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Lytro-Kamera im Test

Durchgehend scharf

Erst fotografieren, später fokussieren: Die erste Lichtfeldkamera für jedermann kommt nach Deutschland. Mit der Lytro kann man nachträglich am Computer scharf stellen, was man will. Ob die Technik funktioniert, zeigt der Test.

SPIEGEL ONLINE
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Freitag, 26.07.2013   12:44 Uhr

Interessant sieht sie aus, die erste Lichtfeldkamera für Privatkunden: Das Gehäuse der nun in Deutschland erhältlichen Lytro-Kamera ist ein hoher, schmaler Quader. Dieser Fotoapparat sieht eher aus wie ein Design-Salzstreuer. Das außergewöhnliche Design passt zur Technik. Im Inneren teilen viele winzige Linsen das einfallende Licht in unterschiedliche Einzelbilder - eine für Digitalkameras ungewöhnliche Konstruktion.

Der größte Vorteil dieses Bauprinzips: Das Bild muss nicht vor dem Auslösen scharf gestellt werden, fokussieren kann man später am Computer. Die Lytro fotografiert gleichzeitig alles scharf und nicht scharf. In den Vereinigten Staaten ist die Kamera seit dem Frühjahr 2012 im Handel.

Was kann das deutsche Lytro-Modell? Die Stärken und Schwächen der unkonventionellen Fototechnik im Überblick:

Gut: Schärfeeffekt, Zoom

Unschärfeeffekt: Die Lichtfeldtechnik (hier Hintergrund zu Geschichte und Prinzip) hat theoretisch viele Vorteile. So konstruierte Kameras können schneller und lichtstärker als vergleichbare Modelle konventioneller Bauart sein. Bei der Lytro steht aber ein anderer Vorteil im Mittelpunkt: Die Aufnahmen sind durchgehend scharf, sie können nachträglich neu fokussiert werden. Man klickt ins Bild und diese Ebene wird scharf. Das funktioniert in der Lytro-Software gut (nur für Mac und Windows erhältlich).

Derart fokussierte Fotos kann man als JPG-Dateien exportieren. Es ist aber auch möglich, ein animiertes Bild auf der Lytro-Website zu veröffentlichen. Betrachter rufen es dort auf und fokussieren in der Flash-Version per Mausklick. Der Effekt wirkt nur bei bestimmten Aufnahmen richtig gut: Ein Motiv muss im Vordergrund zu sehen sein, möglichst nah an der Kamera, ein weiteres in der Mitte und eines im Bildhintergrund, viele Meter vom Fotografen entfernt, stehen. Bei solchen Aufnahmen ist es ganz nett, am Bildschirm neu zu fokussieren. Die Aufnahmen müssen gut komponiert und durchdacht seit - nur wenige Motive bieten sich auf Anhieb für einen solchen Effekt an.

Lytro

Zoom: Der optische Achtfach-Zoom der Lytro lässt sich gut bedienen. Man streicht mit dem Finger über einen berührungsempfindlichen Streifen an der Oberseite des Gehäuses, um heran- (nach rechts) oder herauszuzoomen (nach links). Die Blendenöffnung ist mit f/2 konstant hoch. Das ist der Lichtfeldtechnik zu verdanken, bei einer konventionell konstruierten Kamera dieser Größe wäre im Zoombereich die Blende klein.

Nicht so gut: Bildqualität und -auflösung, Display, Preis

Bildqualität: Die Aufnahmen der Lytro haben die Qualität einer besseren Smartphonekamera. In den exportierten JPG-Dateien wirken Details von Oberflächen verschmiert. Im Vergleich wirken Aufnahmen von Mittelklasse-Kompaktkameras wie der Canon S95 und selbst Aufnahmen von besseren Foto-Smartphones sauberer. Durch den bisweilen danebenliegenden Weißabgleich der Kamera entsteht bei manchen Aufnahmen ein unangenehmer Farbstich. Auf exportierten JPG-Dateien kann man den Farbstich durch nachträgliche Bearbeitung mit Programmen wie Lightroom entfernen.

