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EM-freies Internet

Nie wieder Fußball! Oder?

Er kann es nicht mehr hören! Unser Autor will vor dem allgegenwärtigen EM-Hype fliehen - und sich im Netz eine fußballfreie Filterblase bauen. Das führt aber zu neuen Problemen.

DPA
Von
Freitag, 17.06.2016   11:34 Uhr

Entschuldigen Sie, falls ich Sie mit meinem Outing belästige. Aber es muss raus: Ich kann mit Fußball nichts anfangen - und das ist auch gut so!

Meistens gehen der Fußball und ich uns aus dem Weg. Doch alle zwei Jahre kann ich seiner Omnipräsenz nicht entrinnen, wenn wie jetzt eine Europa- oder Weltmeisterschaft stattfindet.

Boulevardzeitungen heben dann lieber ein 2:0 der Nationalmannschaft auf die Titelseite als ein Massaker in Orlando. Das Publikumsinteresse scheint ihnen auch noch recht zu geben. Die Google-Trends etwa geben Auskunft, was die Massen interessiert: Die ersten Plätze belegt, wie erwartet, der Fußball.

Selbst damit kann ich mich noch arrangieren. Völlig wehrlos bin ich dagegen in den sozialen Netzwerken. Denn dort erdreisten sich manche meiner Facebook-Freunde doch ernsthaft, die Spiele quasi live zu kommentieren. "Kaum etwas erfüllt mich mit so viel Glück, wie Fußball auch in der Sommerpause", tritt einer auch noch nach. Schön für dich! Aber gerade während einer Sommerpause gibt es kaum mediale Rückzugsräume für Leute wie mich, denen offenbar die Rezeptoren für stimulierende Fußballhormone fehlen.

Einer Sekte kann nur entkommen, wer alle Bindungen kappt

Was tun? Der absolutistische König Fußball lässt sich derzeit nicht stürzen. Wer den Fans sagt, dass sie sich doch wenigstens etwas leiser und weniger öffentlich über die Turniere der korrupten Fußballverbände freuen könnten, gilt als Spielverderber. Letzter Ausweg: die Flucht in die Filterblase.

Falls Facebooks Algorithmus so gut funktioniert, wie das Unternehmen stets behauptet, müsste ich irgendwann keinen Fußball in meiner Timeline mehr sehen, wenn ich die entsprechenden Posts nur oft genug wegklicke. In der Praxis klappt das aber keinesfalls perfekt. Erweiterungen wie Social Fixerversprechen Hilfe, indem sie Beiträge mit bestimmten Schlagworten blockieren.

Im Test kann das Add-on, wie auch vergleichbare Erweiterungen, jedoch nicht überzeugen. Es ist zu kompliziert einzurichten, und oft funktioniert es dann doch nicht, weil Facebook wieder den Code seiner Seite geändert hat und die Entwickler ihre Erweiterungen nicht schnell genug anpassen. Ich muss mich also von liebgewonnen Fußball-Apologeten trennen und mir einen neuen Freundeskreis suchen. Schade eigentlich. Aber einer Sekte kann nur entkommen, wer alle Bindungen kappt.

Den Pornofilter umprogrammieren

Auf Twitter funktioniert das Filtern zuverlässiger, etwa mit Open Tweet Filter. Um auch im Rest des Webs den Fußball auszublenden, kann man zu Erweiterungen greifen, deren ursprünglicher Zweck der Jugendschutz ist, etwa Blocksi für Chrome oder ProCon für Firefox.

Führt das endlich zur perfekten fußballfreien Filterblase? Leider nicht. Wenn ich alle Tweets zum Thema Fußball ausblenden möchte, muss ich erst die Namen aller Spieler und sonstiger Teilnehmer recherchieren und in die Filterlisten eintragen. Dann beschäftige ich mich derart intensiv mit Fußball, wie es mir ja gerade widerstrebt. Selbst wenn mir die Schlagwortlisten von zweiter Hand geliefert werden würden: es braucht nur einen Online-Redakteur, der eine Geschichte ohne eines der Schlagworte bewirbt, und meine Mauer fällt.

Noch schlimmer: Ich kann schließlich diesen, meinen eigenen, Text nicht mehr lesen, weil der natürlich das gefilterte Wort "Fußball" enthält. Die zweckentfremdeten Pornofilter sperren dann die komplette Website. Selbst wenn es Möglichkeiten gäbe, selektiver Inhalte auszublenden, wie etwa bei einem Adblocker nur die Werbung, würde ich viel nicht mehr mitbekommen, das mir trotz Fußballbezug wichtig wäre. Ein Terroranschlag in Frankreich? In einer perfekten Filterblase wäre ich der Letzte, der davon erfährt.

imago

Hier kein Fußball

Will ich in die digitale Kleingartensiedlung?

