den Förderverein finanziert.
Steve Kadisha 09.06.2019
4. Deutsche Leit-Peinlichkeiten
Die angeblich so tolle deutsche Leitkultur kennt selbstlose Gastfreundschaft in der Regel nicht mehr und auch genußvolle Großzügigkeit ist im Land der Trinkgeldknauser und Schnäppchenjäger meist unbekannt. Aufrechnen, "Was [...]
Die angeblich so tolle deutsche Leitkultur kennt selbstlose Gastfreundschaft in der Regel nicht mehr und auch genußvolle Großzügigkeit ist im Land der Trinkgeldknauser und Schnäppchenjäger meist unbekannt. Aufrechnen, "Was bekomme ich dafür?"-Mentalität und der miesepetrige Geist von Rechnungshof-Neidhammeln herrscht um so mehr vor. Was für ein beschämender Gegensatz zu Gastgebern selbst aus ärmsten Regionen der Welt. Deutsche Kulturüberheblichkeit zeigt sich heute in dem Glauben, dass Geiz jemanden wirklich "geil" erscheinen lassen würde. Die Verlotterung der Sitten und der Verfall der deutschen Kultur kommt nicht durch von außen auf uns einströmende Einflüsse, sondern weil Neid und Mißgunst deutsche Traditionen wegsparen. Wenn uns ein gesellschaftliches Leben inklusive Essen und Trinken für unsere Gäste nichts mehr wert sind, brauchen wir keine Kulturansprüche an Einwanderer mehr zu stellen.
awoth 09.06.2019
5. Ich bin Lehrstuhlinhaber
an einer deutschen Universität und viel auf der ganzen Welt unterwegs.In ALLEN anderen Ländern ist es üblich, Gäste, die zB einen eingeladenen Vortrag hielten und an winem Institut zu Gast sind, zum Essen einzuladen. Nicht [...]
an einer deutschen Universität und viel auf der ganzen Welt unterwegs.In ALLEN anderen Ländern ist es üblich, Gäste, die zB einen eingeladenen Vortrag hielten und an winem Institut zu Gast sind, zum Essen einzuladen. Nicht bei uns! Um diese unerhörte Peinlichkeit zu umgehen, mache ich das eigentlich IMNER auf eigene Kosten... Und bevor mir jetzt irgendwelche Foristen die Sinnhaftigkeit des "deutschen Weges" erklären oder mir Unwahrheit vorwerfen, verzichte ich darauf, das zu beantworten. Es ist so!

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