Netzwelt

Gesichtserkennung

Microsoft löscht Datenbank mit zehn Millionen Fotos

Der Künstler Adam Harvey hat aufgedeckt, dass eine von Microsoft veröffentlichte Datenbank missbraucht worden sein könnte. Nun hat das Unternehmen reagiert - mit einer ganz anderen Begründung.

Thomas Peter/REUTERS

Demonstration einer Gesichtserkennungstechnik in Peking

Donnerstag, 06.06.2019   19:50 Uhr

Microsoft hat eine Datenbank mit zehn Millionen Gesichtsfotos von rund 100.000 unterschiedlichen Menschen ohne Vorankündigung aus dem Netz genommen. Das Unternehmen hatte die MS Celeb genannte Datensammlung im Jahr 2016 veröffentlicht, um Forschern in aller Welt Trainingsmaterial zum Beispiel für Gesichtserkennungstechnik zur Verfügung zu stellen.

Die abgebildeten Personen waren nicht um Erlaubnis gefragt worden. Ihre Fotos stammten aus öffentlich zugänglichen Quellen, die unter einer Creative-Commons-Lizenz standen, die eine wissenschaftliche Nutzung erlaubte. Die Datenbank wurde nach Angaben der "Financial Times" allerdings auch von Forschern mit Verbindungen zum Militär sowie mehreren kommerziellen Unternehmen genutzt - darunter auch mindestens zwei aus China, die Behörden in der Provinz Xinjiang beliefern, wo Muslime in Internierungslagern festgehalten werden.

Das hatte der in Berlin lebende Künstler Adam Harvey herausgefunden und im April in seinem Projekt MegaPixels dokumentiert. Harvey hatte auch die Verbreitung von zwei weiteren Datenbanken untersucht, die daraufhin aus dem Netz genommen wurden: eine von der Duke University und eine Brainwash genannte Gesichtsdatenbank der Stanford University.

Ein Beispiel für die potenziell fragwürdige Verwendung von MS Celeb ist Harvey zufolge eine Studie mit dem Titel "Exploring Disentangled Feature Representation Beyond Face Identification", durchgeführt von Forschern des chinesischen Unternehmens SenseTime. Die Firma hat die Überwachungstechnik für die Provinzregierung in Xinjiang hergestellt. In der Studie geht es um Ansätze, Gesichter automatisch anhand von Merkmalen wie Augenabständen, Hautfarben und Ethnie zu analysieren. Inwieweit die ganz überwiegend weißen Gesichter in MS Celeb dabei hilfreich waren, ist unklar.

Microsoft teilte der "Financial Times" mit, die Datenbank sei von einem Mitarbeiter gepflegt worden, der nicht mehr für Microsoft arbeite - daher sei sie entfernt worden.

Teile der Datenbank stehen noch auf GitHub

Experten zufolge könnte die Verarbeitung der Daten aber auch einen Verstoß gegen die EU-Datenschutz-Grundverordnung darstellen, was ebenfalls ein Grund gewesen sein könnte, die Datenbank nicht mehr zu nutzen.

Unter den Personen, deren Bilder in der Datenbank gespeichert sind, sind neben vielen amerikanischen und britischen Schauspielern auch Netzaktivisten wie Jillian York von der Bürgerechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF), der Künstler Trevor Paglen sowie Journalisten wie Laura Poitras - allesamt bekannte Kritiker von Überwachungstechnik. Microsoft sagte der Zeitung, es sei sich keiner datenschutzrechtlichen Probleme bewusst.

Die Datenbank ist mit der Aktion von Microsoft natürlich nicht aus der Welt. Wer sie zuvor heruntergeladen hatte, kann sie weiterhin verwenden. Selbst auf der Codesharing-Plattform GitHub, die Microsoft vor einem Jahr für 7,5 Milliarden Dollar gekauft hatte, sind zumindest noch große Teile davon zu finden.

Microsoft hatte sich in den vergangenen Monaten mehrfach für eine staatliche Regulierung von Gesichtserkennungstechnik ausgesprochen, damit ein Missbrauch der Technik ausgeschlossen wird.

pbe

insgesamt 2 Beiträge
mr.anderson 07.06.2019
1. Was für eine Unverschämtheit
Es hat schon ein gewisses Geschmäckle, dass Microsoft für die Trainigsdatenbank seiner Gesichtserkennung auch bekannte Kritiker von Überwachungstechnik verwenden. Ungefragt. Mr. Anderson
Es hat schon ein gewisses Geschmäckle, dass Microsoft für die Trainigsdatenbank seiner Gesichtserkennung auch bekannte Kritiker von Überwachungstechnik verwenden. Ungefragt. Mr. Anderson
Theya 07.06.2019
2. Aber... aber...!
Das wäre dann ja eine Lizenzverletzung!! Sowas kann ich mir nicht vorstellen !1!!
Das wäre dann ja eine Lizenzverletzung!! Sowas kann ich mir nicht vorstellen !1!!

Mehr im Internet

Verwandte Themen

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP