Netzwelt

Emotionen beim Zocken

Darum rasten so viele Gamer wegen "Fifa" aus

Beim Fußballspielen auf der Konsole wird es oft laut. Und manchmal fliegen sogar Controller. Warum lässt "Fifa" kaum einen Spieler kalt?

SPIEGEL ONLINE

"Fifa 19"

Von und
Mittwoch, 27.03.2019   09:34 Uhr

Sogar Partner, Eltern oder Nachbarn, die nicht spielen, kennen dieses Geschrei: Seit es Fußballvideospiele gibt, lassen sie Gamer jubeln und wüten. Vor allem "Fifa" versetzt Hunderttausende in emotionale Ausnahmezustände. Dokumentiert werden Ausraster von "Fifa"-Streamern in sogenannten Rage-Compilations.

Als wir für unser Fußballgames-Buch recherchierten, berichteten uns "Fifa"-Fans sogar von aus Wut zerschlagenen Ikea-Tischen. Und Sido und Pillath rappten mal: "Ich spiel' 'Fifa' mit meinem Sohn ab und an/Doch verlier' ich, fliegt das Joypad vor den Wohnzimmerschrank."

Warum wühlt "Fifa" Spieler so auf? Und weshalb sehen Googles Suchvorschläge für "Fifa macht ..." so aus?

Google

Google-Suchvorschläge (März 2019)

Ein Teil der Antwort ist einfach: Es regt auf, im Fußball besiegt zu werden, und sei es virtuell, weil es der prestigeträchtigste Sport der Welt ist. "Fifa", sein Digital-Pendant, ist Jahr für Jahr das in Deutschland meistverkaufte Videospiel.

"Fifa" ist so eine anerkannte Art des Kräftemessens. Es beeindruckt andere, wenn man es besser beherrscht, anders als vielleicht bei Bauernhof-Simulatoren. Zumal bei "Fifa", im Unterschied etwa zu "League of Legends", auch Nichtspieler sofort erkennen, ob man gut ist. 0:5 und der Partner kommt rein? Da wird man schon mal mitleidig angesehen.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:20 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Markus Böhm, Danial Montazeri
Fußballgames. 100 Seiten (Reclam 100 Seiten)

Verlag:
Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag
Seiten:
100
Preis:
EUR 10,00

"Wie schlimm sich das Verlieren anfühlt, hängt vom eigenen Selbstverständnis ab und davon, wie viel Bedeutung man dem guten Abschneiden in einem bestimmten Spiel zumisst", sagt der Games-Forscher Jesper Juul. Er weiß, dass viele Fans seit Jahren "Fifa" spielen - mitunter nur "Fifa". Viel bedeutender geht es nicht.

"Wenn man ein Fußballspiel spielt, ist die Chance hoch, dass man sich einbildet, ein super-leistungsstarker Athlet zu sein", sagt Juul. Dieser Vorstellung nicht gerecht zu werden, tue weh. Bei "Fifa" zu scheitern, sei daher härter als bei "Super Mario".

Keine volle Kontrolle

Im Hüpfspiel liegt es außerdem nur am Spieler, ob Mario scheitert. Bei "Fifa" hat der Spieler Einfluss, aber keine volle Kontrolle: Typischerweise steuert er nur eine Figur direkt, den Rest der Mannschaft - inklusive Torwart - übernimmt der Computer. So passiert Ungeplantes: Räume stehen offen, der Keeper springt am Ball vorbei.

"Fifa" bedeutet Nervenkitzel. Es gibt viel mehr Pfosten- und Lattentreffer als in der Realität und in den Zwölf-Minuten-Partien fallen meist auch mehr Tore: reichlich Potenzial, sich aufzuregen. Ein falscher Tastendruck kann aus einem guten Spiel ein furchtbares machen. Dann kann man auf sich wütend sein - oder auf "Fifa".

SPIEGEL ONLINE

"Fifa 19"

Gute Spieler besiegen zwar meist weniger gute. Eine Erfolgsgarantie gibt es jedoch nicht, weil auch Unwägbarkeiten, technische Fehler oder schlechte Onlineverbindungen Partien beeinflussen. Wer viel "Fifa" spielt, lernt, mit Bugs und Zufällen zu leben - oder leidet.

Der Mix aus Können und Chaos hat nur einen Vorteil: Man kann die Schuld an Niederlagen verdrängen. Vielleicht war ja sogar der Controller kaputt?

Elf typische Ausreden von "Fifa"-Spielern

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

"Fifa"-Spielen ist heute anders als in den Neunzigerjahren. Das Gameplay etwa verändert sich nicht mehr erst durch das nächste Spiel, sondern alle paar Wochen - durch Onlineupdates. Wer dachte, er habe das Spiel gemeistert, muss umlernen.

Zudem konkurriert man übers Internet mit der ganzen Welt. Die Chance, an bessere Spieler oder Trolle zu geraten, erhöht das dramatisch, denn früher wurde sich nur im Freundeskreis gemessen.

Und: Im beliebtesten Spielmodus "Ultimate Team" (FUT) lässt sich in der Hoffnung auf Starspieler echtes Geld investieren - was viele Gamer tun. So geben manche für "Fifa" viel mehr aus als nur den 60-Euro-Kaufpreis. Das kann den Blick auf Leistung und Ergebnisse verzerren - und Spielern ihre Lockerheit nehmen. Selbst wer den Zusatzkäufen widersteht, fragt sich vielleicht: "Wie viel hat mein Gegner investiert?"

Dass "Fifa" mittlerweile ein E-Sport ist und dass man sich für Turniere mit Preisgeld qualifizieren kann, lädt viele Partien zusätzlich mit Bedeutung auf. Probleme, die man früher beim Spielen im Freundeskreis weglachte, führen jetzt dazu, dass sich mancher Profi-Gamer um seinen Job sorgt.

Die Gefühle müssen raus

All das Geschrei beim Zocken ist also ein Stück weit verständlich, zumal "Fifa" die Emotionen vom Fußballschauen aktiviert: Über Fouls empört man sich, über Tore wird gejubelt oder geschimpft. Die Gefühle müssen raus.

Manche Schreie haben tieferen Sinn: Sie dienen dem Frustabbau oder putschen auf. Manchmal ist das Gewüte aber auch ein Hilfeschrei: "Warum spiele ich überhaupt, wenn ich mich nur aufrege?".

So etwas kommt vor, wenn sich Spieler nicht eingestehen wollen, dass sie "Fifa" weniger aus Spaß an Wettbewerb und Nervenkitzel spielen, sondern eher, weil sie sich durch Erfolge Bestätigung erhoffen. "Fifa" mit seinen Zufallselementen ist dafür nicht das beste Videospiel - das im Hinterkopf zu haben, kann helfen.

