Leben und Lernen

Nach "Flut an Hass-E-Mails"

Bewertungs-App Lernsieg ist offline - vorerst

Schüler konnten Lehrer in einer neuen App anonym bewerten. Nun ist mit Lernsieg vorläufig Schluss. Der Grund: eine "Flut an Hass-E-Mails". Aufgeben will der junge App-Erfinder jedoch nicht.

Georg Hochmuth/ APA/ DPA

Nach vier Tagen im Netz abgeschaltet: Die Bewertungs-App Lernsieg

Dienstag, 19.11.2019   15:19 Uhr

Begleitet von massiver Kritik ist sie am Freitag online gegangen, nun wurde die Bewertungs-App Lernsieg vorläufig abgeschaltet. Der 17-jährige Gründer Benjamin Hadrigan sei mit einer "Flut an Hass-E-Mails konfrontiert" worden, "die einem Schüler weder in Menge noch Inhalt zumutbar sind", ließ seine Pressestelle mitteilen.

"Mit Kritik haben wir zwar gerechnet - allerdings nicht in dem Ausmaß und mit solchen belastenden Nachrichten", hieß es vonseiten der Pressestelle weiter. Mit der App konnten Schüler anonym und öffentlich ihre deutschen und österreichischen Schulen und Lehrer bewerten. Dafür mussten sich Nutzer lediglich mit einer Telefonnummer registrieren. Anschließend konnten sie bis zu fünf Sterne in insgesamt acht Kategorien vergeben - darunter Fairness, Respekt, Vorbereitung und Durchsetzungsfähigkeit.

Die Lehrer waren mit ihren vollen Namen gelistet, kommentieren konnten sie ihre Bewertungen nicht. Kontrollen, ob die Bewerter tatsächlich auf die Schulen gehen, gab es nicht. Allerdings konnte jeder Nutzer Bewertungen nur für eine einzige Schule ausstellen.

70.000 Downloads an einem Wochenende

Nach Angaben der Pressestelle sei Lernsieg am Wochenende mehr als 70.000 Mal heruntergeladen worden. Bis Montagmittag seien über 16.000 Bewertungen für Schulen eingegangen, für Lehrerinnen und Lehrer knapp 130.000. Schulen erhielten durchschnittlich 3,88 Sterne, Lehrer 3,96 Sterne - also in etwa die Schulnote "gut".

Österreichische und deutsche Gewerkschaften hatten das Konzept von Lernsieg stark kritisiert. "Für eine Verbesserung von Unterrichtsqualität ist die Entwicklung einer Feedbackkultur an Schulen entscheidend", sagte Klaus Zierer, Erziehungswissenschaftler an der Universität Augsburg, dem SPIEGEL. "Eine wie hier vorgenommene öffentliche Bewertung ist aus wissenschaftlicher Sicht hingegen kontraproduktiv." Es könne "irgendjemand daherkommen" und eine Bewertung veröffentlichen. Gesundes Feedback aber lebe davon, eine "Einladung in ein Gespräch" zu sein, so Zierer. "In der App findet eine Reduzierung auf Persönlichkeitsmerkmale statt, mit Unterrichtsqualität hat das nichts zu tun."

Georg Hochmuth/ APA/ DPA

App-Gründer Benjamin Hadrigan

Paul Kimberger, Vorsitzender der österreichischen Gewerkschaft Pflichtschullehrerinnen und Pflichtschullehrer, hatte angekündigt, die App mit allen rechtlichen Mitteln verhindern zu wollen. Er habe Bedenken hinsichtlich der Persönlichkeitsrechte und des Datenschutzes. Auch die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) lehnt öffentliche Bewertungsportale wie Lernsieg ab: Die App zerstöre die Beziehung zwischen Lehrkräften und ihren Schülern und sei "nicht geeignet, die Schulentwicklung voranzubringen", sagte Ilka Hoffmann, Bildungsexpertin der GEW.

