Leben und Lernen

Schülersprecher in Deutschland

Freundlich abgebügelt?

Sie sollen die Interessen von Millionen Schülern vertreten: Schülersprecher auf Landes- und Bundesebene. Jugendliche dürfen hier politisch aktiv werden - brauchen aber jede Menge Frustrationstoleranz.

Johannes Gosch

Zeugnis für die Bildungsministerin - Mitarbeit: Ungenügend

Von Franca Quecke
Montag, 08.07.2019   10:11 Uhr

Fast die ganze erste Reihe bleibt leer. Nur ein Pressevertreter ist gekommen, obwohl sich eigentlich mehrere angesagt hatten. Enttäuschte Gesichter bei den Gastgebern. Die Schülervertreter auf der Bundesschülerkonferenz (BSK) hatten in Berlin zur Pressekonferenz eingeladen, zuvor tagelang Papiere und Positionen vorbereitet. Nun interessiert sich doch kaum jemand für ihre Anliegen.

Am Ende der Präsentation fragt der Pressesprecher der Schüler, ob es noch weitere Fragen gebe. Einige blicken erwartungsvoll auf den Journalisten. Der verneint, ein kurzes Interview mit einem von ihnen würde ihm reichen. Nach 13 Minuten ist die Pressekonferenz vorbei, das war's.

Es ist dieses geringe Interesse von den Medien, aber auch in der Politik, über das sich die knapp 40 Landesschülervertreter, die fast aus der gesamten Republik angereist sind, ärgern - und ihnen bei allem Engagement vor allem eins abfordert: Frustrationstoleranz.

Sich ignoriert und zu wenig ernst genommen fühlen - das hätte eigentlich auch ein zentraler Punkt auf ihrer Pressekonferenz sein sollen. Sie wollten Bildungsministerin Anja Karliczek medienwirksam ein Zeugnis ausstellen. Mitarbeit: Ungenügend. Unentschuldigte Fehltage: Vier. Denn vier Mal hätten sie Karlizcek zur BSK eingeladen, per Mail, per Post, nachgehakt am Telefon. Oft sei das ohne Reaktion geblieben.

"Behördenversehen"

Im Bildungsministerium verteidigt man sich. Die Schüler hätten die Ministerin nur ein Mal eingeladen. Ja, man habe "zeitverzögert" abgesagt, und zwar "aufgrund eines Büroversehens", wie ein Sprecher dem SPIEGEL auf Anfrage mitteilt. Aus terminlichen Gründen habe die Ministerin der Einladung nicht folgen können, aber sie spreche "mit allen legitimierten Gruppierungen entlang der Bildungskette."

So warten die Schülervertreter also weiter auf ein Treffen. Sie bilden das höchste politische Gremium, wenn es um die politische Mitbestimmung von elf Millionen Schülerinnen und Schülern in Deutschland geht. Lehrpläne und Schulgesetze in allen 16 Bundesländern verpflichten dazu, sie aktiv daran zu beteiligen, was in ihrer Schule passiert. Dazu dürfen sie Schülervertreter wählen, die ihre Interessen vertreten.

Das Problem: Wer sich neben dem Unterricht in diesen Schülervertretungen engagiert, sei es auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, stößt auf etliche Hindernisse.

Kinder.Macht.

"Fridays for Future" - unter diesem Motto gehen Zehntausende Schülerinnen und Schüler in Deutschland seit Monaten auf die Straße, um sich für mehr Klimaschutz stark zu machen. Sie fordern politische Mitbestimmung, haben aber kein Wahlrecht. Welche Möglichkeiten haben Kinder und Jugendliche noch, wenn sie mitreden, mitentscheiden wollen? Was wollen sie anders machen als Erwachsene? Und auf welche Widerstände stoßen sie? Diesen Fragen geht der SPIEGEL in einer Themenwoche mit Reportagen, Berichten und Interviews nach. Hier geht's zu weiteren Artikeln.

