Netzwelt

Russisches Yotaphone im Test

Das Handy mit den zwei Gesichtern

Vorne Smartphone, hinten E-Book-Reader: Das russische Yotaphone hat zwei Bildschirme. Die neue Technik soll Strom sparen und Vielnutzern das ständige Ein- und Ausschalten des Telefons ersparen. Wir haben getestet, wie gut die neue Technik funktioniert.

SPIEGEL ONLINE
Mittwoch, 04.12.2013   16:33 Uhr

Als ich mir das Yotaphone Anfang 2012 zum ersten Mal ansehen konnte, war ich begeistert. Sein zusätzlicher Bildschirm soll zwei Probleme lösen. Zum einen werde der Akku länger durchhalten als üblich, verspricht der russische Hersteller, zum anderen müsse man nicht mehr regelmäßig den Bildschirm einschalten, um nachzusehen, ob neue Nachrichten eingegangen sind. Jetzt soll das Gerät zu einem Preis von 499 Euro auf den Markt kommen.

Das Besondere am zweiten Bildschirm ist die von E-Book-Readern bekannte E-Ink-Technik, die kaum Strom verbraucht. Erstaunlich ist, dass das Yotaphone trotz dieses Zusatz-Displays kaum dicker ist als andere Smartphones.

Was man mit dem Zusatz-Bildschirm anfängt, ist dem Nutzer überlassen. In der einfachsten Variante lässt man dort einfach die Uhrzeit anzeigen. Über mehrere von Yota bereitgestellte Apps kann man aber auch seinen Terminkalender, Notizen, einen Einkaufszettel, Wetterdaten und viele andere Informationen anzeigen lassen.

Bildschirm ohne Touch-Funktion

Möglichkeiten, das zweite Display sinnvoll zu nutzen, gibt es also viele. Trotzdem kommt nach den ersten zwei Tagen mit dem Gerät keine echte Begeisterung auf. Die Auflösung des Zweitbildschirms ist mit 360 x 640 Pixeln sehr gering. Schrift wird grob pixelig angezeigt, Bilder wirken matt. Vor allem aber ist der E-Ink-Bildschirm kein Touchscreen.

Kollegen, die sich an dem Gerät versuchten, tippten aus Gewohnheit erst einmal auf den Bildschirm, bevor ich sie darauf hinweisen konnte, dass der nur Gesten akzeptiert, die man auf einer darunter liegenden berührungsempfindlichen Fläche ausführt.

Apps, die Daten nach hinten werfen

Was genau auf der Rückseite in Grautönen angezeigt werden soll, stellt man mit Apps ein. Die können zum Beispiel RSS-Feeds, also Nachrichtenströme von Internetseiten wie SPIEGEL ONLINE, Twitter-Nachrichten oder Facebook-Postings auf den Rücken packen. Leider gibt es dabei eine Einschränkung: Zwar lassen sich mehrere RSS-Feeds auf den Bildschirm verschieben, Facebook und Twitter funktionieren aber nur solo. Ein Software-Update soll diese Option nachliefern.

Auf Reisen kann eine andere Funktion nützlich sein. Indem man mit zwei Fingern über den Farbbildschirm auf der Vorderseite wischt, verschiebt man einen Screenshot auf das umseitige E-Ink-Display. So kann man den QR-Code einer Fahrkarte oder eines Flugtickets bereithalten. Natürlich kann man auch Bücher auf dem Zweitbildschirm lesen. Derzeit aber nur mit der hierzulande kaum bekannten App Bookmate. Amazons Kindle-App funktioniert nur auf dem Farbbildschirm, was widersinnig erscheint.

Probleme mit dem W-Lan

In Ordnung ist dagegen der Farbbildschirm. Mit 1280 mal 720 Pixeln bietet er zwar keine besonders hohe, aber eine für 4,3 Zoll ausreichende Auflösung. Die Farbdarstellung ist, ebenso wie der seitliche Betrachtungswinkel, gut. Die Helligkeit auch. Ähnlich kann man die 13-Megapixel-Kamera bewerten: Sie knipst gute Fotos, deren Qualität aber nicht die der ebenso hochauflösenden Kamera im LG G2 erreicht. Den Dualcore-Prozessor sortieren Benchmark-Programme in die gute Mittelklasse ein. Beim Scrollen im Browser ruckelt es manchmal.

