Netzwelt

Teilnehmerlisten von Protestveranstaltungen

Facebook-Fehler könnte Aktivisten gefährdet haben

In sozialen Netzwerken lassen sich die Identitäten von Oppositionellen zum Teil unnötig leicht ermitteln. Dank eines Programmierfehlers ging das auch über Gästelisten von Facebook-Veranstaltungen.

Alastair Pike / AFP

Facebook-Log-in-Fenster auf einem Smartphone-Screen

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Samstag, 12.10.2019   18:30 Uhr

Hongkong ist überall: Auch in Deutschland gehen Demonstranten gegen Einschränkungen von Freiheitsrechten in der ehemaligen Kronkolonie auf die Straße, so auch am vorvergangenen Wochenende. Oder sie treffen sich in einer Kneipe im Berliner Stadtteil Neukölln, um zu diskutieren: Sind die Ziele der Proteste erreichbar oder ist die Kommunistische Partei in Peking übermächtig? Zerstört Gewalt das Ansehen der Bewegung?

Viele wollen dabei nicht erkannt oder fotografiert werden, sie tragen bei den Demos Masken. Denn chinesische Stellen versuchen auch in Deutschland, auf die Meinungsfreiheit und die Unversehrtheit der Demonstrierenden Einfluss zu nehmen, wie kürzlich eine Anfrage der Grünen an die Bundesregierung ergab.

Ein Schwerpunkt der Arbeit chinesischer Nachrichtendienste liege demnach "in der Ausspähung und Bekämpfung von Bewegungen, die aus Sicht der Kommunistischen Partei Chinas ihr Machtmonopol infrage stellen". Da, wo sich diese Bewegungen organisieren, sind sie oft auch leicht zu überwachen - in sozialen Medien wie Facebook.

So kündigten die Berliner Organisatoren dort die Veranstaltungsserie "Der letzte Kampf für Freiheit - von Berlin nach Hongkong" an. Wer auf "interessiert" klickte, sah zunächst nur, welche seiner Freunde kommen wollen, nicht aber die komplette Gästeliste. Dies änderte sich jedoch, sobald man den öffentlichen Termin in seinen Kalender auf dem Laptop oder Smartphone lud: Nutzer erhielten eine Datei, die eine Liste aller interessierten Teilnehmer enthielt - samt Links zu den Facebook-Profilen.

Widersprüchliche Aussagen auf der Hilfeseite

Für chinesische Geheimdienste könnte so etwas ein gefundenes Fressen sein. Natürlich könnten Spione auch einfach selbst zu solchen Veranstaltungen gehen, zumal diese ja für jeden sichtbar angekündigt werden. Aber erstens wissen sie allein dadurch noch nicht, wie die anderen Teilnehmer heißen.

Zweitens macht Facebook in seinem Hilfebereich widersprüchliche Aussagen: "Wenn es sich um eine öffentliche Veranstaltung handelt, können alle Personen auf oder außerhalb von Facebook sehen, ob du interessierst bist oder teilnimmst", heißt es dort einerseits. "Deine Freunde sehen die öffentlichen Veranstaltungen immer, an denen du interessiert bist oder teilnimmst", heißt es andererseits direkt danach. Bei den Gästelisten selbst wird derzeit angezeigt: "Wenn Freunde interessiert sind, siehst du dies hier." So dürften zumindest manche Teilnehmer davon ausgegangen sein, dass lediglich ihre Freunde sehen können, ob sie teilnehmen wollen.

Nach einem Hinweis des SPIEGEL änderte Facebook sein System innerhalb von zwei Tagen. Die exportierten Termine enthalten nun keine Gästelisten mehr. Offenbar gab es zwei voneinander unabhängige Knackpunkte: Die Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen war bei Facebook bis Juli öffentlich sichtbar, nun ändert der Konzern sein Konzept. Und wenn Veranstalter öffentlicher Events die Anzeige der Gästeliste deaktivierten, wurde diese geänderte Einstellung laut Facebook nicht gespeichert. "Das Problem wurde nun behoben", teilte der Konzern mit, behauptet aber auch: "Keine Informationen wurden gegen die Erwartungen der Nutzer öffentlich gemacht."

Information an Behörde blieb zunächst aus

Die in Deutschland für Facebook zuständige Hamburger Datenschutzbehörde sowie die irische Beauftragte für Datenschutz sind von Facebook auch zunächst nicht über die Gästelisten-Panne informiert worden. Die Grünenfraktion sieht Facebook aber in der Pflicht. "Ich kann inzwischen schon gar nicht mehr zählen, wie oft Facebook aus Nachlässigkeit sensible personenbezogene Nutzerdaten abhandengekommen sind", sagt Tabea Rößner, Sprecherin für Netzpolitik und Verbraucherschutz. "Gerade im vorliegenden Fall sollte Facebook schleunigst Transparenz herstellen, Verantwortung übernehmen und den Betroffenen mitteilen, dass ihre Angaben über Veranstaltungsteilnahmen breiter einsehbar waren, als sie dachten."

