Leben und Lernen

Hunde-Therapie gegen Lernstress

"Law School ist eben nicht sehr flauschig"

Die Jura-Prüfungen an amerikanischen Law Schools gelten als äußerst hart. Damit die Studenten beim Dauerlernen nicht mental zusammenbrechen, setzen einige Unis jetzt tierisch auf Entspannung: Sie bieten flauschige Hunde als Anti-Stress-Mittel an. 

REUTERS

Knuffiger Hund: "Ich glaube, sie fühlen unseren Stress"

Mittwoch, 14.12.2011   09:10 Uhr

In den USA stehen derzeit die Semesterprüfungen an. Besonders an den Law Schools des Landes ist diese Zeit für die Studenten kein Zuckerschlecken. Die Prüfungen an den Jurafakultäten gelten als besonders hart und lernintensiv, der Konkurrenzdruck an den Instituten ist hoch. Nur mit Bestnoten kommt man an die begehrten Jobs im Rechtswesen oder großen Unternehmen.

Viele der angehenden Juristen beschränken ihre Aktivitäten in dieser Phase deshalb auf Lernen und die allernötigsten lenbenswichtigen Körperfunktionen - und damit sie nicht in die Burnout-Falle tappen, haben sich einige Jurafakultäten jetzt den besten Freund des Menschen ins Haus geholt. Hunde sollen ihre therapeutische Wirkung entfalten und den Stress-Level der Studenten senken.

Hunde werden in vielen Bereichen als Therapietiere eingesetzt. Sie helfen Soldaten in Kriegsgebieten, mit der nervlichen Belastung klarzukommen oder kranke oder alte Menschen zu aktivieren. Studien haben gezeigt, dass Hunde blutdrucksenkend und Stress abbauend wirken und allgemein das Befinden verbessern.

Puppy Day in Arlington

An der George Mason University School of Law in Arlington ließen vergangene Woche Dutzende Jurastudenten für zwei Stunden die Bücher liegen und strömten in die Aula, wo sie von 15 Hundebabys aus dem Tierheim erwartet wurden. Die kleinen Vierbeiner ließen sich streicheln und auf den Arm nehmen.

"Man kann sich nicht gestresst fühlen, wenn man ein Hundebaby anschaut", sagt eine Jurastudentin mit braun geflecktes Hundebaby auf dem Arm einem Video-Reporter der "Washington Post". "Das ist die beste Entspannung überhaupt." Bereits zum zweiten Mal bot die Uni in Kooperation mit einem Tierschutzverein den "Puppy Day" an. "Gerade in dieser Zeit hat man das Gefühl, dass die Law Scool einem das Leben ruiniert", sagte Studentin Laura Tisdale. "Mit einem sich räkelden Hundebaby im Arm fühlt man sich da gleich wieder wie ein Mensch." Auch Tashina Harris war begeistert vom neuen Tierprogramm. "Ich glaube, sie fühlen unseren Stress", sagte die 23-Jährige. "Sie erinnern uns daran, dass wir Pausen machen müssen."

Auch an der Law School der University of Arizona in Tucson haben inzwischen Hunde als Stressbewältiger Einzug gehalten. Studentin Cindy Hirsch hatte die Idee, die Tiere für ihre Mitstudenten in der Bibliothek bereitzuhalten. Zwei Therapiehunde können dort während der Prüfungsphase in der Bibliothek besucht werden. Studentin Caroline Hoyt hat sich schon für einen zweiten Besuch eingetragen. "Es ist schön, mal vom Lernen wegzukommen und anstatt im Internet zu surfen eine echte Interaktion zu haben", sagte sie der Uni-Zeitung "Daily Wildcat".

Als erste Jurafakultät hatte bereits im Frühjahr die Law School der Yale University in New Haven, Connecticut, einen tierischen Nervenschmeichler bereitgestellt. Neben mehr als einer Million Bücher war in der Jurabibliothek in der Woche vor den Prüfungen Therapiehund Monty halbstündlich auszuleihen. Yale ist besonders bekannt für seine Juristenausbildung - allerdings auch für ihren harten Konkurrenzkampf.

Ob sich die Hunde tatsächlich positiv auf die Prüfungsergebnisse auswirken, bezweifelt ein Student der George Mason University im Video der "Washington Post". Trotzdem freue er sich über die Abwechslung im Lernalltag. Ein anderer drückte sein Fazit des "Puppy Day" so aus: "Hundebabys sind flauschig. Und ich mag flauschige Dinge. Law School ist eben nicht sehr flauschig. Jetzt kann ich mein Flauschigkeitskontingent wieder auffüllen."

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Zahlen und Fakten

Die neue Zivilisationskrankheit
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Erschöpfung - ein Massenphänomen
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Alarmierend ist der TK zufolge die hohe Zahl von Burnout-Patienten. 2008 sind demnach "ausgebrannte" Berufstätige fast zehn Millionen Tage krankgeschrieben worden. Damit fehlten rund 40.000 Menschen das ganze Jahr über am Arbeitsplatz. Dies entspricht einer Zunahme von 17 Prozent verglichen mit 2003.
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Kosten für das Gesundheitssystem
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