"Dass wir etwas umsetzen können, ist unfassbar selten"

"Wir haben so viele Wünsche und Utopien, aber dass wir etwas davon umsetzen können, ist unfassbar selten", sagt Adrian Petzold, 18, Landesvorstand in Brandenburg. Die Schülervertreter sind regelmäßig bei Schulkonferenzen dabei, sprechen mit Schulleitern, Bürgermeistern und Bildungsministern. Sie treffen sich mit Regierungs- und Oppositionsparteien und dürfen sich zu schulischen Angelegenheiten äußern, in Sachsen zum Beispiel vor Kurzem zu den Abituraufgaben in Mathe.

Sie werden vorab über Verordnungen informiert, dürfen Anfragen stellen, Wünsche und Sorgen der Schüler zur nächsthöheren Instanz tragen: Sind Kollektivstrafen erlaubt? Oder Hausaufgaben über die Sommerferien?

Johannes Gosch

Noah Wehn

Der Draht zum Ministerium sei gut, man erhalte immer schnell Antworten, sagt Noah Wehn, 18, Vorsitzender des Landesschülerrats in Sachsen. Aber mit der Art, wie die Gespräche mit Politikern laufen, sind mehrere Schülervertreter unzufrieden. Wenn sie ihre Meinung sagen wollten, konterten die Erwachsenen oft mit dem Satz: "'Lies doch erst mal die Verordnung'", so die Erfahrung von Leo Radloff, 18, aus Mecklenburg-Vorpommern.

Andere hörten sich zwar an, was die Jugendlichen zu sagen hätten, nähmen deren Meinung aber nicht immer für voll. Der ehemalige Schülervertreter Matthias Weingärtner sagt: Wenn er einen Satz nicht mehr hören könne, dann sei das dieser: "Vielen Dank, wir nehmen das mit." Zu oft hätten Politiker das schon zu ihm gesagt, zu oft sei danach nichts mehr gekommen.

Mitreden dürfen sie zwar, so der Eindruck vieler Schülervertreter, aber: Was sie anregen, werde nur selten berücksichtigt.

"Wir dürfen ab und an nette Sachen verteilen"

Ein Beispiel: In Bayern hätten sie mal die Idee gehabt, eine App zu installieren, erzählt Weingärtner. Ziel: Alle Schülervertreter im Land zu vernetzen. Als man das angesprochen habe, habe ein Politiker bloß erwidert: "Sucht euch doch einen Schüler, der das programmiert." Weingärtner sagt: "Wir hätten uns finanzielle Unterstützung oder datenschutzrechtliche Hinweise gewünscht - und keinen Kommentar, der unsere Ideen belächelt."

Timon Nikolaou aus Nordrhein-Westfalen nennt Schülervertretungen "Süßigkeitenorgane": "Wir dürfen in den Schulen ab und an nette Sachen verteilen, Flyer, Kulis oder Plakate, aber wir haben kaum Möglichkeiten, den Schulalltag zu gestalten." Petzold findet: "Die Arbeit kann manchmal deprimierend sein."

Weil die Schülervertreter weniger mitreden als mitentscheiden wollen, haben sie auf der Konferenz ein Positionspapier verabschiedet, Thema "Jugendpartizipation". Im vorletzten Absatz steht: "Der Schülervertretung soll (...) nicht nur eine beratende Rolle zukommen, sondern das Recht auf tatsächliche Mitbestimmung eingeräumt werden."

Ob dieser Wunsch irgendwann umgesetzt wird, wissen die Schülervertreter allerdings nicht. Sie selbst dürften jedenfalls kaum noch davon profitieren. "Die Mühlen der Politik drehen sich langsamer, als man Schüler ist", sagt Wehn. Zudem sind die Amtszeiten der Schülervertreter auf ein oder zwei Jahre beschränkt. Petzold sagt: "Alles, was wir machen, machen wir für nachfolgende Generationen, nicht für uns."

Johannes Gosch

Bundesschülerkonferenz: abstimmen, diskutieren

"Angst, es sich mit dem Ministerium zu verscherzen"

Für ihre Arbeit steht jeder Landesschülervertretung rechtlich ein bestimmtes Budget zu. Nach Angaben der Schülersprecher sind es in Bayern aktuell rund 200.000 Euro, in Niedersachen 69.000 Euro. Allerdings wird das Geld von den Ministerien verwaltet. Das bedeutet: Die Jugendlichen müssen für jede bedruckte Visitenkarte, jedes Projekt, einen Antrag schreiben.

Sie sehen darin ein strukturelles Problem: "Wir müssen uns sehr genau überlegen, inwiefern wir das Bildungsministerium kritisieren, immerhin sind wir finanziell abhängig", sagt Weingärtner aus Bayern. Auch ein Schüler aus Niedersachsen, der seinen Namen nicht nennen will, spricht von "der Angst, es sich mit dem Ministerium zu verscherzen". Wie begründet diese Sorge ist, können die Schüler allerdings kaum belegen.

Geld für Auto- oder Zugfahrten, um zu Konferenzen zu gelangen, strecken viele Schüler von ihrem Taschengeld vor. Rund 500 Euro schulde ihm das Bildungsministerium noch, erzählt der Schüler aus Niedersachsen. Die Arbeit in den Schülervertretungen muss man sich leisten können - finanziell, aber auch zeitlich.

Geschätzt 800 Fehlstunden in zwei Jahren

Mehr als 30 Stunden pro Woche koste sie die SV-Arbeit, berichten Jugendliche. Wehn sagt, er habe als Landesvorsitzender viel Zeit im Landtag verbracht, an Podiumsdiskussionen teilgenommen - und dafür oft Unterricht verpasst. Im Schnitt habe er an zwei Tagen pro Woche gefehlt. Rund 800 Fehlstunden, schätzt Wehn, habe er in zwei Jahren gesammelt.

Fast alle Landesvertreter sagen, dass ihr Notenschnitt stark unter der SV-Arbeit leide. Anerkennung für das, was sie täglich leisten, bekämen sie selten. Öfter müssten sie sich mit Lehrern wegen der Fehlstunden auseinandersetzen, so als hätten sie in der Zeit Zigaretten auf dem Schulhof geraucht, anstatt mit Politikern über Bildung geredet.

"Manchmal bekommen wir abends um 23 Uhr Bescheid von den Ministerien, dass am nächsten Tag eine Veranstaltung im Landtag stattfindet", sagt Petzold. "Auch wenn wir am nächsten Tag einen Test schreiben, müssen wir da hin. Sonst werden wir nicht gehört, eine zweite Chance gibt es nicht."

Schüler-Befragung in Deutschland

Warum tun die Jugendlichen sich das an?

Leo Radloff, 18, ist in die SV eingetreten, weil er unangekündigte Tests in der Oberstufe ungerecht fand - und hat nun erreicht, dass diese im kommenden Schuljahr abgeschafft werden. "Ich war jetzt an etwas beteiligt, das Schüler im Schullalltag entlastet", sagt Radloff. "Darauf bin ich stolz."

Lou-Marleen Appuhn, 18, aus Hessen, findet: "Ich lerne viel mehr als im Unterreicht." Andere sehen das ähnlich: Mit der Zeit hätten sie verstanden, selbstbewusst gegenüber Erwachsenen aufzutreten, Jackett und Hemd zu tragen, um nicht sofort geduzt zu werden, Beamtendeutsch zu verstehen.

Für einige Schülerinnen und Schüler ist die SV-Arbeit auch ein Karrieresprungbrett, ein Bonus im Lebenslauf. Einige sind schon jetzt in Parteien aktiv. Ihr Weg in die Politik beginnt hier, in den Schülervertretungen.

Nach der Pressekonferenz, kurz vor der Heimreise, umarmen sich viele Landesvertreter herzlich, versprechen einander, in Kontakt zu bleiben. Für Petzold fühlt sich die Gruppe inzwischen fast wie "Familie" an: "Dieser Zusammenhalt, die Streitkultur. Dass wir alle für etwas kämpfen - auch wenn wir so oft an unsere Grenzen stoßen."

