Leben und Lernen

Nachhaltigkeit an Schulen

"Viele Kinder wollen Orang-Utans retten, hatten aber noch keinen Wurm auf der Hand"

Weltweit setzen sich junge Menschen für mehr Klimaschutz ein. Politikforscherin Karola Braun-Wanke erklärt, was Lehrer und Eltern tun können, um Kinder in einem nachhaltigeren Leben zu unterstützen.

Westend61/ Getty Images

Ein Interview von
Sonntag, 22.09.2019   17:07 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig Umwelt- und Klimaschutz sind, sollte Kindern im Unterricht vermittelt werden. Wieso haben Sie zu diesem Themenbereich eine Schüleruni gestartet? Werden die Schulen ihrer Aufgabe nicht gerecht?

Braun-Wanke: Ich habe zwei Töchter, und als sie vor einigen Jahren in der fünften und sechsten Klasse das Klima und das Wetter durchnahmen, spielte der Klimawandel überhaupt keine Rolle. Die Lehrer sagten: "Das Thema ist zu schwierig, das können wir nicht noch zusätzlich bearbeiten". Ich finde es aber sehr wichtig, dass Kinder schon früh die Möglichkeit bekommen, sich mit zukunftsrelevanten Fragen zu beschäftigen. Deswegen habe ich angestoßen, die Universität für Berliner Schulen zu öffnen. Seit 2009 veranstalten wir die Schüleruni zweimal im Jahr. Dann widmet sich ein Team aus Referenten jeweils 1500 Kindern in rund 75 Workshops zum Thema Nachhaltigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Worum geht es dort konkret?

Braun-Wanke: Kinder können und sollen bei uns ganz viel ausprobieren. Wir experimentieren zum Beispiel, wie viel die Wärmedämmung von Gebäuden bringt. Die Kinder kleiden Schuhkartons mit Kork oder Styropor aus, stellen Gläser mit heißem Wasser hinein und messen die Temperatur. Sie tragen die Messwerte über einen bestimmten Zeitraum in Tabellen ein und vergleichen dann, wer sein Haus am besten gedämmt hat. Unsere Trainer und Trainerinnen sind Künstler, Köche, Fotografen oder Forscher, die mit den Kindern nicht nur ökologische, sondern auch politische, philosophische oder soziale Aspekte von Nachhaltigkeit erarbeiten. Das kommt gut an, weil die Kinder Dinge selbst entdecken können und nichts vorgekaut bekommen. Sie sind neugierig und saugen alles auf wie ein Schwamm.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen die ersten Workshops an?

Braun-Wanke: Sie schlugen förmlich ein. Wir hatten elf Workshops konzipiert und bekamen 4000 Anfragen, darauf waren wir gar nicht vorbereitet. Der Run ist immer noch da. Jede neue Schüleruni ist innerhalb von zwei Tagen ausgebucht. Zu uns kommen Schüler aus allen Milieus und Stadtteilen. Das ist uns wichtig, deshalb bieten wir die Workshops auch kostenlos an.

SPIEGEL ONLINE: Seit die Schülerproteste unter dem Motto "Fridays for Future" vor einem Jahr losgingen, ist das Thema Klimaschutz und Nachhaltigkeit medial und politisch sehr präsent. Doch wie sieht es an den Schulen aus?

Karola Braun-Wanke: In Berlin hat sich rund jede zehnte Schule in Richtung Nachhaltigkeit aufgemacht und das Thema im Unterricht oder im Schulprofil verankert. Da hat sich schon einiges getan. Doch flächendeckend ist die sogenannte Bildung für nachhaltige Entwicklung auf keinen Fall verankert. Sie ist kein Schulfach, sondern Lehrkräfte können sie angehen, egal ob sie Mathe oder Deutsch unterrichten. Doch genau das überfordert viele Pädagogen. Sie wissen nicht, wo sie anfangen sollen.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Lehrkräfte den Klimaschutz aufgreifen, etwa in einem Fach wie Mathe?

Braun-Wanke: Es gibt viele denkbare Rechenaufgaben, etwa: Wie viel Wasser steckt in der Produktion einer Jeans? Wie ist mein ökologischer Fußabdruck, wenn ich nach Kanada fliege? Dazu können Lehrer Unterrichtsmaterialien bekommen, zum Beispiel von uns. Wir bieten auch Fortbildungen für Pädagogen an. Letztlich geht es darum, über den eigenen Tellerrand zu blicken und jeden Unterricht sinnstiftender und lebensnaher zu gestalten. Dazu braucht es oft nicht viel: Man kann beispielsweise den Unterricht nach draußen verlegen oder auf Klassenausflügen wandern, statt bowlen gehen - und dabei zum Beispiel besprechen, wie die Klimakrise auch unsere heimischen Wälder verändert.

