Netzwelt

Trumps Politik auf Twitter

Schweigen im Rückkanal der Wutpöbler

Nach Nancy Pelosis Ankündigung, ein Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump einleiten zu wollen, tobt auf Twitter eine laute Debatte. Wichtiger als die Pöbler könnten am Ende die sein, die nichts sagen.

Jonathan Ernst/ REUTERS

Donald Trump: Ausrufezeichen und Versalien zeigen Stufen seiner Erregung

Eine Kolumne von
Mittwoch, 25.09.2019   15:25 Uhr

Weltgeschichte passiert heute auf Twitter. Präziser ausgedrückt: Das Echo der Weltgeschichte schallt in einzelnen Tweets der Akteure wieder. Zwar oft subjektiv verdreht, dafür jedoch meist früher, dichter und interessanter als anderswo. Angereichert durch politischen Spin, harte oder hassschwangere Schlagabtausche und dreiste Täuschungsmanöver.

Wirklich neu dabei sind aber die Geschwindigkeit und die unmittelbare Reaktion eines Teils der Öffentlichkeit. Der digitale Rückkanal ist die wichtigste Erfindung des 21. Jahrhunderts. Auf Twitter kann man rasch erahnen, wie welche Geschehnisse bei wem wirken. Die Geschichte vom Anfang des Amtsenthebungsverfahrens gegen Donald Trump lässt sich als Twitter-Sternstunde der Politik lesen. Leider sagt das bisher wenig darüber, ob sie auch zur Sternstunde der Weltgeschichte taugt.

Am Nachmittag des 24. September 2019, gegen 17 Uhr US-Ostküstenzeit, wird bekannt, dass die Kongressmitglieder der Demokraten eine offizielle Untersuchung zur Vorbereitung eines Amtsenthebungsverfahrens gegen Donald Trump einleiten werden. Nancy Pelosi, die Mehrheitsführerin im Kongress, tritt vor die Kameras.

Die Fernsehsender übertragen nicht nur, sondern twittern ihre sechs Minuten lange Rede. Lineares Fernsehen ist - wenn es live überträgt - dasjenige Medium des 20. Jahrhunderts, das dem Live-Gefühl der sozialen Medien am nächsten kommt. Leider fehlt ihm völlig der Rückkanal. In Pelosis Tweet, der später mit ihrer kurzen Rede auch auf ihrem eigenen Twitter-Account veröffentlicht wird, findet sich der Satz von historischer Tiefe, der Trump wegfegen soll:

"The times have found us", wörtlich: "Die Zeiten haben uns gefunden", was ungefähr bedeuten soll, man habe durch die Geschehnisse weder anders handeln können noch wollen.

Sascha Lobo: der Debatten-Podcast #112 - Trumps Politik auf Twitter: Schweigen im Rückkanal der Wutpöbler

Es ist ein leicht angepasstes Zitat von einem der Gründerväter der USA, Thomas Paine, der auf diese Weise beschrieb, wie 1776 die Epoche der konstitutionellen Demokratie begann. Es stammt aus seinem Pamphlet "Common Sense", das als Zündfunke der Amerikanischen Revolution gilt. Pelosi schlägt so den größten denkbaren politischen Bogen: Es geht um die amerikanische Demokratie selbst, die Trump gefährdet, weil er eine "fremde Macht" aufforderte, in den US-Wahlkampf einzugreifen - ein Verfassungsbruch, wie Pelosi darstellt.

Trump kann nur gewinnen

Twitter reagiert als Lieblingsrückkanal der sich für witzig haltenden Wutpöbler: Weil die Kongressführerin der Demokraten sich mehrmals verhaspelt und manchmal etwas lallig formuliert, wird sie als betrunken verspottet und aufgefordert, sich in die Entzugsklinik zu begeben.

Ein Kommentar unter ihrem Tweet lässt die Deutung der Geschehnisse innerhalb der Trump-Parallelrealität erahnen: "Danke, dass Sie damit zur Wahl 2020 einen Erdrutschsieg für Präsident Trump garantieren." Ein anderer Twitter-Nutzer droht: "Das amerikanische Volk wird niemals vergeben und niemals vergessen, was Sie heute getan haben! Es wird Sie zerstören!" Er fügt ein netztypisches bewegtes Bildchen, ein animiertes GIF, hinzu, das den Trump Train zeigt, den unaufhaltsamen MAGA-Zug des Erfolges. Aus deutscher Perspektive bekommt dieses Symbol eine unbeabsichtigt witzige Wucht, Schulzzug sei Dank.

