Leben und Lernen

Drittmittel und Stiftungsprofessuren

"Klar, dass nicht zu fairen Arbeitsbedingungen geforscht wird"

Viele Hochschulen lassen sich von der Wirtschaft Professuren spendieren. Kritiker fürchten, dass sich die Forschungsschwerpunkte so verschieben könnten. Wie groß ist der Einfluss von Unternehmen wirklich?

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Baustelle auf dem Bildungscampus in Heilbronn

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Freitag, 21.12.2018   16:05 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


In Heilbronn klafft gerade ein riesiges rundes Loch im Boden. Auf dem gemeinsamen Campus der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, der privaten Managerschmiede German Graduate School und der Fachhochschule Heilbronn stehen mehrere Kräne, es wird gehämmert und gebohrt. Von überall her dringt der Baulärm.

Es werden Häuser hochgezogen, eine Bibliothek, Unterrichtsräume und eine Aula entstehen. Und dort, wo das Loch ist, soll einmal eine Mensa mit futuristischem Glasdach hinkommen. Der Campus muss größer werden, denn die Technische Universität München (TUM) zieht hierher. Zumindest teilweise.

Sie hat von Lidl- und Kaufland-Gründer Dieter Schwarz 20 Stiftungsprofessuren auf Lebenszeit erhalten, 13 davon kommen nach Heilbronn - als Außenstelle der TUM. Und es ist kein Zufall, dass Dieter Schwarz in der Stadt wohnt und die Firmenzentralen von Lidl und Kaufland gleich um die Ecke in Neckarsulm liegen. Der Mäzen schenkt seiner Heimatstadt so eine Universität mit Weltrang, deren Absolventen die Region beleben sollen.

Bereits seit diesem Wintersemester bietet die TUM zwei Masterstudiengänge, einer davon ist kostenpflichtig, in der baden-württembergischen Stadt an, 30 Studenten sind schon eingeschrieben. Spätestens in einem Jahr sollen 1000 TUM-Studenten hier unterrichtet werden.

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Werbung für den TUM-Master

Rechnet man die Ausgaben für die Stiftungsprofessuren durch, kommt man schnell auf einen dreistelligen Millionenbetrag. Das ist die größte Kooperation zwischen einer Hochschule und einer Stiftung, die es je in der deutschen Bildungslandschaft gab. Zwar spendierte SAP-Mitgründer Hasso Plattner der Uni Potsdam vor 20 Jahren hundert Millionen D-Mark für den Aufbau eines Instituts für Software-Ingenieure. Doch selbst diese Summe kommt nicht an Dieter Schwarz' Stiftung heran.

Wird die Forschung von wirtschaftlichen Interessen gesteuert?

Kritiker wie die Organisationen Transparency International oder das Portal Hochschulwatch sehen in Spenden wie diesen einen massiven Eingriff in das deutsche Bildungssystem. Sie argumentieren, dass sich deutsche Hochschulen immer abhängiger von externen Finanzierungsquellen machen und die Forschung zunehmend von wirtschaftlichen Interessen gesteuert werde.

Christian Kreiß sieht das auch so. Der BWL-Professor aus Aalen hat sogar ein Buch darüber geschrieben. Es trägt den Titel "Gekaufte Forschung". Kreiß sagt: "Wenn die Wirtschaft die Wissenschaft finanziert, dann ist ja klar, dass im Regelfall nicht zu fairen Arbeitsbedingungen, ökologischen oder nachhaltigen Transportwegen oder Naturheilmitteln geforscht wird."

Doch ist der Einfluss der Wirtschaft auf die Wissenschaft wirklich so groß? Laut Statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2017 lediglich 782 Professoren von Stiftungen oder privaten Förderern bezahlt - und das bei insgesamt 47.568 Professoren in Deutschland. Das sind 1,6 Prozent. Zum ersten Mal seit Jahren ist der Anteil der Stiftungsprofessoren 2017 sogar gesunken.

Auch Volker Meyer-Guckel, der stellvertretende Generalsekretär des Deutschen Stifterverbands, sagt, dass der Einfluss der Wirtschaft schrumpft: "Große Firmen investieren mehr und mehr im Ausland." Außerdem schrecke einige Unternehmen die Medienberichterstattung hierzulande ab: "Wenn jemand den Hochschulen viel Geld spendet und von den Medien dafür an den Pranger gestellt wird, überlegt man sich natürlich, ob man das noch mal macht."

Drittmittel machen neun Prozent aus

Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, sagt, der Umfang der Kooperationen von Hochschulen und Unternehmen bewege sich in einem guten Rahmen. Drittmittel aus der gewerblichen Wirtschaft oder von Privatpersonen machen etwa neun Prozent der Gesamtforschungsausgaben von deutschen Hochschulen aus. Das waren laut Statistischem Bundesamt 1,46 Milliarden Euro im Jahr 2016. Im internationalen Vergleich ist das recht wenig.

In den USA sind Spenden für Colleges und Universitäten schon seit Langem gängige Praxis. Laut dem Council for Advancement and Support of Education (CASE), einem internationalen Bildungsverband, stiegen die Spendeneinnahmen von US-Unis im Jahr 2017 auf 43,6 Milliarden Dollar, die höchste Summe seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1957.

