Leben und Lernen

Ramadan im Klassenzimmer

So gehen Schulen mit fastenden Kindern um

Der Ramadan hat begonnen - und damit auch die Diskussionen darüber, ob Kinder und Jugendliche während der Schulzeit fasten sollten. Was steht im Koran? Und was können Lehrer tun?

DPA

Islamischer Religionsunterricht: "Nur fasten, wenn es nicht schädlich ist"

Von Lara Jäkel und Franca Quecke
Dienstag, 14.05.2019   14:07 Uhr

"Wir wären keine Schulgemeinschaft, wenn wir dabei Andersgläubige ausschließen würden", schreibt eine Schule in Aschaffenburg auf ihrer Website und begründet damit, dass sie ihr Schulfest wegen des Fastenmonats Ramadan verlegt hat.

Diese Verlegung hat der Schule viel Ärger eingebracht. Man habe "eine Vielzahl unschöner E-Mails und Telefonanrufe" erhalten, heißt es auf der Website. Rechte Gruppen hätten im Netz aufgerufen, die Schule mit Beschimpfungen und Beleidigungen lahmzulegen, sagte Schulleiter Johannes Grod der "Welt".

Der Fall zeigt, wie groß die Skepsis gegenüber muslimischen Traditionen bei Vielen ist. Vor allem das Fasten in der Schulzeit stößt jedes Jahr wieder auf Unverständnis. Aber müssen muslimische Kinder überhaupt daran teilnehmen? Was ist medizinisch vertretbar? Und wie sollten sich Schulen und Lehrer verhalten? Die wichtigsten Antworten auf einen Blick:

Was steht im Koran über das Fasten?

Dem Fastenmonat kommt als eine von fünf Säulen des Islam eine große Bedeutung zu. Das Alter, ab dem gefastet werden sollte, ist im Koran nicht konkret festgelegt. Kinder vor der Pubertät müssten jedoch nicht fasten, sagt Islamwissenschaftler Michael Kiefer von der Universität Osnabrück. Außerdem stehe im Koran sehr deutlich: "Man soll nur fasten, wenn es nicht schädlich ist."

Wann ist das Fasten schädlich?

Grundsätzlich gilt: Je jünger Kinder sind, desto problematischer ist es, wenn sie fasten. Laut Hermann Kahl vom Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte ist vor allem das Trinken wichtig: "Wenn Kinder wirklich den ganzen Tag keine Flüssigkeit zu sich nehmen, ist von Erschöpfung bis Kreislaufkollaps nichts auszuschließen."

Kindern und Eltern empfiehlt Kahl daher altersgerechte Kompromisse: "Kinder können zum Beispiel etwas Wasser trinken, dafür aber weniger Zeit vor dem Handy verbringen oder auf Süßigkeiten verzichten."

Auch Islamwissenschaftler Kiefer spricht sich für eine lockere Handhabung aus: "Wenn man unkonzentriert wird oder eine mehrstündige Klausur schreiben muss, kann man das Fasten ruhig unterbrechen und später nachholen."

Das entspricht auch den Empfehlungen, die das Bezirksamt Berlin-Neukölln 2017 zusammen mit Schulleitern und muslimischen Vereinen erstellt hat. "Kinder und Jugendliche, die fasten wollen, sollten etwas zu essen und zu trinken mit in die Schule nehmen. Sie sollen das Fasten unterbrechen können, wenn gesundheitliche Probleme auftreten", heißt es darin.

Wenn das Fasten den Noten schadet, könne es ebenfalls verschoben werden, stellte die Deutsche Islam Konferenz 2009 fest: "Im Islam ist es nicht erwünscht, dass wegen des Fastens die Leistungen in der Schule schlechter werden."

Welche Probleme treten im Alltag auf?

"Momentan wird öfter ein Junge zu mir ins Büro geschickt, der ADHS hat, aber Medikamente fastet. Mit seiner Hibbeligkeit hält er die ganze Klasse auf Trab", erzählt Daniela Töpfer*, die seit knapp 30 Jahren als Sozialpädagogin an einer Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen arbeitet.