Das wird die Verteidigungsstrategie der Trumpisten sein: Der eigentliche Skandal liegt bei den Demokraten und ihrer Anmaßung, den Präsidenten zu attackieren, eine Strategie der Majestätsbeleidigung also. In vielen Reaktions-Tweets wird ihre weitere Deutung klar: Trump kann nur gewinnen, egal wie es ausgeht. Wenn er das Verfahren übersteht, hat er die Demokraten wieder mal vernichtend besiegt. Verliert er, ist er das Opfer heimtückischer Demokraten, die gegen den über alle Maßen erfolgreichen Präsidenten intrigieren.

Trump selbst reagiert mit einer Reihe eigener Tweets. Natürlich. In einer Art Erstgegenschlag beschwert er sich, dass der erfolgreiche Tag - seine Rede bei den Vereinten Nationen - absichtlich durch die Demokraten verdorben werde. Er bemüht wieder einmal die Phrase "Witch Hunt", die Hexenjagd, es ist Trumps liebste Opferpose. In den fünf Trump-Tweets der unmittelbaren Reaktion kommt "Hexenjagd" drei Mal vor.

Skandale gab es schon vor seiner Wahl

Seit dem 12. November 2018 aber hat Trump eine neue Wendung, und sie stellt nichts weniger dar als "Majestätsbeleidigung" im demokratischen Gewand: "Presidential Harassment", Belästigung des Präsidenten. Ganze 27 Mal hat Trump seine Wut in dieser Form auf Twitter herausgeschrien. Nach guter Art der Internetkultur lässt sich sein Erregungszustand an der Schreibweise ablesen.

Von November 2018 bis Februar 2019 erklärt Trump seine Wortschöpfung und baut sie in längere Kontexte ein. Am 7. Februar, als die Aktivität der Demokraten rund um den Mueller Report ihren Höhepunkt erreichte, verwendete Trump zum ersten Mal nur Großbuchstaben. Dann häufen sich die Versalieneinschläge, am 5. und 8. März, am 18. und 22. April, am 22. Mai, am 11. Juni - und schließlich am 24. September gegen Pelosi. Ausrufezeichen!

Die sichtbaren Reaktionen auf prominente Tweets unterscheiden sich je nachdem, wer wann auf welche Weise nachschaut, weil sie algorithmisch auf das Publikum zugeschnitten werden. Und sie lassen sich seit einiger Zeit durch den Absender verbergen. Aber sie geben doch Aufschluss über die öffentliche Wirkung.

Während Pelosi von Trump-Fans attackiert wird, steht Trumps jüngstes Versalienmassaker "PRESIDENTIAL HARASSMENT!" Zehntausenden wütenden Gegnern gegenüber. Eine der meistgelikten Antworten lautet "SCARED SH*TLESS!", was Trump eine "Scheißangst!" unterstellt.

Das Gefühl der demokratisch gefärbten Öffentlichkeit lässt sich gut erahnen: Trump ist ein Krimineller, der hier nicht nur um sein Amt kämpft, sondern auch darum, nicht verurteilt zu werden. Jemand twittert ein animiertes GIF einer Dampflok, die in voller Fahrt über eine zerbröselnde Brücke in einen Fluss stürzt: "Live-Bilder vom Trump Train".

Prominente und Intellektuelle, von Mia Farrow bis Alyssa Milano, geben sich ein Stelldichein in Form von hämischen oder witzigen Kommentaren zu Trumps Opferpose. Mehrmals findet sich das berühmte Cover der Zeitschrift "TIME" in den Antworten. Es zeigt den stilisierten, schmelzenden Kopf von Trump, dazu das Wort "Meltdown". Darin liegt eine besondere Tragik - denn das Cover ist von August 2016.

Trump wurde trotzdem gewählt. Ein verstörend gutes Symbol dafür, dass der Erregungszustand der Demokraten für den weiteren Verlauf irrelevant ist. Es kommt allein auf die republikanischen Senatoren an, die bisher noch jede präsidentielle Monstrosität mittrugen.

Ein vieldeutiges Schweigen

Weil auch die Verteidiger des Präsidenten unter seinem Tweet zur Präsidentenbelästigung aufschlagen, lässt sich erkennen, wie solche Angriffe bei denjenigen verpuffen, die vielleicht nicht glühende Trump-Fans sein mögen, aber trotzdem zu ihm halten. Wenn man Politik ohnehin komplett für ein korruptes, lächerliches Schauspiel hält, kann man auch gleich die Figuren wählen, die am unterhaltsamsten sind. Die Zerstörung des Systems von innen als Spektakel. So wie sich auch zur Hochhaussprengung Tausende Schaulustige einfinden.

