Leben und Lernen

Erziehung

Wenn aus Kindern "Systemsprenger" werden

Ein Kind, das radikal Regeln bricht und durch alle Raster fällt: Darum geht es in dem Film "Systemsprenger". Die Geschichte ist fiktiv - spielt sich aber so in Deutschland täglich ab, wie ein Intensivpädagoge erklärt.

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Interview von
Donnerstag, 19.09.2019   17:29 Uhr

Benni, 9, kann nicht bei ihrer Mutter leben, weil die überfordert ist. Aber wo dann? Kinderheim, Pflegefamilie, Wohngruppe - immer wieder fliegt Benni raus, weil sie ständig ausrastet, um sich schlägt, andere angreift, wegläuft. Der Rettungswagen bringt sie in die Psychiatrie, von dort geht es in die nächste Jugendhilfe-Einrichtung. Und immer so weiter.

Von diesem Drama erzählt Regisseurin Nora Fingscheidt in dem Film "Systemsprenger", der an diesem Donnerstag in deutschen Kinos anläuft.

Foto: Port au Prince Pictures

Menno Baumann, Professor für Intensivpädagogik, hat die Filmemacherin über Jahre begleitet und wissenschaftlich beraten - weil ihm schon viele "Systemsprenger" begegnet sind. Deutschlandweit seien an die 4000 Kinder und Jugendliche betroffen, sagt er.

ZUR PERSON

Menno Baumann ist Professor für Intensivpädagogik, Soziale Arbeit, Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe. Er lehrt an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf und ist Bereichsleiter am Leinerstift e.V., einer evangelischen Kinder-, Jugend- und Familienhilfe in Großefehn/Ostfriesland. Er schreibt Fachbücher über "Systemsprenger" im Hilfesystem und ist bundesweit als Berater von Jugendhilfe-Einrichtungen tätig.

SPIEGEL ONLINE: "Systemsprenger" ist nicht nur Filmtitel, sondern auch ein Begriff aus der Jugendhilfe. Was steckt dahinter?

Menno Baumann: Der Begriff ist erst mal schwierig zu handhaben, weil er suggeriert, da wäre ein böses Kind, das ein System sprengt. Der Begriff beschreibt aber nicht ein Kind, sondern einen Prozess, der sich zwischen vielen Personen abspielt. Es geht um Kinder, die innerhalb des Systems keinen festen Ort finden, sondern permanent hin und her geschoben werden. Die wechseln zwischen Heimen, Pflegefamilien, Psychiatrien und - wenn sie über 14 Jahre sind - der Justiz hin und her und finden nirgendwo einen Ort zum Leben, bedingt durch ihr extremes Verhalten.

SPIEGEL ONLINE: So wie Benni, die ihren Erzieher mit dem Messer bedroht oder mit Absicht in den Flur pinkelt. Warum verhält sich ein Kind so?

Baumann: Es gibt verschiedenste Ursachen. Ich habe in meinem Leben aber noch keines dieser Kinder getroffen, bei dem es nicht massive biografische Belastungen gab: Vernachlässigung, Traumatisierung, Gewalt, psychisch kranke oder suchtkranke Eltern. Von Benni heißt es, dass ihr als Baby oft eine Windel ins Gesicht gedrückt wurde. Das sind Risikofaktoren, die die Umwelt für ein Kind unberechenbar machen, und dann wird dieses Kind auch allen anderen Menschen künftig so begegnen.

SPIEGEL ONLINE: Benni wird gesagt, wenn sie keine Ausraster mehr hätte, könnte sie vielleicht sogar zurück zur Mutter. Kann so ein Kind sein Verhalten überhaupt ändern?

Baumann: Nein. Wir alle handeln auf der Grundlage dessen, wie wir die Welt bisher kennengelernt haben. Wenn ich als Kind lerne, dass auch Menschen, die mir sagen, dass sie mich lieben, unberechenbar und gefährlich sind, und ich mich nie darauf verlassen kann, ob sie mich in der nächsten Sekunde verletzen oder überwältigen, dann ist die Welt für mich unberechenbar. Das führt dazu, dass ich mich nur noch auf meine Emotionen verlassen kann und nicht auf das, was mein Kopf mir sagt.