Viel ärgerlicher waren aber die Netzwerkprobleme, die das Testgerät plagten. Zum einen schwankte die Empfangsqualität im Mobilfunknetz erheblich. An meinem Arbeitsplatz waberte die Anzeige zwischen bestem HSDPA-Empfang, GPRS und gar keinem Empfang, während andere Handys keine Probleme zeigten.

Noch schlechter klappten Verbindungen mit W-Lan-Netzen. Hier kam es regelmäßig zu Verbindungsabbrüchen. Mit einigen zum Test angesteuerten Netzen mochte sich das Yotaphone gar nicht verbinden. Manchmal bescheinigte es Netzwerken, mit denen es eben noch bestens verbunden war, Sekunden später eine schlechte Verbindung oder wertete sie gar als "nicht in Reichweite". Die vier während der vergangenen zwei Tage bereitgestellten Systemsoftware-Updates brachten kaum Linderung.

Fazit

Ohne den zweiten Bildschirm wäre das Yotaphone nur eine durchschnittliches Mittelklasse-Smartphone. Mit ihm ist es die Verheißung längerer Akkulaufzeit und ständiger Verfügbarkeit von Daten und Nachrichten. Noch kann es diese Versprechen aber nicht erfüllen. Zwar bietet das Zweit-Display interessante Möglichkeiten, ist ohne Touchscreen und mit schlechter Auflösung aber nicht zeitgemäß.

Vorteile und Nachteile

Innovatives Konzept

Gute Verarbeitung

Bestimmte Informationen ständig verfügbar

Rückseitiges Display dauerhaft ablesbar

Steuerungsgesten funktionieren nicht immer zuverlässig

Probleme mit W-Lan-Verbindungen

Mäßige Mobilfunk-Empfangsqualität

Probleme mit der Erkennung von Sim-Karten

Schlechte Auflösung des E-Ink-Displays

Kein Touchscreen auf der Rückseite

Nur mittelmäßige Akkulaufzeit

Auch die Akkuleistung konnte im Test nicht überzeugen. Der Stromspeicher unseres Testgeräts war viel zu schnell leer, hielt gerade mal einen Arbeitstag durch. Allerdings habe ich es auch überdurchschnittlich intensiv genutzt. Zudem lässt sich nach so kurzer Zeit kein endgültiges Urteil über den Akku fällen. Ob sich die Netzprobleme per Software-Update lösen lassen, bleibt abzuwarten.

Die Begeisterung, die der erste Prototyp bei mir ausgelöst hatte, ist vorläufig Ernüchterung gewichen. Aber das ist hoffentlich nicht von Dauer. Noch im Dezember soll das Yotaphone in den Handel kommen. Mal sehen, ob die Netzwerkprobleme bis dahin beseitigt werden.