Die größten Gewinner sind dabei die Eliteunis, wie aus einem Bericht des Deutschen Akademischen Austauschdienstes hervorgeht. Angeführt wird die Liste von der Harvard University mit 1,28 Milliarden Dollar, gefolgt von der Stanford University (1,13 Milliarden Dollar) und der Cornell University (743,5 Millionen Dollar). Seit dem vergangenen Jahrzehnt kooperieren laut DAAD zudem immer mehr Universitäten und Unternehmen miteinander, zum Beispiel im Silicon Valley und der Region um Boston.

Auch der Münchner TU-Präsident Wolfgang Herrmann findet, Unternehmen könnten noch viel mehr Geld in die Bildung stecken: "Hochschulen sind in Deutschland chronisch unterfinanziert, warum sollte man dann nicht das Geld aus der Wirtschaft bei gleichen Wertevorstellungen nehmen?"

Herrmann stört es nicht, dass die Dieter-Schwarz-Stiftung nur Wirtschaftsprofessuren spendiert, nicht aber welche für Soziologie oder Politikwissenschaft. Die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften wurde erst vor 16 Jahren an der TU gegründet, sie ist die Fakultät, die an der TU am schnellsten wächst. Bald werden hier 57 Wirtschaftsprofessoren im Einsatz sein, 20 davon bezahlt von der Stiftung. Allein dieses Beispiel zeigt im Kleinen, wie sehr Unternehmen die Bildungslandschaft beinflussen können.

Herrmann sieht hier kein Problem, denn mit dem Geld, das er durch kostenpflichtige Master der TUM einnimmt, will er die Uni modernisieren, das Sprachenzentrum ausbauen und Nachwuchswissenschaftler finanzieren. Er sagt auch, er wolle die Geistes- und Sozialwissenschaften weiter ausbauen. Herrmann stört es auch nicht, dass die Dieter-Schwarz-Stiftung die Forschungsfelder Digitalisierung, Familienunternehmen und Mittelstand vorgibt.

Konstantin Korn vom Portal hochschulwatch.de sieht das kritisch. Er warnt vor einem zu großen Einfluss der Stiftung: "Die schlechten Arbeitsbedingungen bei Lidl - die werden als Forschungsthema an der TU dann wohl nicht mehr vorkommen", sagte er in einem Interview mit dem SPIEGEL.

"Wir verbieten jegliche Einmischung"

Die TUM legt Wert darauf, dass die Stiftung keinerlei Einfluss nimmt, weder bei der Auswahl der Professoren noch bei der Forschung. "Wir verbieten jegliche Einmischung", sagt TUM-Pressesprecher Ulrich Marsch. "Es gab Unternehmen, die einen Stiftungslehrstuhl spenden, sich aber ins Forschungsprogramm einmischen wollten, die Verhandlungen haben wir abgebrochen." Einblick in die Verträge gibt es allerdings nicht.

Christian Kreiß, der Professor aus Aalen, kritisiert das: "Niemand weiß, wie viele Vorgaben die Unternehmen und Stiftungen den Unis machen." Der Geldgeber entscheide direkt, welche Lehrstühle und Fakultäten im Land geschaffen würden.

Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, hält dagegen, dass bei Forschungskooperationen oft sensible Daten im Spiel seien: "Im Sinne einer vertrauensvollen Zusammenarbeit ist es absolut nachvollziehbar und auch rechtmäßig, dass Verträge und Inhalte nicht en détail veröffentlicht werden."

Auch das Land Baden-Württemberg, wo die TUM-Außenstelle hinkommt, mischt sich nicht ein. "Bei Niederlassungen von Hochschulen aus anderen Bundesländern oder EU-Mitgliedstaaten, egal ob privat oder staatlich, besteht in Baden-Württemberg lediglich eine Anzeigenpflicht - keine Genehmigungspflicht", heißt es aus dem Bildungsministerium des Landes. Die TUM sei für die Studiengänge und deren Qualität verantwortlich.

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Bildungscampus in Heilbronn

Doch wie sehr kann man den Geldgebern Glauben schenken, dass sie die Hochschulen wirklich nicht beeinflussen? Schließlich gab es solche Fälle bereits: So hatte sich die Boehringer Ingelheim Stiftung umfangreiche Mitspracherechte, vor allem bei der Berufung von Professoren an der Uni Mainz, gesichert. Auch die Berliner Humboldt-Universität und die TU Berlin ließen sich im Jahr 2006 von der Deutschen Bank zwei Professuren stiften. Später kam heraus, dass der Bank bei Lehre, Forschung und Personal viel Mitspracherecht gegeben worden war. Als das fünf Jahre später aufflog, wurde die Kooperation beendet.

An der Uni Erlangen-Nürnberg erhielt der ehemalige Audi-Personalvorstand Werner Widuckel eine von Audi finanzierte Professur. Nach einigen Jahren lief das Geld aus, nun wird Widuckel von der Uni bezahlt. Und an der TU Berlin hat die Stiftung Zuckerindustrie eine Professur für Lebensmittelverfahrenstechnik fünf Jahre lang kofinanziert.

