Netzwelt

Biometrie-Armband

Herzschlag ersetzt Fingerabdruck

Ein Armband soll zukünftig Passwörter, ID-Chips und Fingerabdrücke ablösen. Es misst die elektrischen Signale und den Herzschlag seines Trägers. Aber das Herz verrät mehr als nur unsere Identität - es könnte zur Datenfundgrube werden.

Bionym

Biometrie-Armband Nymi: Per Knopfdruck werden elektrische Signale des Körpers zum Ausweis

Dienstag, 10.09.2013   12:16 Uhr

Mit klebrigen Fingern über Fingerabdruck-Scanner wischen, für Retina-Scans die Brille abnehmen: Sich anhand seiner biologischen Eigenschaften identifizieren zu lassen, ist mühsam und zeitaufwendig. Vielleicht sind solche zudem noch teuren Sensoren im Alltag deswegen kaum verbreitet. Doch wenn sich die Gerüchte um das neue iPhone mit einem Fingerabdruck-Scanner bestätigen sollten, würde Biometrie Einzug in den Technikfundus vieler Nutzer halten.

Die kanadische Firma Bionym hat es sich zur Aufgabe gemacht, nervige Anmelde-Prozesse zu vereinfachen und berührungslos zu machen - indem sie den Herzschlag der Nutzer misst. Genauer gesagt soll das Armband Nymi, das elektrische Signale auf der Haut erfasst, die täglichen Passworteingaben, das Suchen der Autoschlüssel oder das Eintippen der Pin an der Kasse überflüssig machen.

Sobald mit einem Finger eine am Handgelenk getragene Elektrode berührt wird, liest Nymi den Herzschlag aus. Die typischen Muster, die dabei entstehen, wollen die Erfinder nutzen, um den Träger des Armbands zu identifizieren. "Das Signal wird per Bluetooth an Geräte in der Umgebung übertragen, die es mit einer Vorlage vergleichen", sagt Bionym-Geschäftsführer Karl Martin. "Das Armband ist danach als Ausweis freigeschaltet, solange der Nutzer es trägt und nicht abnimmt oder verliert."

Die Firma zeigt in einem Video, wie sich ihr neues 80-Dollar-Armband in Zukunft einsetzen ließe: Kofferraum oder Fahrertür lassen sich mit einer Geste der Hand öffnen - das wirkt wie der Einsatz "der Macht" in den "Star Wars"-Filmen. Der Fernseher schaltet nach einem Winken um, und fast im Vorbeigehen zahlt ein Kunde sein Getränk im Café. Bionym betont aber, dass Nymi nicht zur medizinischen Anwendung als Pulsmesser gedacht ist, sondern nur als eine Art Ausweis. Aus ärztlicher Sicht ist das Gerät recht plump.

Keinen Datenzugang mehr nach dem Herzinfarkt?

"Für ein Elektrokardiogramm in der Medizin werden zwölf Ableitungen gemessen: Auf zehn definierten Stellen des Körpers positionieren wir dafür Elektroden", erklärt Kardiologe Eike Philipp Tigges vom Universitären Herzzentrum in Hamburg. Er ist daher skeptisch: "Ich bezweifle, dass durch nur einen Messpunkt ein EKG-Signal gemessen werden kann, das eine Person zweifelsfrei identifiziert." Der Mediziner räumt aber ein, dass sich grundsätzlich bei Menschen sehr spezielle EKG-Muster herausbilden können, die von Parametern wie dem Körperbau abhängig sind.

Zwar behauptet Bionym, dass die Vergleichsmuster über mehrere Jahre nutzbar sein sollen, aber auch der Geschäftsführer Martin muss zugeben, dass dieses Muster nach "einer großen physiologischen Änderung neu erstellt werden" muss. Ein Herzinfarkt zählt beispielsweise zu solchen Ereignissen und könnte dazu führen, dass eigentlich berechtigten Nutzern der Zugang verwehrt wird.

Auch bei anderen, weniger schweren Einflüssen könnte das Armband versagen."Manche Medikamente können kurzfristig EKG-Muster beeinflussen", so Tigges. Unklar ist daher, wie zuverlässig und gleichzeitig sicher Nymi funktionieren kann. "Sogar über den Tag verteilt schwanken Herzfrequenzmuster", weiß der Mediziner. "Am Morgen nach dem Aufstehen und nach dem Kaffee sehen sie ganz anders aus als am Abend."

Bionym

Nymi-Armbänder: Über Bluetooth verschickt das Armband elektrische Signalmuster

Im Umkehrschluss könnte dies bedeuten, dass sich zusätzliche Informationen aus einer Signalschwankung ableiten ließen. Zwar misst Nymi nur bei einer Referenzmessung und Berührung das Signal, aber eine zukünftige Erweiterung oder Verfeinerung der Technik könnte neue, vielfältig einsetzbare Daten verfügbar machen. Denn Größe, Gewicht, Körperfett oder Schweiß haben Einfluss darauf, wie groß die Spannungen im Millivolt-Bereich sind.

Vom Armband zum Lügendetektor?

Warum sollte man also nicht versuchen, andere Parameter wie Geschlecht, Trainingsstand oder Körperfettanteil über die elektrischen Signale zu bestimmen? Für Fitness-, Diät- oder Service-Apps, aber auch für die Werbeindustrie könnten solche Informationen bei der Übertragung interessant sein. Beim Fernsehen mit der Gestenfernbedienung den Erregungszustand zu messen oder gar Indizien zu sammeln, um jemanden beim Lügen zu erwischen, weil er besonders stark schwitzt, scheint mit einem verbesserten Sensor-Armband nicht unrealistisch. Die Leitfähigkeit der Haut ist schon heute ein Parameter, der bei den auch Lügendetektor genannten Polygrafen zum Einsatz kommt.