insgesamt 14 Beiträge
cola79 04.12.2013
1. Gute Idee, schlecht umgesetzt
Die wahrscheinlich markttauglichere Variante wäre ein Smartphone mit nur einem Display, dann aber in der E-Ink Variante. Also ein Telefon zum telefonieren, Browser, Kalender, und SMS. Dafür dann mit unübertroffener [...]
Die wahrscheinlich markttauglichere Variante wäre ein Smartphone mit nur einem Display, dann aber in der E-Ink Variante. Also ein Telefon zum telefonieren, Browser, Kalender, und SMS. Dafür dann mit unübertroffener Akkulaufzeit, ohne Videofunktion. Spiele und Video muss nicht jeder haben, aber SMS/Whatsapp etc ist heutzutage ein Muss. Da wäre ein Markt da, aber für ein Telefon, das letzlich hinten nur Screenshots anzeigt, braucht doch niemand... Die Russen werden deutsch-gute Ideen so umsetzen, dass der Markt damit ganz sicher nichts anfangen kann (siehe WeTab, StudiVZ, etc.). Und die Akkulaufzeit unter intensiverem Gebrauch zu testen ist schon in Ordnung, im Stand verbraucht ein PKW schließlich auch sensationelle 0,4 Liter auf null Kilometer...
RastaHiro 04.12.2013
2. In nicht allzu ferner Zukunft
In nicht allzu ferner Zukunft werden die Displays gleichzeitig Kamera sein. Wenn es nicht schon heute der Fall ist - mal als provokante Denke. Aber ändern können wir es eh nicht mehr! Man sollte sich dessen nur bewusst [...]
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEVorne Smartphone, hinten E-Book-Reader: Das russische Yotaphone hat zwei Bildschirme. Die neue Technik soll Strom sparen und Vielnutzern das ständige Ein- und Ausschalten des Telefons ersparen. Wir haben getestet, wie gut die neue Technik funktioniert. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/angefasst-das-yotaphone-aus-russland-im-test-a-937027.html
In nicht allzu ferner Zukunft werden die Displays gleichzeitig Kamera sein. Wenn es nicht schon heute der Fall ist - mal als provokante Denke. Aber ändern können wir es eh nicht mehr! Man sollte sich dessen nur bewusst sein. Die Double-Display-Lösung ist natürlich perfekt für die Überwachung geeignet! Prinzipiell habe ich auch keine Problem damit, solange ich nicht von den Firmen verarscht werde. Wenn die Schnorchel-Säcke sie wenigstens gegen mafiöse, korrupte und Serien-Kriminelle produktiv einsetzen würden! Aber davon sind se natürlich weit entfernt!
gonzotheold 04.12.2013
3. Lesbarkeit bei Sonne
Das interessanteste am Konzept fände ich die Lesbarkeit bei Sonnenlicht. Als Navigationsgerät auf dem Fahrrad scheint es eine gute Idee zu sein. Mich würde interessieren ob man auch das gestestet hat. Hört sich nach einer [...]
Das interessanteste am Konzept fände ich die Lesbarkeit bei Sonnenlicht. Als Navigationsgerät auf dem Fahrrad scheint es eine gute Idee zu sein. Mich würde interessieren ob man auch das gestestet hat. Hört sich nach einer guten Idee an - die technischen Kinderkrankheiten sind doch kein wirkliches Problem - und wenn jemand anders das Konzept übernimmt und es "richtig" umsetzt.
knopfloch 04.12.2013
4. widersinnig
Warum sollte das Display die Kamera sein? Das sind voellig verschiedene Bauteile. Dass geheime Kameras eingebaut werden koennten ist klar, aber das wird nicht das Display selbst sein, ist also auch voellig unabhaengig von der [...]
Zitat von RastaHiroIn nicht allzu ferner Zukunft werden die Displays gleichzeitig Kamera sein. Wenn es nicht schon heute der Fall ist - mal als provokante Denke. Aber ändern können wir es eh nicht mehr! Man sollte sich dessen nur bewusst sein. Die Double-Display-Lösung ist natürlich perfekt für die Überwachung geeignet! Prinzipiell habe ich auch keine Problem damit, solange ich nicht von den Firmen verarscht werde. Wenn die Schnorchel-Säcke sie wenigstens gegen mafiöse, korrupte und Serien-Kriminelle produktiv einsetzen würden! Aber davon sind se natürlich weit entfernt!
Warum sollte das Display die Kamera sein? Das sind voellig verschiedene Bauteile. Dass geheime Kameras eingebaut werden koennten ist klar, aber das wird nicht das Display selbst sein, ist also auch voellig unabhaengig von der (Non)Existenz des selben.
xtechnokratx 04.12.2013
5. Ich
finde die Idee gut, allerdings die Umsetzung mangelt noch.
finde die Idee gut, allerdings die Umsetzung mangelt noch.

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Technische Daten

Hersteller Yota Devices
Modell Yotaphone
Maße (Millimeter) 134 x 67 x 10 Millimeter
Gewicht 146 Gramm
Sprechzeit keine Angabe
Standby keine Angabe
Farbdisplay 4,3 Zoll, 1280 x 720 Pixel
E-Ink-Display 4,3 Zoll, 360 x 640 Pixel
Prozessor 1,7 GHz Dualcore
Arbeitsspeicher 2 GB
Massenspeicher 32 GB
Speichererweiterung Nein
Kamera (hinten/vorne) 13 Megapixel
Mobilfunktechnik LTE, UMTS
W-Lan 802.11 a/b/g/n
Bluetooth 4.0
Betriebssystem Android 4.2
Besonderheiten Zusaz-Display mit E-Ink-Technik
Preis 499 Euro

Alle Daten sind Herstellerangaben.

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