insgesamt 7 Beiträge
4711_please 08.07.2019
1. Respekt!
Lange ist es her, da war ich auch mal SV-Sprecher. Zwar nur für meine Stufe an der Schule, aber immerhin. Es hängt viel vom Schuldirektor/ von der Schuldirektorin ab, wie ernst er eine:n Vertreter:in nimmt. Ich hatte Glück und [...]
Lange ist es her, da war ich auch mal SV-Sprecher. Zwar nur für meine Stufe an der Schule, aber immerhin. Es hängt viel vom Schuldirektor/ von der Schuldirektorin ab, wie ernst er eine:n Vertreter:in nimmt. Ich hatte Glück und etwas Einfluss, aber ich denke, das ist eher eher die Ausnahme. Den Lehrervertreter:innen geht es da ähnlich. Respekt jedenfalls für das Engagement.
mariomeyer 08.07.2019
2. Yo!
Das Grundübel wurde doch klar benannt: Das Personal auf Seiten der Schüler wechselt regelmäßig und scheidet zudem altersbedingt immer wieder aus. Da kann man, wenn man Schulleiter oder Bildungspolitiker ist, vieles ganz [...]
Das Grundübel wurde doch klar benannt: Das Personal auf Seiten der Schüler wechselt regelmäßig und scheidet zudem altersbedingt immer wieder aus. Da kann man, wenn man Schulleiter oder Bildungspolitiker ist, vieles ganz einfach aussitzen. Es ist ein Kampf mit ungleichen Mitteln - weshalb ich den Frust der Schülervertreter nachvollziehen kann.
egoneiermann 08.07.2019
3.
Das Problem ist eher die Bundesvertretung, da Schule Ländersache ist, fehlen hier einfach die Themen um Aufmerksamkeit zu finden. Die BSR wurde lange auch unter Schülervertretern kritisch gesehen, weil es mehr oder weniger ein [...]
Das Problem ist eher die Bundesvertretung, da Schule Ländersache ist, fehlen hier einfach die Themen um Aufmerksamkeit zu finden. Die BSR wurde lange auch unter Schülervertretern kritisch gesehen, weil es mehr oder weniger ein Profilierungsverein von Nachwuchspolitikern, in meiner Zeit Jusos war. Auf Landesebene arbeiten die Vertretungen recht effektiv, beispielsweise müssen sie ja zu jedem neuem Gesetz oder Verordnung gehört werden. Und das Wichtigste ist, dass die Zeit in der LSV nicht vergeudet ist, die Schüler lernen in der kurzen Zeit viel, was sie in der Schule nicht gelernt haben, und sind zum großen Teil wesentlich selbstbewusster als andere Schulabgänger. Man merkt, ich war einige Jahre in einem Ministerium für die LSV zuständig
rolf.v. 08.07.2019
4. Kaum legitimiert
Die Schülervertreter auf Landes- und Bundesebene sprechen nicht wirklich für die Schülerschaft. Das wissen Politik und Journalisten. Fragen sie in einer weiterführenden Schule einen Schüler (so ab 14 Jahren) nach dem Namen [...]
Die Schülervertreter auf Landes- und Bundesebene sprechen nicht wirklich für die Schülerschaft. Das wissen Politik und Journalisten. Fragen sie in einer weiterführenden Schule einen Schüler (so ab 14 Jahren) nach dem Namen der Bundeskanzlerin, wird er hoher Prozentsatz die richtige Antwort wissen. Auch beim Ministerpräsidenten kommt sicher noch eine gute Quote über 50% raus. Bei den Bundes- oder Landesschülersprechern ist dieser Bekanntheitsgrad bestensfalls vermutlich unter 1%. Weil diese Personen eben nicht wirklich von den Schülern gewählt werden, sondern nur über die Schulsprecher, die die Kreissprecher wählen, die dann wiederum Bezirkssprecher wählen und die dann den Landessprecher. Da stellt sich dann doch die Frage: Für wen sprechen die eigentlich?
rainer_d 08.07.2019
5. Anekdote:
Wir hatten so einen bei der Bundeswehr. Für jede Tagung und Versammlung hat er Sonderurlaub beantragt. Den hat der Kompaniechef dann jedesmal verweigert. "Leider" war die Familie mit dem Kommandeur (also dem [...]
Wir hatten so einen bei der Bundeswehr. Für jede Tagung und Versammlung hat er Sonderurlaub beantragt. Den hat der Kompaniechef dann jedesmal verweigert. "Leider" war die Familie mit dem Kommandeur (also dem Vorgesetzten des Kompaniechefs) befreundet (sie kannten sich privat) und so ist er einfach zu dem hin und hat den Urlaubsantrag dort unterschreiben lassen. Jedes einzelne Mal. Irgendwie zwischen 14 und 20 Tagen Sonderurlaub waren das am Ende.

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