insgesamt 12 Beiträge
hegoat 27.03.2019
1.
Was für ein Quatsch. Bei jedem Spiel, bei denen mal gegeneinander spielt, rastet mal der eine oder andere aus, FIFA hat da alles andere als ein Alleinstellungsmerkmal. Das jetzt mit der Emotionalität des Fußballs an sich oder [...]
Was für ein Quatsch. Bei jedem Spiel, bei denen mal gegeneinander spielt, rastet mal der eine oder andere aus, FIFA hat da alles andere als ein Alleinstellungsmerkmal. Das jetzt mit der Emotionalität des Fußballs an sich oder der nicht vorhandenen vollständigen Kontrolle über das Spiel zu erklären, ist abenteuerlich. Emotionalität hängt von der Beziehung des Spielers zum Spiel ab und nicht, ob ein Spiel in der Realwelt emotiobal ist. Richitige Emotionalität erlebt man übrigens, wenn ein Online-Zocker richtig was verliert, zB das dauerhafte Ableben eines RPG-Charakters, den man monatelang hochgezüchtet hat. Herrlich bei Youtube. Zufälligkeiten gibt es ebenfalls in zahllosen anderen Spielen. Genauso wie es zahllose andere Spiele gibt, die von ihren Spielern exklusiv gespielt werden, ganz einfach, weil die Meisterung langes Training erfordert - ein ambitionierter Fußballer spielt parallel ja nicht auch noch ambitioniert Basketball. Der Artikel arbeitet mit Selbstverständlichkeiten, woher die Fokussierung auf FIFA herkommr, ist nicht ersichtlich.
spon-facebook-10000160547 27.03.2019
2.
Kleiner Tipp – spielt Rocket League. Wesentlich weniger Zufall und deswegen mehr Skill erforderlich ;)
Kleiner Tipp – spielt Rocket League. Wesentlich weniger Zufall und deswegen mehr Skill erforderlich ;)
katapultoffel 27.03.2019
3. Ab 18?
Spiele selbst gern Online. Aber eben keine Sportspiele. Kenne im Freundes und Bekannten Kreis aber genug die z.b. FIFA daddeln. Wenn mann das so sieht fragt mann sich oft wirklich warum bei Ego shootern Medial immer so ein Fass [...]
Spiele selbst gern Online. Aber eben keine Sportspiele. Kenne im Freundes und Bekannten Kreis aber genug die z.b. FIFA daddeln. Wenn mann das so sieht fragt mann sich oft wirklich warum bei Ego shootern Medial immer so ein Fass aufgemacht wird. Spiele wie FIFA oder gar Mario Kart machen deutlich agressiver.
Pickle__Rick 27.03.2019
4.
Ich würde mich durchaus als Gamer (PC und PS4) bezeichnen und kenne schon Gründe, die eine gewisse Wut bzw. "Rage" beim Zocken verursachen können. Wobei alles was über einen kurzeitigen Ärger hinausgeht schon [...]
Zitat von hegoatWas für ein Quatsch. Bei jedem Spiel, bei denen mal gegeneinander spielt, rastet mal der eine oder andere aus, FIFA hat da alles andere als ein Alleinstellungsmerkmal. Das jetzt mit der Emotionalität des Fußballs an sich oder der nicht vorhandenen vollständigen Kontrolle über das Spiel zu erklären, ist abenteuerlich. Emotionalität hängt von der Beziehung des Spielers zum Spiel ab und nicht, ob ein Spiel in der Realwelt emotiobal ist. Richitige Emotionalität erlebt man übrigens, wenn ein Online-Zocker richtig was verliert, zB das dauerhafte Ableben eines RPG-Charakters, den man monatelang hochgezüchtet hat. Herrlich bei Youtube. Zufälligkeiten gibt es ebenfalls in zahllosen anderen Spielen. Genauso wie es zahllose andere Spiele gibt, die von ihren Spielern exklusiv gespielt werden, ganz einfach, weil die Meisterung langes Training erfordert - ein ambitionierter Fußballer spielt parallel ja nicht auch noch ambitioniert Basketball. Der Artikel arbeitet mit Selbstverständlichkeiten, woher die Fokussierung auf FIFA herkommr, ist nicht ersichtlich.
Ich würde mich durchaus als Gamer (PC und PS4) bezeichnen und kenne schon Gründe, die eine gewisse Wut bzw. "Rage" beim Zocken verursachen können. Wobei alles was über einen kurzeitigen Ärger hinausgeht schon bedenklich ist. Die gibt es fast überall aber gewisse Spiele und Communities sind eben noch mal eine Ecke heftiger als andere. Ich bin überzeugt, dass das an der Sorte Mensch liegt, die ein Spiel so im Durchschnitt anzieht. Am schlimmsten sind natürlich free to play Multplayer. Ganz ehrlich, die Leute die ich kenne und Fifa zocken, sind auch die gleichen Typen, die in der Schule ausgerastet sind, wenn Sie nicht als erstes in die Mannschaf gewählt wurden oder sie ein Tor verschossen haben. Nicht selten äußerst ehrgeizige aber auch recht egozentrische Prinzen und Prinzessinnen. Ähnlich bei COD, wo die Community nicht nur von schlecht erzogenen Kindern durchsetzt ist, sondern auch von der Sorte die es nicht erträgt mal zu verlieren und jeden schlechteren Spieler als Noob und jeden besseren als Tryhard bezeichnet. Allgemein scheinen Konsolen noch eher Zocker anzuziehen, die nicht so dem Typ "zurückhaltender Nerd" entsprechen.
popovonpinnow 27.03.2019
5.
Seit vielen Spielegenerationen spiele ich nun FIFA (es lebe der Hallenmodus von '98) und habe dabei auch einige Gegner gehabt, die ihre Niederlagen oder einfach nur Pfostentreffer sehr emotional erlebt haben. Umso mehr hat es mich [...]
Seit vielen Spielegenerationen spiele ich nun FIFA (es lebe der Hallenmodus von '98) und habe dabei auch einige Gegner gehabt, die ihre Niederlagen oder einfach nur Pfostentreffer sehr emotional erlebt haben. Umso mehr hat es mich allerdings immer mitgezogen, außerdem ist die Freude über eigene Last-Minute-Treffer umso größer. Ich kann den Zusammenhang, den der Autor zwischen Spielerleben und "echten Fussballemotionen" im Stadion sieht, gut nachvollziehen. Andere Spiele lösen naturgemäß andere Emotionen bei mir aus (Grusel/Furcht, Ekel, ...). Auch werden einfach unterschiedliche Komponenten der jeweiligen Emotionen bei verschiedenen Spielen getriggert. Wenn man nun FIFA als DAS (reichweitenstärkste) Sportspiel sieht, hat es zumindest in seiner Wirkung auf mich (und meine Spielkameraden) ein Alleinstellungsmerkmal. Wie allerdings die meisten Spiele, die ich gerne habe auch...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP