Netzwelt

Terroranschlag in Halle

Ermittler suchen nach Zuschauern des Livestreams

Das Bundeskriminalamt sucht nach drei Personen, die das Video des Täters von Halle live im Netz angesehen haben. Während die digitalen Spuren noch geprüft werden, gibt es bereits die politische Forderung nach mehr Überwachung.

Andreas Splett / ATV-Studio Halle / AFP

Stephan Balliet mit selbst gebastelter Helmkamera: Drei Zuschauer verfolgten seinen Stream

Freitag, 18.10.2019   14:44 Uhr

Die Ermittler des Bundeskriminalamts suchen weiterhin nach drei Personen, die am vorvergangenen Mittwoch offenbar tatenlos im Internet mit ansahen, wie Stephan Balliet vor der Synagoge in Halle mehrere Sprengsätze zündete und später zwei Menschen erschoss. Mittels einer Helmkamera hatte der Attentäter seine Morde live auf dem Internetportal Twitch übertragen. Das Portal selbst hatte nach dem Anschlag zunächst von "etwa fünf" Zuschauern gesprochen.

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Die digitalen Spuren der drei gesuchten Zuschauer führten nach SPIEGEL-Informationen zu IP-Adressen in den USA und der Schweiz. Ob die Personen tatsächlich dort leben oder ob sie Verschleierungsprogramme verwendeten, ist allerdings noch unklar.

CDU-Innenexperte Schuster fordert Rasterfahndung 2.0

Die Ermittlungen im Digitalen befinden sich offenbar noch in einem frühen Stadium. Derweil fordert der Innenexperte der Unionsfraktion im Bundestag, Armin Schuster, bereits den Ausbau technischer Fahndungsmaßnahmen im Netz.

Langfristig komme man nicht umhin, über eine strategische Aufklärung im Internet nachzudenken, sagt Schuster in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL. Ihm gehe es um "verdächtige extremistische Inhalte", erklärt der CDU-Politiker seine Forderung nach einer Art Rasterfahndung 2.0.

Zwar seien mehr Verfassungsschützer hilfreich, die sich verdeckt in rechtsextremen Foren aufhalten. Aber nur eine zusätzliche "automatisierte Überwachung" wäre effektiv. Der Einsatz sogenannter Webcrawler, Programme, die das Netz nach bestimmten Inhalten durchforsten, wird auch in den Sicherheitsbehörden diskutiert. "Da stehen wir in der Debatte aber noch am Anfang", sagt Schuster.

  • Nach Attentat in Halle: Kann man Radikalisierung im Internet verhindern?
  • Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Sebastian Fiedler, sagt im SPIEGEL: "Die Sicherheitsbehörden und die Politik müssen sich eingestehen, dass wir Täter dieses Typs nicht alleine in den Griff bekommen werden. Wir alle sind aufgefordert, solche Verbrechen zu verhindern." Es fehle jedoch an Präventionsangeboten für junge Männer, die solche Tendenzen zeigten, sagt Fiedler. Lediglich an der Universität Gießen gebe es eine solche Einrichtung.

    Bei seiner Haftvorführung hat der antisemitische Attentäter Stephan Balliet eingeräumt, die Tat bereits seit Frühjahr dieses Jahres geplant zu haben. Laut Ermittlerkreisen bezeichnete er das antimuslimische Massaker von Christchurch in Neuseeland, bei dem im März 51 Menschen starben, als "eine Art Initialzündung" für seine Mordpläne. Danach hatte Balliet den Ermittlungen zufolge mit konkreten Vorbereitungen begonnen und auch den ersten Teil eines drei Dateien umfassenden Selbstbezichtigungsschreibens verfasst, das er am Tattag im Netz veröffentlichte.

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