Auch im Hitzesommer im vergangenen Jahr mussten an Töpfers Schule öfter Kinder wegen Erschöpfung oder Schwächeanfällen abgeholt werden, manchmal zwei- bis dreimal in der Woche. "In den vergangenen Jahren ist uns aufgefallen: Viele Kinder fangen immer früher mit dem Fasten an. Deshalb bitten wir die Eltern, ihre Kinder in der Unterstufe noch nicht fasten zu lassen", sagte Töpfer.

Der Wunsch, auf Essen und Trinken zu verzichten, komme dabei häufig nicht von den Eltern: "Manchmal konkurrieren meine Kinder richtig darum, wer am besten fasten kann. Wer dann nicht mitmacht oder im Sportunterricht zur Wasserflasche greift, muss sich blöde Sprüche anhören", sagt Töpfer. Viele Eltern wüssten nicht einmal, dass ihr Kind faste.

Wie ist die rechtliche Lage?

Die Religionsfreiheit ist im Grundgesetz verankert. Schülerinnen und Schülern sei es deshalb unbenommen, auch in der Schule zu fasten und auf Nahrung und Getränke zu verzichten, schreibt die Deutsche Islam Konferenz. "Gleichwohl haben Schülerinnen und Schüler auch im Ramadan die Pflicht daran mitzuarbeiten, dass die Aufgaben der Schule erfüllt und die Bildungsziele erreicht werden können."

Was heißt das für die Schulen?

Es gibt keine bundesweit einheitlichen Vorgaben, wie Schulen die Rücksicht auf fastende Kinder und Jugendliche mit einem reibungslosen Unterrichtsalltag vereinbaren sollen. Es sollte ihnen allerdings hauptsächlich um die Gesundheit von Schülerinnen und Schülern gehen, teilte das nordrhein-westfälische Schulministerium auf Anfrage mit.

"Schulen können in Absprache mit den Eltern individuelle Lösungen entwickeln, die den schulischen Erfolg, das Wohlbefinden und die Religionsausübung der fastenden Schülerinnen und Schüler einbeziehen", sagte ein Ministeriumssprecher. Klassenarbeiten könnten dafür verschoben werden - nicht aber das Zentralabitur.

Wie gehen Schulen mit fastenden Kindern um?

Die Gesamtschule, an der Daniela Töpfer arbeitet, nimmt im Alltag wenig Rücksicht auf die muslimische Fastenzeit: "Wir verschieben keine Klassenarbeiten und lassen keinen Sportunterricht ausfallen", erzählt die Sozialpädagogin.

Dennoch bemühten sich Lehrkräfte und Sozialpädagogen so gut es geht darum, den fastenden Schülern entgegenzukommen: "Als im letzten Jahr die Abiturfeier in den Ramadan gefallen ist, haben wir lange hin- und herüberlegt, um doch noch einen anderen Tag zu finden."

Dieses Entgegenkommen sei wichtig für die Kinder, sagt auch die Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin Hanan Badr. Ihre 13-jährige Tochter fühle sich oft hin- und hergerissen zwischen der deutschen und der muslimischen Kultur. Damit Schüler nicht das Gefühl bekämen, sich dazwischen entscheiden zu müssen, sei Verständnis auf beiden Seiten notwendig: Muslimische Schülerinnen und Schüler sollten nur in dem Maße fasten, wie es mit ihren schulischen Pflichten vereinbar sei, sagt Badr. Gleichzeitig sollten Schulen mehr über das Thema aufklären, zum Beispiel durch Projekte über verschiedene religiöse Strömungen.