Auch eine der Organisatorinnen der Berliner Events - sie nennt sich Alice - fordert Transparenz von Facebook. Ihr ist ihre Privatsphäre wichtig. Sie will zum Beispiel vermeiden, dass Mitglieder der Kommunistischen Partei an ihrem Arbeitsplatz auftauchen und sie belästigen. Sie selbst wurde bei den Regenschirmprotesten vor fünf Jahren von der Polizei verletzt und leidet immer noch an den Folgen.

In den Monaten nach den Demonstrationen seien die Demonstranten durch Cybermobbing angegangen worden, sagt Alice. Noch schlimmer sei es aber für Festlandchinesen, die mit der Demokratiebewegung sympathisieren: "Ihre Familien sind in China - es ist sehr wahrscheinlich, dass sie durch die Staatssicherheit bedroht werden."

insgesamt 13 Beiträge
Chris_Doe 12.10.2019
1. Nur so eine Idee...
Vielleicht nicht die Datenkrake Facebook o.ä. zum Organisieren benutzen?
Vielleicht nicht die Datenkrake Facebook o.ä. zum Organisieren benutzen?
hausfeen 12.10.2019
2. Ich erinnere an Cambridge-Data. Weder hier noch sind Pannen ...
... wahrscheinlich - meiner Meinung nach. Zuckerbergs arroganten Auftritt vor der Eu kann ich nur so interpretieren.
... wahrscheinlich - meiner Meinung nach. Zuckerbergs arroganten Auftritt vor der Eu kann ich nur so interpretieren.
proffessor_hugo 12.10.2019
3.
Solche Falltüren (trap-doors) sind doch in der Software eingebaut, damit die "Dienste" alle Überwachen können. Die Kirche hatte das Beichtgeheimnis, um an Informationen zu kommen. Heute geht das einfacher und [...]
Solche Falltüren (trap-doors) sind doch in der Software eingebaut, damit die "Dienste" alle Überwachen können. Die Kirche hatte das Beichtgeheimnis, um an Informationen zu kommen. Heute geht das einfacher und schneller....Wer schreibt noch Briefe? Die zu überwachen ist relativ teuer. Der Spiegel berichtete über Autos, die - ohne Wissen des Halters - per Funk neue Software bekommen - und neue Autos melden ihren Standort (angeblich nur bei einem Unfall). Diese "Infrastruktur" ist wunderbar geeignet, alle Fahrzeuge , die zu einer mißliebigen Demo fahren, zu stoppen. 1984 ist längst Wirklichkeit, nur merken die 95% der Population (Homo ignorans ignorans,) das nicht. Wartet, was die Gestapo alles kann, wenn die afd erst mal dran ist. Das Abhören von "Feindsendern" muß nicht mehr verboten werden, weil es technisch nicht mehr möglich ist (UKW hat geringe Reichweite) Der Bereich der Lang.Mittel- und Kurzwelle, der weltwiten Empfang erlaubt, ist durch Phasenanschnittsteuerungen (=Dimmer), Schaltnetzteile usw. de facto völlig verseucht - seltsam, gegen diese Art der Umweltverschmutzung wettern die Grünen pberhaupt nicht.... weil sie selbst auch eine Gesellschaft anstreben, in der jeder Bürger bevormunde wird?
Stäffelesrutscher 12.10.2019
4. It's not a bug, it's a feature
Wie kann man über Geheimdienste jaulen und dann FaCIAbook benutzen?
Wie kann man über Geheimdienste jaulen und dann FaCIAbook benutzen?
sandnetzwerk 12.10.2019
5. Die Aktivisten sind blöd
wenn Sie Facebook nutzen um sich zu organisieren. Alle Geheimdienste dieser Welt zahlen Facebook Geld für den Zugang zu den Daten oder tun es einfach so. Die Software von Facebook ist so stümperhaft gemacht, dass ich nicht mal [...]
wenn Sie Facebook nutzen um sich zu organisieren. Alle Geheimdienste dieser Welt zahlen Facebook Geld für den Zugang zu den Daten oder tun es einfach so. Die Software von Facebook ist so stümperhaft gemacht, dass ich nicht mal die Uhrzeit dort speichern würde.

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8. Facebook 2012 16,01** USA
9. NTT (Telekom) 1986 13,75 Japan
10. Deutsche Telekom 1996 12,49 Deutschland

* Bei Addition der Stamm- und Vorzugsaktien; ** Bei Verkaufspreis am oberen Ende der Spanne; Quelle Reuters

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