Und dann gibt es noch ganz prinzipielle Probleme, unabhängig von der Technik. Warum sollte, wenn ich mir meine Filterblase baue, nicht jeder andere auch all das filtern, das ihn nervt? Spoiler der Lieblingsserie, Nachrufe auf Promis, die einem egal sind, Provokationen von Pegida-Anhängern, schlechte Witze.

Im Extremfall wäre die Folge, dass sich immer mehr Menschen in eine Art digitale Kleingartensiedlung zurückziehen. Verschanzt hinter dichten Filterhecken verblöden sie dort, weil die Realität nicht mehr zu ihnen durchdringt und erschrecken dann umso mehr, wenn sie doch eine Lücke findet.

Dann doch lieber vier Wochen Fußball, auch wenn es manchmal kaum zu ertragen ist.

insgesamt 42 Beiträge
and_over 17.06.2016
1. hurra!
Ich bin nicht alleine. Meinetwegen sollen sie doch eine Fussball EM/WM/whatever veranstalten. Aber dann bitte zügig abhandeln, die Gruppenspiele in zwei Tagen (man sollte es von hochbezahlten Fussballarbeitern erwarten können, [...]
Ich bin nicht alleine. Meinetwegen sollen sie doch eine Fussball EM/WM/whatever veranstalten. Aber dann bitte zügig abhandeln, die Gruppenspiele in zwei Tagen (man sollte es von hochbezahlten Fussballarbeitern erwarten können, dass sie viereinhalb Stunden am Tag arbeiten können). Am nächsten Tag alle Achtelfinale und Viertelfinale, am vierten Tag Halbfinale und Endspiel. Hätte den Vorteil, nur vier Tage damit belästigt zu werden, statt wie jetzt vier+ Wochen.
gertrud.kanu 17.06.2016
2.
Ich fühle mit dem Autor! Ich mag nicht nur keinen Fußball, sondern keinerlei Sport. Deshalb würde ich es auch begrüßen, wenn ich die gesamte Rubrik Sport auf Spiegel Online ausblenden könnte.
Ich fühle mit dem Autor! Ich mag nicht nur keinen Fußball, sondern keinerlei Sport. Deshalb würde ich es auch begrüßen, wenn ich die gesamte Rubrik Sport auf Spiegel Online ausblenden könnte.
mheitm 17.06.2016
3. So ein ähnliches Problem...
..habe ich mit dem Tatort. Ich möchte mich einfach überraschen lassen wer wo ermittlelt und worum es geht, aber sowohl im Radio als auch (u.a.) bei SPON gibt es vorab Informationen denen auszuweichen echt schwierig ist. Da [...]
..habe ich mit dem Tatort. Ich möchte mich einfach überraschen lassen wer wo ermittlelt und worum es geht, aber sowohl im Radio als auch (u.a.) bei SPON gibt es vorab Informationen denen auszuweichen echt schwierig ist. Da bleibt nur ggf. zum Radio zu hechten und die Augen bloß nicht an den entsprechenden Artikeln kleben zu lassen. Das funktioniert so langsam ganz gut. Zuviel Information ist auch eine Plage!
angst+money 17.06.2016
4.
Ist halt wie im offline-Leben: man muss den Filter schon bei den Freunden ansetzen. Auch wenn ich das Problem des Autors im Prinzip verstehe, ist es um mich herum weitestgehend fußballfrei. Auch wenn man dann im ach so lustigen [...]
Ist halt wie im offline-Leben: man muss den Filter schon bei den Freunden ansetzen. Auch wenn ich das Problem des Autors im Prinzip verstehe, ist es um mich herum weitestgehend fußballfrei. Auch wenn man dann im ach so lustigen Morgenmagazin (ja, jetzt ist es raus) als kauziger Sonderling gilt.
DigitalLeser 17.06.2016
5. Ab in die Nische!
Ich wage mal die Prognose, dass die sozialen Medien über kurz oder lang genau in der Nische landen werden, die Ihnen zusteht. Es fehlt nunmal nichts, wenn man nicht täglich mit den hochwichtigen Themen der Facebook- und anderen [...]
Ich wage mal die Prognose, dass die sozialen Medien über kurz oder lang genau in der Nische landen werden, die Ihnen zusteht. Es fehlt nunmal nichts, wenn man nicht täglich mit den hochwichtigen Themen der Facebook- und anderen Freunde überschüttet wird; sei es nun Fußball oder etwas anderes.

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