* Name von der Redaktion geändert

insgesamt 111 Beiträge
vox veritas 14.05.2019
1.
"Was steht im Koran über das Fasten?" Was im Koran steht ist unerheblich. Wir leben in einer säkularen Gesellschaft, für die sich übrigens gerade auch der SPON verhement einsetzt. Da ist es unerheblich was in der [...]
"Was steht im Koran über das Fasten?" Was im Koran steht ist unerheblich. Wir leben in einer säkularen Gesellschaft, für die sich übrigens gerade auch der SPON verhement einsetzt. Da ist es unerheblich was in der Tora,in der Bibel oder im Koran steht. Wichtig ist nur, was im Schulgesetz steht. Oder sehe ich das falsch?
grünerführer 14.05.2019
2. Immer wieder Religion...
Amüsant das man der Religion an dem Ort, der Schule, an dem eigentlich WISSEN vermittelt werden soll, solch einen großen Platz einräumt. Da muss man sich nicht wundern das sich die Menschheit nicht weiterentwickelt. [...]
Amüsant das man der Religion an dem Ort, der Schule, an dem eigentlich WISSEN vermittelt werden soll, solch einen großen Platz einräumt. Da muss man sich nicht wundern das sich die Menschheit nicht weiterentwickelt. Naja, daa Kindeswohl hat man ja auch schon geopfert für das Beschneidungsgesetz. Wieso klagt niemand gegen dieses? Ich kann mir nicht vorstellen das dieses vor einer Klage bestehen könnte.
tropfstein 14.05.2019
3. Religion ist Privatsache
Was im Koran steht, interessiert nicht. Schon gar nicht, was der eine oder andere Islamtheologe dazu sagt. In einem säkularen Staat ist Religion Privatsache, ganz und gar privat. Das heißt, jeder kann im Rahmen der allgemeinen [...]
Was im Koran steht, interessiert nicht. Schon gar nicht, was der eine oder andere Islamtheologe dazu sagt. In einem säkularen Staat ist Religion Privatsache, ganz und gar privat. Das heißt, jeder kann im Rahmen der allgemeinen Spielregeln glauben oder tun und lassen was er will. Im vorliegendan Fall heißt die Frage: soll man das Schulfest verlegen, weil es vielen aus rein persönlichen Gründen nicht passt? Also ungefähr so wie: soll man Schulfest verlegen, weil an diesem Tag Schalke 04 im Endspiel steht. Oder weil parallel die Dorfmeisterschaft im Eiersuchen ist. Darüber lässt sich reden. Aber kein Anspruch ableiten - wie sich aus der eigenen Religion sowieso nie irgendein Anspruch ableiten lässt. Anders ist es, wenn fanatische Eltern ihre Kinder schädigen - das ist ein Fall fürs Jugendamt. Schlimmstenfalls für die Staatsanwaltschaft.
piamaria 14.05.2019
4. Fasten im Alltag
Ich halte Fasten während der Schulzeit sowie während der Arbeitszeit für absolut kontraproduktiv und unter Umständen sogar für fahrlässig. Ich möchte im Krankenhaus von keinem Arzt/keiner Ärztin behandelt werden, der/die [...]
Ich halte Fasten während der Schulzeit sowie während der Arbeitszeit für absolut kontraproduktiv und unter Umständen sogar für fahrlässig. Ich möchte im Krankenhaus von keinem Arzt/keiner Ärztin behandelt werden, der/die wochenlang tagsüber nichts isst oder trinkt. Das halte ich für verantwortungslos und gefährlich.
Oliver Sprenger de Montes 14.05.2019
5.
Tja, leider wird da in Deutschland mit zweierlei Maß gemessen. Z. B., steht in diesen tollen Büchern auch, man solle an den Genitalien der Kinder rumschneiden, aber das wird dann in Deutschland vom Gesetzgeber leider nicht [...]
Zitat von tropfsteinWas im Koran steht, interessiert nicht. Schon gar nicht, was der eine oder andere Islamtheologe dazu sagt. In einem säkularen Staat ist Religion Privatsache, ganz und gar privat. Das heißt, jeder kann im Rahmen der allgemeinen Spielregeln glauben oder tun und lassen was er will. Im vorliegendan Fall heißt die Frage: soll man das Schulfest verlegen, weil es vielen aus rein persönlichen Gründen nicht passt? Also ungefähr so wie: soll man Schulfest verlegen, weil an diesem Tag Schalke 04 im Endspiel steht. Oder weil parallel die Dorfmeisterschaft im Eiersuchen ist. Darüber lässt sich reden. Aber kein Anspruch ableiten - wie sich aus der eigenen Religion sowieso nie irgendein Anspruch ableiten lässt. Anders ist es, wenn fanatische Eltern ihre Kinder schädigen - das ist ein Fall fürs Jugendamt. Schlimmstenfalls für die Staatsanwaltschaft.
Tja, leider wird da in Deutschland mit zweierlei Maß gemessen. Z. B., steht in diesen tollen Büchern auch, man solle an den Genitalien der Kinder rumschneiden, aber das wird dann in Deutschland vom Gesetzgeber leider nicht verboten, trotz der lebenslangen körperlichen und psychischen Folgen.
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