Leben und Lernen

Schulboykott auf Samos

Sind Eltern besorgt - oder rassistisch?

Auf der griechischen Insel Samos machen Eltern gegen Schüler aus einem Flüchtlingslager mobil - indem sie ihren eigenen Kindern den Schulbesuch verweigern. Was dahintersteckt.

SPIEGEL ONLINE
Von , Samos
Donnerstag, 21.03.2019   15:33 Uhr

Acht Uhr morgens, ein kühler Frühlingstag in Ano Vathy. Hier, in diesem ruhigen, hügeligen Viertel der Stadt Samos auf der gleichnamigen Insel, ist um diese Zeit normalerweise viel Betrieb, wenn Eltern und Schüler aus allen Richtungen in die Grundschule strömen.

An diesem Morgen aber kommt kaum jemand in die Schule, die in einem schönen, alten Gebäude untergebracht ist. Großer Innenhof, Blick auf das azurblaue Wasser der Bucht. Als um 8.15 Uhr die Schulglocke klingelt, stehen nicht mehr als ein paar Dutzend Schüler in der Schlange fürs Morgengebet, Teil des täglichen Rituals in jeder griechischen Schule.

Der Grund für die Leere auf dem Schulhof: Seit Anfang März schicken die meisten Eltern der Ano Vathy-Grundschule ihre Kinder nicht mehr zum Unterricht. So wollen sie dagegen protestieren, dass die Schule 14 Kinder aus dem völlig überfüllten Flüchtlingslager der Insel in Integrationsklassen aufgenommen hat.

Im Schnitt besuchten in den vergangenen zwei Wochen nur 20 bis 35 Schüler pro Tag die Ano Vathy-Grundschule, sonst sind es 150. Weitere Eltern in Vathy und von anderen Schulen auf Samos haben sich dem Boykott angeschlossen.

Eltern fürchten Gesundheitsrisiken

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Griechenland: Schulstreik gegen Flüchtlingskinder

Die Begründung für den Boykott: Die im Lager lebenden Migrantenkinder stellen den Eltern zufolge angeblich eine Gesundheitsgefahr für ihre eigenen Kinder dar. "Diese Kinder leben unter armseligen Bedingungen im Lager, mit Ratten und allen möglichen Krankheiten. Wir fühlen uns nicht sicher, wenn wir unsere eigenen Kinder zur Schule bringen", sagte ein Vater, der die Aktion unterstützt und anonym bleiben möchte, dem SPIEGEL.

Einen Tag später, am Donnerstag, wird der Boykott von Elternverbänden ausgesetzt - allerdings nur vorläufig. Das sei eine "Geste des guten Willens", sagen sie, um den Politikern Zeit zu geben, sich mit den Sorgen der Eltern auseinanderzusetzen - und um den eigenen Kindern die Möglichkeit zu geben, an den Paraden und Feierlichkeiten am 25. März teilzunehmen, dem griechischen Nationalfeiertag.

Aber die Eltern warnen: Sie würden weitere Mitstreiter für ihre Proteste mobilisieren, sollten Politiker ihre Forderungen nicht ernst nehmen. Kinder aus dem Flüchtlingslager dürften so lange nicht mehr die Integrationsklassen besuchen, bis sie unter vernünftigen Bedingungen lebten und dementsprechend für andere Kinder "ungefährlich" seien.

"Absoluter Unsinn"

Tatsächlich sind die Lebensbedingungen im Flüchtlingslager auf der sogenannten Hotspot-Insel Samos dramatisch. Die Zahl der Asylbewerber, die über die Türkei auf die Insel gekommen sind, ist hoch. In dem Lager, ursprünglich einmal für etwa 650 Menschen gebaut, leben aktuell mehr als 4000 Flüchtlinge, darunter Hunderte Minderjährige. Das sorgt für Unruhe in der Bevölkerung.

Die Behauptung, dass die im Lager lebenden Kinder ein Gesundheitsrisiko darstellten, wird jedoch von Regierung und Gesundheitsbehörde strikt zurückgewiesen.

"Was diese Eltern behaupten, ist absoluter Unsinn. Alle Flüchtlingskinder wurden vor dem Schulbesuch von einem Kinderarzt untersucht, sie haben Impfpapiere, sie stellen für niemanden eine Gefahr dar", sagte Nikos Kaklamanis, Arzt am Samos Public Hospital, im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Die wahren Motive der Eltern, sagt Kaklamanis, seien wohl andere. Er glaubt, dass der Schulboykott - auch wenn er nun ausgesetzt wurde - die wachsende Ablehnung der lokalen Bevölkerung gegenüber Asylbewerbern auf Samos widerspiegele. "Fest steht: Auf unserer Insel gibt es eine ekelhafte Hinwendung zu Intoleranz und Rassismus."

Es gebe drei Kategorien von Eltern: "Einige sind einfach Rassisten und Fremdenfeinde. Andere sind falsch informiert. Und die dritte Gruppe wird von den anderen bedrängt und schikaniert. Diese Eltern haben einfach Angst, dass sie und ihre Kinder ins Visier genommen werden, wenn sie sie zur Schule bringen."

Getrennter Unterricht, getrennte Toiletten

Die Flüchtlingskinder, oftmals traumatisiert durch Krieg und Verfolgung in ihren Heimatländern sowie eine gefährliche Reise nach Europa, sind doppelt gestraft: erstens durch die schrecklichen Lebensbedingungen im Lager, zweitens dadurch, dass sie in den wenigen Stunden, die sie in einer öffentlichen Schule verbringen, deutlich von anderen Kindern getrennt werden.

Nur 28 Kinder aus dem Flüchtlingslager besuchen öffentliche Grundschulen auf Samos. Dabei kommen die griechischen Kinder überhaupt nicht in direkten Kontakt mit den Flüchtlingskindern. Deren Unterricht findet zu anderen Zeiten am Nachmittag statt.

Sogar eigene Toiletten gibt es für die Kinder aus dem Lager. Den besorgten Eltern aber reicht das nicht. Sie wollen, dass die jungen Migranten auf andere, separate Schulen gehen - zumindest so lange, bis sie nicht mehr im Lager untergebracht sind.

"Aussaat von Intoleranz"

Die Regierung kritisiert den Boykott scharf. In einem offenen Brief rief der griechische Migrationsminister Dimitris Vitsas die Eltern auf, "die Bestrafung ihrer Kinder einzustellen" und "die Aussaat von Intoleranz in ihre zarten Seelen" zu unterlassen. Vitsas führt den Boykott auf den Versuch zurück, auf der Insel "ein Klima von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus" zu erzeugen.

Die Eltern, die den Boykott unterstützen und mit dem SPIEGEL sprachen, weisen das zurück. Sie seien keine Rassisten, von ihren Protesten würden vielmehr auch die Flüchtlingskinder profitieren. Der Schulboykott setze die Politik unter Druck und sorge so dafür, dass die Kinder in ordentlichen Verhältnissen untergebracht würden.

Aber, so eine Mutter, so lange dies nicht gegeben sei, würde sie ihre eigenen Kinder zu Hause lassen. "Im Moment kann mir niemand garantieren, dass unter solchen Bedingungen lebende Kinder keine Krankheiten auf das Schulgelände bringen."

Den geflüchteten Kindern ist all das kaum zu vermitteln: "Sie fragen schon, wo denn die griechischen Kinder in der Schule geblieben sind", sagt Maria Theodosiou, die den Schulbesuch der Kinder aus dem Lager organisiert. "Die Lehrer vermeiden dann klare Antworten, um die Gefühle der geflüchteten Kinder nicht zu verletzen."

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