Leben und Lernen

Doku über Nürnberger Hauptschüler

Helden vor der Tür

Sie haben keinen Bock auf ihn, aber Lucas Fassnacht geht nicht weg: Ein Autor will fünf Hauptschülern beibringen, Geschichten zu schreiben.

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Autor Lucas Fassnacht mit Omar bei der Schreib-AG: "Is' doch alles scheiße, Mann"

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Samstag, 14.09.2019   18:50 Uhr

Er will mit ihnen reden. Sie aber nicht mit ihm. Er will mit diesen Kindern schreiben, doch sie lachen ihn aus. Er will, dass sie über ihre Sehnsüchte und Ängste nachdenken und Texte darüber auf Bühnen vorlesen. "Bullshit", sagen die Kinder.

Es sind fünf Hauptschüler, zwischen 11 und 14 Jahre alt, die Lucas Fassnacht, Poetry Slammer und Autor, zu einer Schul-AG eingeladen hat, die sich "Kreatives Schreiben" nennt. Er will ihnen beibringen, Geschichten zu schreiben. Wie dabei alle an ihre Grenzen gehen, ist in "Südstadthelden" zu sehen, einem 86-minütigen Dokumentarfilm.

"Südstadthelden", das ist die Geschichte von Kathi, Omar, Nadine, Alida und Giselle. Sie wohnen in Nürnberg, ihre Eltern sind türkisch, russisch oder italienisch. Über das Viertel, in dem sie leben, sagen sie: Es gebe fast gar nichts in der Südstadt außer Ausländern, in der Klasse seien 3 von 24 Schülern deutsch. Die Südstadt, sagen die Kinder, fänden viele Leute schlimm. Was führt raus aus diesem Ort?

Der Film beginnt, als Fassnacht, 31, die Schule betritt. Er will mit den Kindern aus der Südstadt Texte verfassen, ein Ventil öffnen: für all den Frust, für die Wut auf die Lehrer, das Leben.

"Der will Witze machen, dabei sind die Witze schlecht"

Kathi, Omar und die anderen sind freiwillig da. Einer wie Fassnacht, der sich im Klassenraum auf einen Tisch stellt und Gedichte vorträgt, ist ihnen allerdings erst mal nur peinlich. "Der ist nicht wie wir", sagt Kathi im Film. "Der will Witze machen, dabei sind die Witze schlecht, und ich denke mir: Okay, du kommst nicht aus unserem Stadtteil."

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Nadine (l.) und Kathi aus "Südstadthelden": "Du kommst nicht aus unserem Stadtteil"

In der nächsten Sitzung finden die Schüler Fassnachts Witze vielleicht nicht besser, sie sind aber wiedergekommen. Die Aufgabe heute: "Versucht in drei Zeilen alles zu sagen, was die Leute über euch wissen sollen", sagt Fassnacht. Omar führt sich auf, als bekomme er gleich einen Nervenzusammenbruch, alle gackern. Wenn Fassnacht abends nach Hause kommt, ist er ziemlich durch. "Ich bin sauer, weil die glauben, mich provozieren zu können", sagt er im Film.

Vertrauen, von Nachmittag zu Nachmittag

Für Fassnacht sind diese Kinder trotzdem Helden. Sie sind seine Südstadthelden, zu denen er von Nachmittag zu Nachmittag eine Beziehung aufbaut. Obwohl die fünf "für jeden Satz eine halbe Stunde brauchen", wie Fassnacht in einer Sitzung mit ihnen anmerkt, führt er die Treffen fort. Wenn die Kinder sich winden, sagt er gelassen: "Schreib das mal als Geschichte auf."

Ein kleines Team um AG-Leiter Fassnacht hat den Film produziert, ohne Beteiligung eines Senders. So habe man Zeitdruck vermeiden wollen, heißt es bei der Produktionsfirma. 55.000 Euro kostete das Projekt, das Geld trieb das Team über Crowdfunding und öffentliche Fördergelder ein.

Im Sommer 2015 begann die zweijährige Drehzeit. Vier Jahre später, im Oktober, feiert der Film nun seine Premiere auf dem Nürnberger Human Rights Festival. Ob er danach auch in die Kinos kommt oder auf YouTube zu sehen sein wird, klären die Macher gerade.

"Es kam während der Dreharbeiten oft die Frage auf, ob das alles überhaupt irgendwohin führt", sagt Fassnacht dem SPIEGEL. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht und gibt regelmäßig Schreibworkshops an Hauptschulen. Über mehrere Sitzungen hinweg hätten die Schüler nicht mitgemacht, er habe sehr geduldig sein müssen. "Aber diesen Kindern keine Stimme zu geben, das wäre dramatisch. Deswegen wollte ich den Film machen."

Mauern, um sich selbst auszuhalten

Für die Zuschauer geht es im Fortgang der Dokumentation immer tiefer hinab in das Seelenleben der Schüler. Dort unten liegen Verwundungen, Enttäuschungen. Es schmerzt beim Zusehen.

Da ist Kathi, mit Nasen-Piercing und Locken, die gehänselt wird: Von anderen Mädchen werde sie nach der Schule auf der Straße als "Hauptschülerin" beschimpft, sagt sie im Film. Ihre Aggressionen lasse sie beim Tanzen raus. Oder sie schlage einfach zu.

Da ist Alida, die immerzu grinst und einen "neuen Papa" hat, wie sie erzählt.