Display: Die Lytro hat keinen Sucher, sondern nur einen winzigen Touchscreen. Das Display ist in etwa so groß wie ein Traubenzuckerplättchen. Es spiegelt stark und eignet sich nicht zum Komponieren von Aufnahmen. Die Auflösung ist mickrig, blickt man leicht seitlich auf den Bildschirm, ist noch weniger zu erkennen.

Software: Auf unserem Windows-Rechner nervte die Lytro-Software mit kleinen Macken. So vergaß das Programm regelmäßig das Login zum Lytro-Konto. Erst nach Neustart des Rechners konnte man sich wieder anmelden und Fotos hochladen. Beim Exportieren von JPG-Dateien übernahm die Lytro-Software nie die eingegebenen Dateinamen, sondern nutzte stur eigene Vorgaben. Das ist ärgerlich, wenn man mehrere unterschiedlich fokussierte Versionen einer Aufnahme exportiert.

Vorteile, Nachteile, Fazit

leicht und kompakt

dynamische Aufnahmen als völlig neuartiges Bildformat

miserabler Bildschirm

magnetischer Deckel fällt leicht ab

im Vergleich zu Kompaktkameras unterdurchschnittliche Bildqualität

teuer

Bearbeitung und Präsentation nur mit Lytro-Infrakstruktur

Speicherplatz nicht erweiterbar

Die Lytro ist eine faszinierende technische Leistung: Zum ersten Mal gibt es eine Lichtfeldkamera in einem kleinen, bezahlbaren und sogar elegant gestalteten Format für jedermann. Viel mehr als eine technische Demonstration ist die Lytro allerdings nicht.

Man kann sie als interessante Ergänzung zu anderen Kameras nutzen, um Motive mit großen Abständen zwischen den Bildebenen zu fotografieren. Dann wirkt die dynamische Schärfe, sonst eher nicht. Die unterdurchschnittliche Bildqualität könnte man verschmerzen: Schließlich haben Instagram-Aufnahmen von Smartphones im Web auch ihren eigenen Reiz. Allerdings kostet die Lytro 480 Euro.

Der deutsche Preis ist erstaunlich hoch angesichts der Tatsache, dass dieselbe Lytro-Kamera in den Vereinigten Staaten derzeit 399 Dollar kostet. Umgerechnet in Euro, Mehrwertsteuer draufgeschlagen, wären das in Deutschland 360 Euro. Es zeugt von Chuzpe, 480 Euro für ein Modell zu verlangen, das auf dem technischen Stand von 2012 ist - samt allen seit damals bekannten Macken.

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Digitalkameras: Lytro, Samsung und Pureview im Vergleich

Kamera Lytro Samsung Galaxy S4 Zoom Nokia Pureview 808 Purevieq
günstigster Preis * (mit / ohne Objektiv) 479 439 351
Maße (Gehäuse) 4,1 x 4,1 x 11,2 cm 12,55 x 6,35 x 1,54 cm 12,4 x 6 x 1,4
Gewicht (Gramm) 214 208 169
Objektiv 43-341mm, f/2 24-240mm f/3,1 bis f/6,3. f/2,4
Auflösung (Megapixel) 1,16 (Auflösung exportierter JPGs) 16 3 / 5 / 8 / 38,4
Sensorgröße (cm²) unbekannt 0,28 0,85
Megapixel pro cm² unbekannt 57,14 3,53 / 5,87 / 9,40 / 45,18
Display (Diagonale Zoll / cm) 1,5 / 3,8 4,3 / 10,9 4 / 10,16
Display Auflösung (Pixel / Subpixel) 513.000 / 1.539.000 230.400 / 691.200
Besonderheiten Lichtfeldkamera, W-Lan, 8 GB interner Speicher, nicht erweiterbar Android-Smartphone, GPS, per MicroSD erweiterbar Symbian-Smartphone, GPS

* Preise im deutschen Online-Handel, Stand 24.7.2013

Hier die Aufnahmen aus unserem Test des US-Modells von 2012:

(Klicken Sie mit der Maus in beliebige Bestandteile des Fotos, um die Schärfe selektiv dort festzulegen.)

Lytro

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