Port au Prince Pictures

Filmszene: Benni soll in eine Einrichtung zurückgebracht werden

SPIEGEL ONLINE: Was passiert bei so einem Kind?

Baumann: Bei Benni zum Beispiel merkt man deutlich: Wann immer sie wittert, dass ein Mensch sie ablehnt, ergreift sie Gegenmaßnahmen, um diesen Prozess zu beschleunigen und selbst die Kontrolle zu übernehmen: Bevor der andere mir wehtut, laufe ich lieber weg, mach ich lieber alles kaputt. Das ist schmerzfreier, als sich viel Mühe zu geben und trotzdem abgelehnt zu werden. Aber das ist etwas, wofür viele Menschen erst mal wenig Verständnis aufbringen. Das irritiert, das macht Angst.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt ein Kind da raus?

Baumann: Es muss über Jahre andere Erfahrungen machen, lernen, dass es sich auf Erwachsene verlassen kann und dass die sich auch an Spielregeln halten.

SPIEGEL ONLINE: Warum kann die Jugendhilfe einem Kind wie Benni nicht helfen?

Baumann: In den allermeisten Fällen tut sie das ja. Aber eine gewisse Gruppe von Kindern zeigt Verhaltensweisen, die sich unter den gegebenen Rahmenbedingungen kaum aushalten lassen, etwa wenn Benni ein anderes Kind schwer verletzt. Da sind auch Pädagogen überfordert. Sie empfinden Ohnmacht und Hilflosigkeit: Dieses Kind fordert mehr, als ich geben kann. So ist das bei Bennis Schulbegleiter, der Rettungsfantasien entwickelt, aber genau weiß: 24 Stunden am Tag würde ich das Kind bei mir zu Hause nicht aushalten, weil die Bedürftigkeit aufgrund von schweren Traumatisierungen so groß ist, dass eine Person das gar nicht leisten kann.

SPIEGEL ONLINE: Was macht es so schwierig?

Baumann: Es geht nicht darum, dass Benni ganz schreckliche Dinge tut, sondern dass sie das in dieser Intensität und Häufigkeit tut, während sie auch massiv einfordert: "Nimm mich in den Arm!" Dieses Spannungsverhältnis macht Pädagogen mürbe. Gleichzeitig ist das, was Benni wirklich will, nämlich die bedingungslose Fürsorge ihrer Mama, aufgrund der Lebensgeschichte der Mutter nicht zu haben. Das, was Benni als Ersatz will, ist nicht zu leisten.

Port au Prince Pictures

Filmszene: Benni findet keinen Ort, an dem sie bleiben kann

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem wirkt es verrückt, dass das Kind nie irgendwo ankommen darf, sondern immer weitergeschickt wird.

Baumann: Das ist nicht der Impuls eines einzelnen Pädagogen, sondern sind Reflexe, die in unserem Hilfesystem angelegt sind. Die erste Fantasie dabei ist: Es gibt irgendwo einen Spezialisten, der mit diesem Kind umgehen kann. Deshalb reiche ich das Kind so lange weiter, bis es dort ist. Die zweite Fantasie: Wir als Einrichtung können das hier nicht leisten oder wir sind dafür nicht zuständig.

SPIEGEL ONLINE: Wer sollte sonst zuständig sein?

Baumann: Pädagogen sagen: "Wir sind keine Therapeuten." Und Therapeuten sagen: "Das Kind muss einen Lebensort haben, und das ist eine Klinik nicht." So wird das Kind hin und her gespielt. Die dritte Fantasie: Man glaubt, dass ein bestimmter Rahmen für alle Kinder gut ist. Aber die Kinder, für die er nicht passt, gehen irgendwann weg und landen auf der Straße. Und dann heißt es: "Wir haben alles angeboten, aber er/sie wollte nicht." Wir haben in einer Studie klar herausgearbeitet: Diese drei Reflexe ziehen sich durchs ganze Hilfesystem. Das ist nicht ein einzelner Pädagoge, der sich vor der Verantwortung drückt.