Da ist Omar, ein Junge mit braunen Augen, der ständig dazwischenruft: "Is' doch alles scheiße, Mann." Hinter solchen Sätzen verstecken sich die Schüler wie hinter Mauern, die helfen, die eigenen Biografien auszuhalten.

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Szene aus "Südstadthelden": So viel, auf das sich stolz sein lässt

Aus dem Kurs wird schnell mehr, das zeigt dieser Film. Fassnacht geht mit den Kindern Döner essen, er fährt in einem kleinen Bus mit ihnen durch Deutschland, nimmt sie mit auf Poetry Slams. Die Kinder staunen über große Bühnen, gucken hinter Kulissen. Wer sich traut, trägt einen seiner Texte vor. Das Gefühl gefällt allen: aufbrandender Applaus, gesehen werden.

Eine Frage wie ein Blitzschlag

Zwischendurch will Fassnacht von Kathi, Omar und den anderen wissen, wie es ihnen geht. Es ist eine Frage, die sich wie ein Blitzeinschlag anfühlen kann, wenn man sie nur selten beantworten muss. Ja, dieses Leben kann scheiße sein, erzählt der Film, aber da ist auch so viel, auf das sich stolz sein lässt. Diese Kinder haben Pläne, sie haben Hoffnung. Man muss sie bloß fragen.

Doch draußen, außerhalb von Fassnachts Kurs, sind diese Kinder für die meisten keine Helden. Sondern Hauptschüler. Es ist dieser Stempel, der ihnen anhaftet und der ihre Rollen in der Gesellschaft zementiert. Was das für ein Jammer ist, können die Jugendlichen selbst treffender zusammenfassen als jeder Bildungsanalytiker: "Wenn die Kinder auf der Hauptschule schlauer werden, dürfen sie nicht aufs Gymnasium. Was ist das für ein Scheiß?", fragt Omar.

Fassnacht ist anders als viele Menschen im Umfeld der Schüler, weil er nicht weggeht. Ein treuer Mensch in fünf Leben voller Unsicherheiten und Brüche. Es ist bewegend, wie selbstlos er die Schüler aushält, ihre Nörgelei, ohne jeden Vorwurf. Er, dessen Beruf es ist, aus Sprache Kunst zu machen, steht vor fünf Jugendlichen, die manchmal kaum zu verstehen sind: Sie nuscheln, lassen Sätze einfach abreißen oder in doppelter Geschwindigkeit heraussprudeln.

Fassnacht kommt den Schülern näher, weil er sich einer Sprache bedient, mit der auch sie etwas anfangen können. Diese Sprache klingt nicht wie lächerlich feines, unerreichbares Erwachsenen-Hochdeutsch, sondern wie Rap: Poetry Slam hat Rhythmus, besteht aus eiligen Sätzen, Stakkato-Style. Eine Sprache, mit der man sich nicht gleich blamiert, wenn man mal ein Wort verschluckt.

Am Ende des Films slammen die Kinder ihre Texte vor 500 Zuschauern. Die Geschichten handeln von Müttern und Vätern, von Typen, die Mädchen verarschen und von Tränen in dunklen Zimmern. "Er motiviert einen halt voll", sagt Kathi jetzt über ihren Mentor Fassnacht, der mittlerweile keinem mehr peinlich ist. "Er zeigt, dass es nicht nur bestimmte Leute sind, die Talente haben."

Kritik von den Dargestellten selbst

Zu hoffen bleibt, dass die Jugendlichen das auch später noch so sehen. Es gibt immer wieder Dokumentarfilme, die Pubertierende ein Stück durch ihr Leben begleiten - beeindruckende Filme, deren Macher sich aber auch die Frage gefallen lassen müssen, ob sie ihre noch sehr jungen Protagonisten nicht vorführen.

Nachdem 2007 etwa der viel beachtete Film "Prinzessinenbad"erschienen war, eine Dokumentation über das Großwerden dreier Mädchen in Berlin-Kreuzberg, gab es anschließend Kritik - von den Dargestellten selbst.

Sie hätten geheult und geschrien, als sie den Film das erste Mal gesehen hätten, erzählten die drei Mädchen später einer Journalistin der "Berliner Zeitung". Sie seien erschrocken gewesen über die Szenen und Dialoge, die für den Film zusammengeschnitten worden seien.

"Der Respekt steht über allem"

Lucas Fassnacht sagt dazu: Bevor irgendjemand den fertig geschnittenen Film "Südtstadthelden" zu sehen bekam, spielte das Team ihn den Kindern und deren Eltern vor. "Er kam super an. Es werden eben nicht nur die Schwächen der Kinder gezeigt, sondern auch meine", sagt der Autor dem SPIEGEL. Um überhaupt filmen zu dürfen, habe das Team Unterschriften von Eltern eingeholt. "Uns war von Anfang an klar, dass der Respekt über allem steht."

Respekt bedeutet, das lehrt dieser Film, Menschen nicht aufzugeben. Fassnacht nimmt Omar sogar noch ernst, als der die Arbeit an einem seiner Texte einmal völlig verweigert. "Wenn du so weitermachst, werfe ich dich aus meinem Kurs", sagt Fassnacht im Film zu ihm. "Wenn ich rausgehe, gehen alle raus", spöttelt Omar. "Es ist euer Projekt, nicht meins", sagt Fassnacht da nur. Ein paar Sekunden vergehen. Dann nimmt Omar den Stift in die Hand und schreibt weiter.

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