Und so sind beim crossmedialen Schlagabtausch zwischen Pelosi, Trump und ihren jeweiligen Anhängern auf Twitter die wichtigsten Tweets zum Impeachment diejenigen, die nicht geschrieben werden. Im Kongress haben die Demokraten die Mehrheit, sie werden eine Amtsenthebung wohl auf den Weg bringen können. Dann aber muss der US-Senat per Zwei-Drittel-Mehrheit entscheiden, das wären 67 von einhundert Senatoren. Allerdings gehören 53 Senatoren zu Trumps Republikanern, weshalb absolut entscheidend ist, was dort gedacht, gesagt und getan wird.

Es ist und bleibt unwahrscheinlich, dass eine Amtsenthebung durchkommt. Schaut man sich an, was in den entscheidenden Stunden von republikanischen Senatoren getwittert wird, finden sich wie im Fernsehen die üblichen Verdächtigen zur Verteidigung ein, die Trump auch dann noch preisen würden, wenn er auf der New Yorker Fifth Avenue eigenhändig einen Menschen erschösse.

Die meisten aber schweigen. Ein durchaus vieldeutiges Schweigen. Wie gesagt, auf keinen Fall eine Garantie für ein erfolgreiches Impeachment. Und doch - 2019 könnten diese Nicht-Tweets Geschichte schreiben.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieser Kolumne wurde das August-Cover von "TIME" als Reaktion auf den bekannten Tonmitschnitt bezeichnet, in dem Trump "Grab them by the pussy" sagt. Tatsächlich gab es aber zwei "Meltdown"-Cover und erst das zweite im Oktober bezog sich auf die Aufnahme.

