Netzwelt

Vokabular in sozialen Medien

Von "Natohure" bis "Putinversteher" - eine Übersetzungshilfe

Auf Twitter und Facebook geht es in politischen Debatten hoch her: Manche seien "hysterisch", andere "weltfremd", vieles "umstritten". Lesen Sie hier, was die Wendungen wirklich bedeuten.

Kacper Pempel/ REUTERS

Eine Kolumne von
Mittwoch, 18.09.2019   16:53 Uhr

SUV, Grönemeyer, Interview-Abbruch, #Klimastreik, Verbotsforderungen - machen wir uns nichts vor, Social-Media-Debatten haben längst die Weltherrschaft übernommen. Die USA werden via Twitter regiert, Hassrede im Netz hat es in den deutschen Bundestag geschafft, und wenn ein drittklassiger Politiker auf Instagram ein Komma falsch setzt, fordert der Rest der Republik die sofortige Einsetzung eines Untersuchungsausschusses. Natürlich wiederum in sozialen Medien.

Hier entscheidet sich, ob eine Großdebatte bis in die Erwachsenenmedien gelangt. Aber Vorsicht! In Zeiten der Generalaufregung bedeuten viele Begriffe nicht das, was man auf den ersten Blick glaubt. Deshalb hier eine Übersetzungshilfe:

"Versachlichung der Debatte"

Die "Versachlichung der Debatte" fordern Leute, denen keine überzeugenden Argumente einfallen. Es handelt sich um eine bedeutungslose Pose der Besonnenheit, meist, weil man der Empörung der Gegenseite nichts entgegenzusetzen hat. Das Versachlichungsprinzip besagt: Eine Debattenversachlichung fordert man nur für Themen, bei denen man nicht das geringste Interesse an Veränderung hat, es aber im Moment nicht zugeben möchte.

Sascha Lobo: der Debatten-Podcast #111 - Vokabular in sozialen Medien: Von "Natohure" bis "Putinversteher" - eine Übersetzungshilfe

"Verbote", "Politik", "Regulierung"

Als "sinnlose Verbote" werden alle Forderungen bezeichnet, die das eigene Handeln auch nur homöopathisch einschränken.

Wenn man von den Forderungen nicht selbst betroffen ist, nennt man sie "Politik".

Wenn die Forderungen ein Feld betreffen, das man eh nicht leiden kann, heißt es "überfällige Regulierung".

"Weltfremd"

Als "weltfremd" bezeichnet man einerseits Diskussionen über alles, was man persönlich nicht in Frage stellen möchte. Und andererseits, worüber man sich noch nie ernsthaft Gedanken gemacht hat.

"Elfenbeinturm"

"Elfenbeinturm" ist der Vorwurf von Konservativen, dass Linke sich so verhalten würden wie sie selbst.

"Selbstentlarvung"

"Selbstentlarvung" ist der Vorwurf von Linken, dass Konservative im Zweifel konservative Positionen vertreten.

"Natohure"

Bezeichnet Leute, die von Putin abweichende Meinungen vertreten.

"Putinversteher"

Bezeichnet Leute, die nicht von Putin abweichende Meinungen vertreten.

"Umstritten"

Vor 5000 Jahren setzten sich die Götter zusammen und beratschlagten, welches Wort am schlechtesten für die Beschreibung menschlicher Kommunikation geeignet sei. Weil es keins gab, erfanden sie "umstritten", das schlimmste Nichtwort aller Debatten. Es kann folgende Bedeutungen haben: rassistisch, gelogen, grotesk, jemand hat 2009 in einem Tweet halbherzig widersprochen, habe ich nicht recherchiert, mir sind die Details egal, ich bin unschlüssig bei der Bewertung, ich möchte Menschenfeindlichkeit aktiv verharmlosen und vieles andere mehr.