Laut Stifterverband werden 90 Prozent der Stiftungsprofessuren von den Hochschulen weiterfinanziert. Wird die Wissenschaft also doch unbemerkt von der Wirtschaft unterwandert? Christian Kreiß sagt: Ja. Denn Professoren, die von der Uni weiterbezahlt werden, tauchen in der Statistik nicht mehr als Stiftungsprofessoren auf. Sondern als ganz normale Lehrstuhlinhaber - ohne jeden Hinweis auf ihre Vergangenheit.


Zusammenfassung: Lidl-Gründer Dieter Schwarz hat der TU München 20 Stiftungsprofessuren auf Lebenszeit spendiert. Kritiker bemängeln, dass Unternehmen und Stiftungen mit Spenden wie diesen immer mehr Einfluss auf die Wissenschaft und Forschung nehmen. Dabei gibt es in Deutschland nur rund 800 Stiftungsprofessoren - von insgesamt mehr als 47.000 Professoren. Laut dem Stifterverband gehen die Investitionen von Unternehmen in die Hochschulen zudem zurück. Dennoch werden viele Professoren von den Hochschulen übernommen, wenn das Stiftungsgeld ausgelaufen ist - dann tauchen sie in den Statistiken nicht mehr als Stiftungsprofessoren auf.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Unilever hätte der TU Berlin eine Stiftungsprofessor finanziert. Richtig ist, dass diese Professur fünf Jahre lang von der Stiftung Zuckerindustrie kofinanziert worden ist. Die Zusammenarbeit der Uni Mainz besteht mit der Boehringer Ingelheim Stiftung, nicht mit dem Unternehmen Boehringer Ingelheim. Wir haben die entsprechenden Stellen korrigiert.

insgesamt 27 Beiträge
Stormwatch 21.12.2018
1. Stiftungsprofessuren und Drittmittel gehören generell verboten
Das Geld, das den Universitäten dadurch entgeht, könnte man - wenn man nur wollte - ganz einfach durch eine höhrere Unternehmensbesteuerung beschaffen, ohne das Risiko der Einflussnahme seitens einiger Milliardäre.
Das Geld, das den Universitäten dadurch entgeht, könnte man - wenn man nur wollte - ganz einfach durch eine höhrere Unternehmensbesteuerung beschaffen, ohne das Risiko der Einflussnahme seitens einiger Milliardäre.
patrick6463 21.12.2018
2. Und wer soll entscheiden was geforscht wird?
Irgendwelche Beamten? Politiker dir Jurist sind oder irgendetwas auf Lehramt? Wenn die Unternehmen was gebraucht wird entstehen wenigstens ein paar Arbeitsplätze hier in Deutschland und die Diktoranden finden auch einen Job.
Irgendwelche Beamten? Politiker dir Jurist sind oder irgendetwas auf Lehramt? Wenn die Unternehmen was gebraucht wird entstehen wenigstens ein paar Arbeitsplätze hier in Deutschland und die Diktoranden finden auch einen Job.
Freundschafter 21.12.2018
3.
Wo steht das Forschung im Neutral sein muss? Im Zweifel versuchen die Parteien ihre Ideologie in den Hochschulen zu platzieren!
Wo steht das Forschung im Neutral sein muss? Im Zweifel versuchen die Parteien ihre Ideologie in den Hochschulen zu platzieren!
fiegepilz 21.12.2018
4.
es gibt fachbereiche da sind 80% der professoren und doktoranden aus drittmittlen bezahlt. gerade die MINT fächer. dass die faktisch keine möglichkeit mehr haben kritisch gegen den hauptfinanzier zu veröffentlich ist leider [...]
es gibt fachbereiche da sind 80% der professoren und doktoranden aus drittmittlen bezahlt. gerade die MINT fächer. dass die faktisch keine möglichkeit mehr haben kritisch gegen den hauptfinanzier zu veröffentlich ist leider politisch so gewollt. mit unabhängigkeit hat es aber nichts mehr zu tun. lehrstuhl kaufen gehört verboten und die unis mehr öffentlichen geldern gut und unabhängig aufgestellt
lautlos 21.12.2018
5. Schlimmer
Viel schlimmer sind die Einflüsse des Bundes. Wirklich unabhängige Lehrstühle gibt es kaum noch. Die Flut der Studien, dessen Ergebnis schon feststeht, ist ein guter Indikator dafür. Die Anzahl der Epidemeologen ist auch [...]
Viel schlimmer sind die Einflüsse des Bundes. Wirklich unabhängige Lehrstühle gibt es kaum noch. Die Flut der Studien, dessen Ergebnis schon feststeht, ist ein guter Indikator dafür. Die Anzahl der Epidemeologen ist auch explodiert. Also der Leute, die für Geld und mit viel Statisikexpertise aber ohne Sachverstand Studien produzieren. Gefördert oder beauftragt durch den Bund. Mehr Geld für die Forschung und Lehre muss her und größere Unabhängigkeit der Hochschulen.

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