App soll wieder online gehen

Die Pressestelle des Wiener Gründers hatte bereits mitgeteilt, man wolle mit den Gewerkschaften in den Dialog treten. Die App solle definitiv wieder online gehen, allerdings wolle man erst eine Strategie für die Angriffe entwickeln. Der App-Gründer Hadrigan selbst wollte sich vorerst nicht äußern.

faq/nil

insgesamt 82 Beiträge
Barfüsser 19.11.2019
1. Hat
wirklich jemand etwas anderes erwartet? Wenn Ja, hat er die letzten 20 Jahre Entwicklung von Meinungsäußerungen im Internet verschlafen. Im Schutz der vermeintlichen Anonymität die Sau raus lassen, das ist inzwischen schon [...]
wirklich jemand etwas anderes erwartet? Wenn Ja, hat er die letzten 20 Jahre Entwicklung von Meinungsäußerungen im Internet verschlafen. Im Schutz der vermeintlichen Anonymität die Sau raus lassen, das ist inzwischen schon traurige Normalität. Ohne Angabe der eigenen Identität, sind solche Bewertungen einfach nicht möglich.
neoleo99 19.11.2019
2. Dsgv
Wie soll das mit dem Lehrer- Bewerten eigentlich aussehen ? Da die Bewertungen wahrscheinlich anonym erfolgen, ist das ganze doch sinnlos. Paragraph 1 GG und die Datenschutzgrundverordnung lassen ebenfalls grüßen. Ein [...]
Wie soll das mit dem Lehrer- Bewerten eigentlich aussehen ? Da die Bewertungen wahrscheinlich anonym erfolgen, ist das ganze doch sinnlos. Paragraph 1 GG und die Datenschutzgrundverordnung lassen ebenfalls grüßen. Ein schulinternes Bewertungssystem, das von der Öffentlichkeit strikt getrennt ist, wäre da schon eher vorstellbar. Aber auch hier müsste man kontrollieren, ob es korrekt abläuft. Und schliesslich möchte auch kein Schüler eine Bewertung durch Mitschüler im Netz sehen, oder eine Bewertung der Eltern durch die Lehrer. Da würden alle gleich aufschreien.
frankenbaer 19.11.2019
3. WildWest
Das wird eine weitere Möglichkeit eröffnet, ungefiltert Bewertungen abzugeben. Anmeldung mittels Telefonnummer, keine Prüfung, ob der Bewerter den Bewerteten jemels erlebt hat. Keine Kontrolle, nichts zum Nachvollziehen. [...]
Das wird eine weitere Möglichkeit eröffnet, ungefiltert Bewertungen abzugeben. Anmeldung mittels Telefonnummer, keine Prüfung, ob der Bewerter den Bewerteten jemels erlebt hat. Keine Kontrolle, nichts zum Nachvollziehen. Jedes Jüngelchen darf seinen Traum von der Verbesserung der Welt - der digtitalen - ausleben. Herzlichen Glückwunsch
h3ld 19.11.2019
4. Spickmich
Gab es doch schon hieß damals "Spick mich". War so in Zeiten von SchülerVZ. Gab schon damals einen Aufschrei. Am Ende hat es dann aber doch keinen nachhaltig interessiert. Man sollte die Kirche im Dorf lassen und nicht aus [...]
Gab es doch schon hieß damals "Spick mich". War so in Zeiten von SchülerVZ. Gab schon damals einen Aufschrei. Am Ende hat es dann aber doch keinen nachhaltig interessiert. Man sollte die Kirche im Dorf lassen und nicht aus jeder Mücke einen Elefanten machen. Solche Hype Apps existieren meistens nur für eine kurze Zeit und leben vom Hype bis sie wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.
AlexZatelli 19.11.2019
5.
Laut mehreren Beiträgen auf standard.at verlangt die App Zugriff auf einen Haufen persönlicher Daten. Ist also eher eine Datenabgreif-App, mit der man hinterher persöliche Daten von leichtgläubigen Schülern monetarisieren [...]
Laut mehreren Beiträgen auf standard.at verlangt die App Zugriff auf einen Haufen persönlicher Daten. Ist also eher eine Datenabgreif-App, mit der man hinterher persöliche Daten von leichtgläubigen Schülern monetarisieren kann.
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