insgesamt 62 Beiträge
isi-dor 25.09.2019
1.
Da ist was Wahres dran, Herr Lobo. Aber dennoch sollte auch die Öffentlichkeit in den USA erfahren dürfen, warum sich der US-Präsident, ein angeblich vielbschäftigter Mann, der Geschäfte in aller Welt betreibt und 3 Tage die [...]
Da ist was Wahres dran, Herr Lobo. Aber dennoch sollte auch die Öffentlichkeit in den USA erfahren dürfen, warum sich der US-Präsident, ein angeblich vielbschäftigter Mann, der Geschäfte in aller Welt betreibt und 3 Tage die Woche auf dem Golfplatz verbringt, sich mit dem ebenfalls stark beschäftigten neuen Präsidenten der Ukraine ausgerechnet über eine vollkommen bedeutungslose Person mit dem Namen Hunter Biden unterhält, wie er auch noch krasser weise selbst zugegeben hat. Allein die Tatsache, dass Hunter Biden, eine Person ohne jedes politische Amt und beschäftigt in einem ziemlich unbedeutenden Unternehmen, ein Thema zwischen zwei Staatsführern ist, muss doch jeden halbwegs klar denkenden Demokraten stutzig machen.
apetri1 25.09.2019
2. nun ja
ist in dieser Analyse nicht wie so häufig diesseits des Atlantik der Wunsch ihr Vater? Entweder geht das impeachment aus wie das Hornberger Schießen oder der größte Präsident aller Zeiten knickt vorher noch ein wie seinerzeit [...]
ist in dieser Analyse nicht wie so häufig diesseits des Atlantik der Wunsch ihr Vater? Entweder geht das impeachment aus wie das Hornberger Schießen oder der größte Präsident aller Zeiten knickt vorher noch ein wie seinerzeit Nixon. Letzteres dürfte weniger wahrscheinlich sein.
stefan7777 25.09.2019
3. Schöner Gedanke!
Die Welt und ihre über 7 Mrd. Menschen wären den Demokraten zu tiefem Dank verpflichtet. Und sämtliche Lebewesen die wegen seinem Abgang nicht aussterben müssen kommen noch dazu. Nur wird dieser Heini so unter Umständen [...]
Die Welt und ihre über 7 Mrd. Menschen wären den Demokraten zu tiefem Dank verpflichtet. Und sämtliche Lebewesen die wegen seinem Abgang nicht aussterben müssen kommen noch dazu. Nur wird dieser Heini so unter Umständen auch noch zum Märtyrer gekürt. Ich hoffe inständig, die Demokraten wissen mehr als wir und sind sich sicher. Die Niederlage und der Fall müssen wirklich hart und sehr tief sein. Sein verschwinden im Lokus der Geschichte würde auch die Jonsens dort hin befördern wo sie hingehören. Es wird aber nicht leicht gegen einen Typen zu kämpfen der keine Regeln kennt, dem verbrannte Erde nichts bedeutet. Gut, Pelosi hatte genügend Zeit Trump zu studieren und wird hoffentlich eine Strategie haben. Zu glauben, man könnte mit einem dann doch in die Hosen gegangenem Impeachment-Verfahren dafür sorgen, dass an Trump doch etwas hängen bleibt - Nach der Devise es bleibt immer etwas hängen. Dass funktioniert nicht bei dieser Gestalt aus der Dunkelheit. Das würde tatsächlich bedeuten er würde sogar noch gewinnen. Nicht weil er etwas besser macht, sondern weil die Demokraten an Glaubwürdigkeit verlieren würden. Ich gebe zu bedenken, Trump wurde nicht Präsident, weil er so doll ist, dass wussten alle außer Trump auch vorher, einschließlich seine Wähler. Trump hat gewonnen, weil Clinton so Abgrund tief schlecht war in dem was sie getan und gesagt hat. Nicht nur Ihre Worte, auch ihre fehlende Authentizität, Glaubwürdigkeit und Arroganz haben Trump in dieses Amt gehievt.
mwroer 25.09.2019
4.
Und das wird eben nur mit Impeachment gehen - anders wird das Telefonat vermutlich nie freigegeben. Wir werden sehen was dann rauskommt und mehr gibt es dazu eigentlich auch nicht zu sagen. Ich denke Sie überschätzen [...]
Zitat von isi-dorDa ist was Wahres dran, Herr Lobo. Aber dennoch sollte auch die Öffentlichkeit in den USA erfahren dürfen, warum sich der US-Präsident, ein angeblich vielbschäftigter Mann, der Geschäfte in aller Welt betreibt und 3 Tage die Woche auf dem Golfplatz verbringt, sich mit dem ebenfalls stark beschäftigten neuen Präsidenten der Ukraine ausgerechnet über eine vollkommen bedeutungslose Person mit dem Namen Hunter Biden unterhält, wie er auch noch krasser weise selbst zugegeben hat. Allein die Tatsache, dass Hunter Biden, eine Person ohne jedes politische Amt und beschäftigt in einem ziemlich unbedeutenden Unternehmen, ein Thema zwischen zwei Staatsführern ist, muss doch jeden halbwegs klar denkenden Demokraten stutzig machen.
Und das wird eben nur mit Impeachment gehen - anders wird das Telefonat vermutlich nie freigegeben. Wir werden sehen was dann rauskommt und mehr gibt es dazu eigentlich auch nicht zu sagen. Ich denke Sie überschätzen das 'Schweigen' auf Twitter Herr Lobo. Twitter ist für viele mittlerweile ein Gräuel geworden und wird zunehmend aus Prinzip nicht mehr benutzt. Speziell von Politikern. Kann ich gut verstehen, ich würde mir das auch nicht antun. Letztlich wird ein Impeachment erfolgreich sein wenn es auf Fakten beruht. Frau Pelosi passt das nicht, deswegen auch ihre Wahl des Zitates :)
isi-dor 25.09.2019
5.
Da Trump nicht über die Fähigkeiten eines Nixon verfügt, dürfte letzteres sogar ausgeschlossen sein. Allein, dass er einen Grund bietet, dass nach den für ihn desaströsen Ermittlungen von Mueller jetzt auch noch ein [...]
Zitat von apetri1ist in dieser Analyse nicht wie so häufig diesseits des Atlantik der Wunsch ihr Vater? Entweder geht das impeachment aus wie das Hornberger Schießen oder der größte Präsident aller Zeiten knickt vorher noch ein wie seinerzeit Nixon. Letzteres dürfte weniger wahrscheinlich sein.
Da Trump nicht über die Fähigkeiten eines Nixon verfügt, dürfte letzteres sogar ausgeschlossen sein. Allein, dass er einen Grund bietet, dass nach den für ihn desaströsen Ermittlungen von Mueller jetzt auch noch ein Impeachment eingeleitet wird, spricht schon Bände. Klar ist, dass seine Kumpels im Parlament ihn schützen werden, aber der Vorwurf des Amtsmissbrauchs wird auch dann an ihm kleben bleiben, weil jeder weiß, dass es Nepotismus ist, der ihn dann gerettet hat, aber nicht die Ermittlung der Wahrheit.
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