Leben und Lernen

Nachhilfe in den Sommerferien

"Ich dachte, ich hätte jetzt mal Pause"

Tausende Schüler hocken gerade in Nachhilfeinstituten und lernen - trotz Ferien. Ob das wirklich nützt und vor allem wem, ist umstritten.

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Statt Freibad: Nachhilfeunterricht in den Ferien

Von und
Samstag, 17.08.2019   17:07 Uhr

Es gibt Tage in diesen großen Ferien, die würde Jan am liebsten nur mit seinen Freunden verbringen - geht aber nicht. Denn das sind die Tage, an denen der 16 Jahre alte Gymnasiast aus Nordrhein-Westfalen noch zur Nachhilfe muss. Mathe-Intensivkurs, 90 Minuten pro Tag, zwei Wochen lang.

"Als meine Mutter mir gesagt hat, dass ich auch in den Ferien zur Nachhilfe muss, war ich dagegen", sagt Jan. "Ich dachte, ich hätte jetzt mal Pause. Aber meine Mutter hat sich sehr gewünscht, dass ich auch in den Ferien Mathe lerne."

Nach einer Fünf in der siebten Klasse ist Jan bei einem Nachhilfeinstitut angemeldet, lernt in einer Kleingruppe. Eigentlich ist er nur während der Schulzeit dort - doch das Institut hat, wie viele andere in Deutschland, auch während der Ferien geöffnet. Tausende Schüler verbringen dort gerade viele Stunden ihres Sommers - was bei manchem Bildungsexperten auf Kritik stößt.

Angebot und Nachfrage: Sommerkurse als Geschäft

"Nachhilfeinstitute spielen oft mit der Angst der Eltern", sagt Bildungsforscher Rolf Dobischat von der Universität Duisburg-Essen, der erforscht hat, wie kommerzielle Nachhilfeeinrichtungen arbeiten. "Die Institute versprechen: 'Wenn Sie bei uns investieren, haben Ihre Kinder gute Startvoraussetzungen für das kommende Schuljahr!'"

Auf dieses Versprechen lassen sich dem Forscher zufolge viele Eltern, die um den Schulerfolg ihrer Kinder fürchten, bereitwillig ein. Und so besserten die Nachhilfeinstitute mit den Sorgen um die Leistungen im kommenden Schuljahr ihre Kassen auf.

Der "riesige Markt" für Nachhilfe sei zuletzt unter Druck geraten: "Jugendliche nutzen immer häufiger soziale Medien oder YouTube, um zu lernen. Das kostet nichts - während Nachhilfeinstitute darum kämpfen müssen, im Markt zu bestehen", sagt Dobischat. Das Angebot werde vielerorts auch deshalb ausgeweitet, etwa auf Sommerkurse.

Offizielle Zahlen, wie viele Schüler die Ferienkurse der Nachhilfeinstitute in Deutschland nutzen, gibt es nicht. Eine Nachfrage des SPIEGEL bei zwei größeren Anbietern, dem Studienkreis und der Schülerhilfe, zeigt jedoch, dass das Sommerangebot zu einem wichtigen Geschäftsbereich geworden ist.

10.000 Anmeldungen für die Ferien

Max Kade, Bereichsleiter beim Studienkreis, bestätigt das. Aus seiner Sicht spielen die Institute allerdings mitnichten mit elterlichen Ängsten - sondern haben auf einen gestiegenen Bedarf reagiert. "Es gibt immer mehr Eltern, die wollen, dass ihr Kind gut oder sogar besser ins neue Schuljahr startet. Unsere speziellen Sommerkurse, die wir seit etwa fünf Jahren anbieten, werden Jahr für Jahr stärker nachgefragt."

Wer die Website des Studienkreises besucht, sieht zwei junge Menschen mit Sonnenbrille. "Ferienkurs nur 36 Euro!" steht daneben. Das ist der Preis für zehn Nachhilfestunden à 45 Minuten. Bonus: Wer einen Folgevertrag abschließt, bekommt das Geld für den Sommerkurs zurück.

Laut Kade lassen sich darauf einige Schüler ein und machen weiter mit der Nachhilfe. Auch deshalb seien die Sommerkurse gut fürs Geschäft. Aber aus seiner Sicht wird Nachhilfe ohnehin auf stabil hohem Niveau nachgefragt. Beim Studienkreis sind deutschlandweit rund 60.000 Kinder und Jugendliche angemeldet, die einmal oder mehrmals pro Woche zur Nachhilfe kommen. Allein in diesem Jahr hätten sich nur für die Ferienzeit zusätzlich 10.000 weitere angemeldet.

Die Schülerhilfe, die nach eigenen Angaben rund 125.000 Schüler jährlich betreut, bietet ebenfalls Sommerkurse an. Zu einer höheren Auslastung der Institute führten die Ferien zwar nicht, sagt eine Sprecherin. "Es kommen aber immer mehr gute Schüler zu uns, die freiwillig eine bestmögliche Note in der Abschlussprüfung erreichen möchten."

"Veranstaltung der gut verdienenden Mittelschicht"

Bildungsforscher Dobischat dagegen kritisiert: "Die Institute verdienen mit der Hoffnung der Eltern Geld, nicht mit den Problemen der Kinder." Anbieter nähmen in Anspruch, zu ersetzen, was das traditionelle Bildungssystem nicht mehr leisten könne: "Defizite zu kompensieren". Gelinge das, profitiere vor allem eine bestimmte Gruppe: "Nachhilfe ist häufig eine Veranstaltung der gut verdienenden Mittelschicht", sagt Dobischat. "Die Institute konservieren die Chancenungleichheit."

Beim Studienkreis hat man andere Erfahrungen gemacht. Es falle Familien mit geringeren Einkommen schwerer, die Nachhilfe zu finanzieren, sagt Kade, aber auch diesen sei die Schulbildung für ihr Kind so wichtig, dass sie dafür Geld aufbrächten. Auch in sozial schwachen Regionen gebe es viele Institute. Und gerade Sommerkurse seien auch für Familien mit wenig Geld bezahlbar.

Dobischat dagegen sieht das ganze Nachhilfesystem kritisch. Er fordert, die Institute stärker an die Qualitätsstandards der öffentlichen Schulen zu binden - etwa, indem Ganztagsschulen so ausgebaut werden, dass dort alle die Möglichkeit haben, Nachhilfe in Anspruch zu nehmen: "Nachhilfe sollte eine Serviceleistung der Schulen sein."

Wenn Jan schwänzt, muss er zahlen

Stattdessen zahlen viele Eltern, wie auch Jans Mutter, das ganze Jahr über für Nachhilfe an einem Institut. Bei ihr sind das jeden Monat 140 Euro. Die Kurse in den Ferien seien inklusive, und deshalb solle Jan sie auch nutzen, sagt die Mutter, die ihrem Sohn zuliebe ihren richtigen Namen hier nicht nennen will.

Dass Anbieter elterliche Sorgen ausnutzen, um Geld zu verdienen, hat sie selbst nicht erlebt. "Aber natürlich ist man bis zu einem gewissen Grad verzweifelt, wenn man sich an so ein Institut wendet, weil das Kind nicht in der Spur läuft, sondern schlechte Noten hat", sagt sie. Für sie sei die Nachhilfe vor allem eines gewesen: eine Entlastung.

Jan habe nicht nur öfter "Pech mit seinen Mathelehrern" gehabt, sondern sei auch faul gewesen. Anfangs habe sie selbst mit ihm geübt, "aber da sind wir oft aneinandergeraten, und ich hatte irgendwann keine Lust mehr auf die schlechte Stimmung." Deshalb habe sie "ihn hängen lassen, bis die Fünf auf dem Zeugnis stand" und sich dann an ein Nachhilfeinstitut gewandt.

"Ich hatte das Gefühl: Ich gebe einen Teil der Verantwortung in gute Hände ab", sagt die Mutter. Natürlich habe sie die Hoffnung gehabt, dass ihr Sohn sich in Mathe verbessere - und die sei nach mehreren Monaten nicht enttäuscht worden. Vielleicht auch, weil Jan in der Kleingruppe nichts übrig blieb, als zu lernen. Und weil seine Mutter angedroht hatte, er müsse die Kosten erstatten, wenn er die Kurse schwänze.

Lernen ohne Pause?

Inzwischen hat Jan jedenfalls eine Drei in Mathe, auch dank der Nachhilfe, wie er selbst sagt. Der 16-Jährige sieht durchaus ein, dass ihm das Angebot nützt, hadert aber trotzdem mit dem Sommerkurs: "Zwei Wochen, jeden Tag, das ist zu viel", sagt Jan. Er verpasse Unternehmungen mit Freunden oder könne nicht ausschlafen.

Bildungsexperten empfehlen immer wieder, die Ferien auch als solche zu nutzen. "Für den ein oder anderen kann es sinnvoll sein, Nachhilfe zu nehmen, auch in den Ferien", sagt Dobischat. "Doch die meisten Kinder sind durch den Leistungsdruck in der Schule schon genug ausgelastet. Davon brauchen sie Erholung." Es ließe sich ohnehin nicht nachweisen, dass Sommerkurse die Noten auf Dauer verbesserten - und eine längere Regenerationszeit sei wichtig.

Beim Studienkreis sieht man das anders: Sechs Wochen Ferien seien so lang, "dass bestimmt Dinge auch wieder vergessen werden", sagt Kade. "Gerade dann, wenn Kinder manche Themen des letzten Jahres noch nicht sicher beherrschen, kann eine Wiederholung in den Ferien sinnvoll sein. Da das Lernen nicht unter Notendruck geschieht und nicht parallel zur Schule, ergibt sich häufig eine entspanntere Lernsituation, die motivierend und erfolgreich ist."

Freiwillig nach Oxford, freiwillig zum Mathekurs

So empfindet es zum Beispiel die 18-jährige Gymnasiastin Marina. Auch sie macht einen Mathe-Ferienkurs bei einem Nachhilfeinstitut. Dafür verzichte sie darauf, mit den Eltern in den Urlaub zu fahren. "Ich möchte Lehrerin werden, deswegen darf ich mir den Abischnitt nicht versauen. Außerdem ist es komisch, wenn eine angehende Lehrerin mal eine Fünf auf dem Zeugnis hatte", findet sie.

Marina schiebt hinterher: "Um ehrlich zu sein, will ich nach den Ferien auch eine Mitschülerin beeindrucken, die in Mathe eine Note besser ist." Es sei eine "völlig freie Entscheidung" gewesen, einen zweiwöchigen Mathekurs zu belegen. Ebenso wie zu Beginn der Ferien eine zweiwöchige Sprachreise nach Oxford zu unternehmen. "Ich wollte meine Aussprache in Englisch verbessern."

Mit Schülern aus 13 Nationen habe sie "jeden Tag gebüffelt", sagt Marina. "Eine tolle Erfahrung, die ich jederzeit wieder machen würde." Und die freie Zeit? Mit Freunden abhängen? "Mache ich auch", sagt Marina. "Aber sechs Wochen gehen lassen? Dann würde ich mir Sorgen machen, dass der Einstieg ins neue Schuljahr schwer wird."

Sie findet, es sei ihre eigene Schuld, dass sie in Mathe abgerutscht sei. "An meinen Lehrern lag es nicht. Ich war das Problem: Ich bin einfach sehr gut darin, im Unterricht nicht aufzupassen."

insgesamt 15 Beiträge
Crom 17.08.2019
1.
Bei 90 Minuten am Tag sollte es noch genug Zeit für Freunde etc. geben.
Bei 90 Minuten am Tag sollte es noch genug Zeit für Freunde etc. geben.
seeyouin1982 17.08.2019
2. Herr Dobischat ist
schlecht informiert. Auch Familien von sehr geringem Einkommen haben Zugang zu "teuren" Nachhilfeinstituten, dafür sorgen die "Bildung- und Teilhabe"-Angebote. Was die Förderung in Ganztagsschulen betrifft: [...]
schlecht informiert. Auch Familien von sehr geringem Einkommen haben Zugang zu "teuren" Nachhilfeinstituten, dafür sorgen die "Bildung- und Teilhabe"-Angebote. Was die Förderung in Ganztagsschulen betrifft: In der Nachmittagsbetreuung sind viele Mitarbeiter tätig, die nicht mal die richtigen Artikel beherrschen. Die sollen dann mit Schülern Hausaufgaben machen. In den Nachhilfeinstituten handelt es sich bei den Lehrkräften mindestens um Studenten mit fachspezifischen Kenntnissen. Was die Ferienkurse betrifft: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Auch in Nachhilfeinstituten läßt man bei 35 Grad "fünfe grade sein". Nicht die Nachhilfeinstitute sollten in der Kritik stehen, sondern die Lehrer, die 1. Klässler (!) quasi dazu nötigen, sich extern Hilfe zu suchen.
ned divine 17.08.2019
3. Hat mit den Lehrern sicher wenig zu tun, sondern ....
wieviel Zeit WÄHREND des Schuljahres genutzt wird um auch zu lernen, Hausaufgaben zu machen etc. Sorry, aber zu meiner Zeit vor etwa 30 Jahren musste kaum jemand Nachhilfe bekommen. Heute gibts dann Lese/ [...]
Zitat von seeyouin1982schlecht informiert. Auch Familien von sehr geringem Einkommen haben Zugang zu "teuren" Nachhilfeinstituten, dafür sorgen die "Bildung- und Teilhabe"-Angebote. Was die Förderung in Ganztagsschulen betrifft: In der Nachmittagsbetreuung sind viele Mitarbeiter tätig, die nicht mal die richtigen Artikel beherrschen. Die sollen dann mit Schülern Hausaufgaben machen. In den Nachhilfeinstituten handelt es sich bei den Lehrkräften mindestens um Studenten mit fachspezifischen Kenntnissen. Was die Ferienkurse betrifft: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Auch in Nachhilfeinstituten läßt man bei 35 Grad "fünfe grade sein". Nicht die Nachhilfeinstitute sollten in der Kritik stehen, sondern die Lehrer, die 1. Klässler (!) quasi dazu nötigen, sich extern Hilfe zu suchen.
wieviel Zeit WÄHREND des Schuljahres genutzt wird um auch zu lernen, Hausaufgaben zu machen etc. Sorry, aber zu meiner Zeit vor etwa 30 Jahren musste kaum jemand Nachhilfe bekommen. Heute gibts dann Lese/ Rechtschreibschwäche, Legasthenie und so weiter, alles hat einen schicken Namen, dabei versteckt sich zu allermeist dahinter, wenig Zuspruch und Förderung durch das Elternhaus. In diesen Elternhäusern sind die Kinder sich selbst überlassen. Und so was kommt dann eben dabei raus. Wer während des Schuljahres fleissig ist und von den Eltern unterstützt wird und lernbereit ist, wird die Ferien auch in aller Regel NICHT benötigen, um das Versäumte nachzuholen.
MiroMar 17.08.2019
4. Dabei gibt es gute Hilfe kostenfrei
Eh ich mein Kind mit Nachhilfe stresse und 140 Euro im Monat hinlege, melde ich uns lieber bei serlo.org an. Diese Lernplattform ist kostenfrei und hochwertig, wird mit Lehrern und Schülern entwickelt und wir können uns am [...]
Eh ich mein Kind mit Nachhilfe stresse und 140 Euro im Monat hinlege, melde ich uns lieber bei serlo.org an. Diese Lernplattform ist kostenfrei und hochwertig, wird mit Lehrern und Schülern entwickelt und wir können uns am Lehrplan entlang hangeln oder einfach etwas vertiefen, was uns gerade interessiert. Spaß macht das auch noch. Gerade lese ich, dass sie fast 1 Mio. User haben. Da frage ich mich, warum so etwas in diesem Artikel keine Erwähnung findet.
schamot 17.08.2019
5. Jedes Lernen hilft!
Der Schüler muß aber selbst aktiv sein und nicht nur passiv konsumieren...und muß es selbst wollen zu lernen, nicht nur der noten wegen. Sonst bringt es nur den Nachhilfeinstituten Geld, aber keine Reputation. Die Noten bleiben [...]
Der Schüler muß aber selbst aktiv sein und nicht nur passiv konsumieren...und muß es selbst wollen zu lernen, nicht nur der noten wegen. Sonst bringt es nur den Nachhilfeinstituten Geld, aber keine Reputation. Die Noten bleiben ja trotzdem schlecht.

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