SPIEGEL ONLINE: "Fridays for Future" bringt viele junge Menschen auf die Straße. Aber ist Nachhaltigkeit wirklich etwas, das auch Kinder und Jugendliche beschäftigt, die nicht auf die Demos gehen?

Braun-Wanke: Bei "Fridays for Future" machen vorwiegend ältere Schüler mit - doch eigentlich kommt ab etwa 13 Jahren die Pubertät und es gibt viele Jugendliche, die dann oft demonstrativ keine Lust mehr haben, sich zu engagieren. 10- bis 13-Jährige sind tendenziell offener für das Thema. Unsere Erfahrung zeigt, dass sich Kinder in dieser Altersgruppe ehrlich um den Zustand der Welt sorgen und sich unmittelbar davon betroffen fühlen. Sie haben ein starkes Gespür dafür, was gerecht ist, und sie wollen sich für Dinge einsetzen, die ihnen wichtig sind. Es erschüttert sie zum Beispiel, wenn Schokolade mit Kinderarbeit hergestellt wurde und sie überreden dann ihre Eltern, solche Schokolade nicht mehr zu kaufen. Doch es gibt eine Diskrepanz.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Braun-Wanke: Viele Kinder wollen bedrohte Arten wie Orang-Utans und Elefanten retten, hatten aber noch nie einen Wurm auf der Hand und können heimische Bäume nicht auseinanderhalten. Das betrifft nicht nur Stadt- sondern auch Landkinder, die täglich vor der Playstation sitzen. Dabei kann man nur schützen, was man liebt und kennt. Kinder haben heute viele andere Kompetenzen, zum Beispiel wie man mit Medien umgeht. Doch Wissen über unsere Natur und über ein nachhaltiges Leben geht verloren: Wie macht man Marmelade selbst? Wie repariert man einen Fahrradschlauch? Es ist wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung, sich selbst zu ermächtigen. Kinder sind stolz auf sich, wenn sie etwas geschafft haben. Lehrer und Eltern sollten sie darin bestärken und einbeziehen.

SPIEGEL ONLINE: Nennen Sie mal ein Beispiel, bitte.

Braun-Wanke: Eltern können mit Kindern zu Hause diskutieren, ob die Familie in den Urlaub fliegen muss und ob ein neues Handy wirklich nötig ist. Sie können Kinder ins Kochen einbinden, sich Zeit für ein gemeinsames Essen nehmen. Sie können ihren Kindern zeigen, dass man Quark nicht wegwerfen muss, nur weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Sie sollten gute Vorbilder sein, denn Schulen allein können den Kindern moralische und ethische Grundwerte nicht nachhaltig mitgeben.

SPIEGEL ONLINE: Sie zählen winzige Maßnahmen auf, die die Erderwärmung und die Umweltzerstörung kaum verlangsamen werden.

Braun-Wanke: Niemand von uns lebt völlig nachhaltig. Wenn wir Bio-Äpfel kaufen, kommen die vielleicht aus Neuseeland oder lagerten monatelang in deutschen Kühlhäusern und sind deshalb auch nicht klimafreundlich. Wir müssen lernen, solche Widersprüche auszuhalten. Wir wissen alle nicht, wie Zukunft geht. Mit dieser Ungewissheit müssen wir leben lernen und uns darüber austauschen.

SPIEGEL ONLINE: Frustriert man Kinder nicht mit der Erkenntnis, nichts wirklich richtig machen zu können?

Braun-Wanke: Kinder können ganz gut damit umgehen, dass die Welt nicht perfekt ist. Aber sie müssen das Gefühl bekommen, dass es andere Menschen gibt, die für dieselbe Sache kämpfen und dass wir gemeinsam etwas erreichen können. Eltern und Lehrer können mit Kindern überlegen: Wollen wir einen Schulgarten anlegen? Eine Fahrrad-Reparaturwerkstatt aufbauen? Es gibt so viele einfache Ideen, es muss nicht komplex und teuer sein. Man muss einfach mal irgendwo anfangen.

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