"Es gibt Software-Entwickler, die behaupten, dass sie zusätzliche Parameter aus dem Signal ableiten können", sagt Bionym-Geschäftsführer Martin. "Wir unterstützen eine solche Funktion aber derzeit nicht." Und auch der Mediziner Tigges hält es noch für unwahrscheinlich, dass sich rein über die Signale zuverlässig Informationen extrahieren lassen: "Ein langsamer Herzschlag kann ein Indiz für einen jungen Mann mit guter Fitness sein, aber auch durch Herzstörungen bei einer Oma bedingt sein."

Sollte Nymi nur das halten, was es verspricht, könnte es aber zu einer in Smartwatches integrierbaren Technik werden, die Passwörter ablöst und Vorteile gegenüber anderen biometrischen Erkennungsverfahren bietet. Denn Fingerabdrücke hinterlassen wir leicht stehlbar auf allem was wir anfassen. Die elektrischen Signale vom Körper abzugreifen und zu fälschen, wäre erheblich aufwendiger.

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insgesamt 19 Beiträge
purple 10.09.2013
1. Augenwischerei
Jeder biometrische Faktor lässt sich problemlos fälschen -> da ist keinerlei Sicherheit dabei. Ich schätze das ist noch nicht mal replaysicher. (Funksignal 1* aufzeichnen und immer wieder verwenden)....
Zitat von sysopBionymEin Armband soll zukünftig Passwörter, ID-Chips und Fingerabdrücke ablösen. Es misst die elektrischen Signale und den Herzschlag seines Trägers. Aber das Herz verrät mehr als nur unsere Identität - es könnte zur Datenfundgrube werden. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/biometrie-armband-nymi-elektrisches-feld-und-herzschlag-als-ausweis-a-920303.html
Jeder biometrische Faktor lässt sich problemlos fälschen -> da ist keinerlei Sicherheit dabei. Ich schätze das ist noch nicht mal replaysicher. (Funksignal 1* aufzeichnen und immer wieder verwenden)....
dr.u. 10.09.2013
2. Zuverlässigkeit
Ein nur an einem herzfernen Punkt aufgenommenes, einzelnes Signal des Herzschlages erscheint mir doch sehr vage als Identifikationsmerkmal. Schließlich ist der Herzschlag doch ziemlichen Schankungen unterworfen [...]
Zitat von sysopBionymEin Armband soll zukünftig Passwörter, ID-Chips und Fingerabdrücke ablösen. Es misst die elektrischen Signale und den Herzschlag seines Trägers. Aber das Herz verrät mehr als nur unsere Identität - es könnte zur Datenfundgrube werden. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/biometrie-armband-nymi-elektrisches-feld-und-herzschlag-als-ausweis-a-920303.html
Ein nur an einem herzfernen Punkt aufgenommenes, einzelnes Signal des Herzschlages erscheint mir doch sehr vage als Identifikationsmerkmal. Schließlich ist der Herzschlag doch ziemlichen Schankungen unterworfen (körperliche Betätigung, Streß, Krankheit, Stimmung, etc.). Informationen über bereits geteste Kollektive (richtig erkann, falsch erkannt, falsch positiv erkannt, falsch negativ erkannt) wären da schon mal Anhaltswerte. Grundsätzlich ist die Idee aber nicht schlecht. Da wird es wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis etwas Vergleichbares mit EEG Mustern in Google-Glas o.Ä. integriert wird. Spätestens dann darf man gespannt sein, welche Begehrlichkeiten das dann wieder bei den verschiedenen Geheimdiensten weccken wird...
amidelis 10.09.2013
3. Das ist verwegen.
Ich hab mal als Student gelernt - der Herzrhythmus folgt einer nicht stochastischen Wahrscheinlichkeit und ist nur mit einer aberwitzig hohen Ordnung manierlich zu beschreiben. Dieses Gadget ist darüberhinaus extremst unsicher - [...]
Ich hab mal als Student gelernt - der Herzrhythmus folgt einer nicht stochastischen Wahrscheinlichkeit und ist nur mit einer aberwitzig hohen Ordnung manierlich zu beschreiben. Dieses Gadget ist darüberhinaus extremst unsicher - man muss nur den Träger nötigen das Teil anzulegen und im hui öffnet sich auch jedes noch so verborgene Türchen. Witzige Idee, miserable Zukunft.
Airkraft 10.09.2013
4. Ich bin...
Ich bin für die Implantation eines Funkchips, der über das Internet direkt mit der NSA verbunden ist :-(
Ich bin für die Implantation eines Funkchips, der über das Internet direkt mit der NSA verbunden ist :-(
Zaunsfeld 10.09.2013
5.
Ich finde ja mittlerweile, dass jeder Mensch dazu verpflichtet werden müsste, sich ein komplettes Sensorennetz mit Peilsender implantieren zu lassen. Da wird dann alles registriert und permanent überwacht ... Fingerabdrücke, [...]
Ich finde ja mittlerweile, dass jeder Mensch dazu verpflichtet werden müsste, sich ein komplettes Sensorennetz mit Peilsender implantieren zu lassen. Da wird dann alles registriert und permanent überwacht ... Fingerabdrücke, DNS, Gesundheitszustand, usw. Die Daten werden sämtlichst den Geheimdiensten der Welt frei zur Verfügung gestellt, also wann wir etwas tun und sagen und wo, wie lange, mit wem und zu welchem Zweck. Diese Geheimdienste können all die Daten dann zum Wohle der reichsten 1% der Bevölkerung einsetzen. Denn das ist es, worum es bei diesem ganzen Überwachungswahn eigentlich geht. Dann müssen die sich keine Sorgen mehr um uns machen und brauchen auch keine Angst mehr vor uns zu haben.

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