SPIEGEL ONLINE: In dem Film wird Benni, eine Neunjährige, in der Psychiatrie zwangsfixiert und am Ende zu einer Erziehungsmaßnahme nach Afrika geschickt. Wie realistisch ist das alles?

Baumann: Wenn man sich den Verlauf und die Hauptdarstellerin ansieht, ist fast jede Szene so der Realität entnommen. Nur ist das nicht alles einem Menschen passiert, sondern mehreren. Nora Fingscheidt hat viel recherchiert, und ich habe ihr erzählt, was ich erlebt habe. Daraus hat sie diese wunderbare Filmfigur Benni entwickelt. Das Fachpublikum, das den Film sieht, sagt: "Ja, so ein Kind kenne ich." Trotzdem ist es eine fiktive Geschichte. Es gibt mehrere Kunstgriffe.

SPIEGEL ONLINE: Was spielt sich in Wirklichkeit anders ab?

Baumann: Es gibt im Film Vereinfachungen. Das betrifft schon allein die Zahl der Protagonisten. In Bennis neuer Wohngruppe sind ein bis zwei Erzieher. Das sind in der Realität viel mehr. Auch dass die Mitarbeiterin im Jugendamt über Jahre konstant ist und immer Zeit hat, wenn sie gebraucht wird, ist eine epische Verdichtung. Wenn man darstellen würde, auf wie viele Menschen ein Kind tatsächlich trifft, würde man die Zuschauer wahnsinnig machen.

SPIEGEL ONLINE: Schon der Schmerz des Kindes ist schwer mitanzusehen.

Baumann: Der Film bewegt, ja. Und wo ich als Wissenschaftler sprachlos bin, hat der Film unglaubliche Bilder. Zum Beispiel, als Benni im Wald "Mama" ins Tal brüllt und kein Echo zurückkommt, sie bekommt keine Antwort. Oder als sie am Flughafen in der Drehtür steckt. Wir sprechen in der Pädagogik vom Drehtüreffekt, wenn Kinder immer weitergegeben werden. Das kann man nicht besser zeigen. Ich bin sehr dankbar für diesen Film, weil er eine neue Sprache auf das Thema bringt und weil er Fragen stellt.

Preisabfragezeitpunkt:
18.09.2019, 11:24 Uhr
Ohne Gewähr

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Menno Baumann
Kinder, die Systeme sprengen: Band 2: Impulse, Zugangswege und hilfreiche Settingbedingungen für Jugendhilfe und Schule

Verlag:
Schneider Hohengehren
Seiten:
178
Preis:
EUR 18,00

SPIEGEL ONLINE: Er lässt Zuschauer auch erschüttert oder ratlos zurück.

Baumann: Was ich großartig finde: Der Film kennt kein Gut und Böse, es gibt keinen Schuldigen. Nach diesem Film wird niemand sagen, das Jugendamt habe versagt oder die Mitarbeiter machten ihre Arbeit nicht. Und niemand würde fordern, die Strafmündigkeit für Jugendliche müsse dringend gesenkt werden, damit man ein Kind wie Benni endlich einsperren kann. Das kann nach dem Film niemand wollen. Niemand kann sich darauf zurückziehen, der eine oder andere Jugendliche sei eben böse. Dieser Film gibt keine einfachen Antworten. Das ist seine Stärke.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem wünscht man sich Antworten. Was müsste sich ändern?

Baumann: Wir haben in Deutschland sehr viele hoch engagierte und wirklich mit Herzblut arbeitende Pädagoginnen und Pädagogen, und wir haben auch gute Konzepte. Daran scheitert es nicht. Aber: Wir haben keine Steuerung. Ob jemand, der mit einem Kind wie Benni konfrontiert ist, diese Konzepte kennt und sie für eine gute Idee hält, ist in Deutschland Zufall.

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