"Kritische Solidarität"

Eine linke Spezialität. Dabei tut man so, als würde man eine Person in einer schwierigen Lage öffentlich unterstützen, während man sie in Wahrheit selbst attackiert, weil sie die eigene Meinung nur zu 97 Prozent teilt. Der Unterschied zwischen Solidarität und kritischer Solidarität entspricht dem Unterschied zwischen Jacke und Zwangsjacke.

"Kluger Beitrag"

Dieser Artikel entspricht meiner Meinung.

"Dummes Geschreibsel"

Anhand der Überschrift und des Symbolbildes vermute ich, dass in dem Artikel etwas steht, das mir missfällt, weshalb ich ihn keinesfalls lesen werde.

"Hitler"

Früher waren Hitler-Vergleiche das Ende einer Diskussion. Heute dienen sie als Vorfilter zur Klärung, wer an einer Debatte interessiert ist und wer nicht.

"Instrumentalisierung"

Von Instrumentalisierung spricht man, wenn Debattengegner auf das aktuelle Weltgeschehen verweisen. Bei der eigenen Seite spricht man dagegen von "anschauliches Beispiel" oder "hochaktueller Bezug".

"Unmut in sozialen Netzwerken"

Diese Wendung hat die größte Spreizbreite aller Formulierungen. Hinter dem "Unmut in sozialen Netzwerken" kann sich das Social-Media-Echo eines gewalttätigen, menschenfeindlichen Massenaufstands ebenso verbergen wie ein Achtjähriger, der eine Landtagsabgeordnete auf Instagram etwas ungelenk nach der Uhrzeit gefragt hat.

"Vernunft"

Vernunft ist in Debatten ein Synonym für das eigene Bauchgefühl. Was sich leicht daran erkennen lässt, dass praktisch alle Teilnehmenden überzeugt sind, die jeweils eigene Haltung sei die einzig vernünftige.

"Gesunder Menschenverstand"

Heißt: Ich glaube, es ist richtig, aber ich kann es nicht beweisen.

"Interessante Position, lesenswerter Beitrag"

Heißt: Ich muss das hier aus irgendwelchen taktischen Gründen loben, finde es aber schwierig, falsch oder komplett absonderlich.

"Moral"

Ein Wort mit einer seltenen Dreifachbedeutung, es heißt zugleich "Anstand", "Zeigefinger" und "wer mich auf meine Bigotterie hinweist, nervt wie Sau".

"Hysterisch", "besorgt"

Beide Formulierungen haben die identische Bedeutung, verraten aber die politische Position des Absenders. Hysterie muss man ignorieren oder bekämpfen, Sorgen muss man ernst nehmen oder gleich übernehmen.

"Gesinnung offenbaren", "Haltung zeigen"

Beide Formulierungen haben wiederum die identische Bedeutung und verraten ebenso die politische Position des Absenders. Politische Gegner offenbaren ihre Gesinnung, und das ist natürlich schlecht. Politische Freunde zeigen Haltung, und das ist natürlich gut.

"Die Maske fällt"

Man bemerkt völlig überrascht zum ersten Mal, was alle anderen längst wissen.

"Das war ein Missverständnis", "Ich wurde falsch verstanden"

Ich habe kompletten Bockmist gemacht, aber bin nicht in der Lage, meine Schuld einzugestehen. Deshalb liegt der eigentliche Fehler nicht bei mir, sondern bei der Öffentlichkeit, die mir böswillig meine Worte im Mund umdreht.

"Unideologisch"

Genau meine Meinung, total vernünftig, ein kluger Beitrag, auch wenn die böswillige Öffentlichkeit mit ihrer moralischen Gesinnung ihn natürlich wieder absichtlich missverstehen wird.

"Totalitär"

Jemand möchte etwas politisch regulieren, das ich gern mag.

"Diktatur"

Diktatur, meist in Verbindung mit Vorsilben wie "Öko-", "Merkel-", "Meinungs-" verwendet, bedeutet: Der Absender ist stocksauer, dass andere Haltungen als die seine überhaupt existieren und womöglich demokratisch wirksam sein könnten.

"Nordkorea", "Venezuela" oder "DDR"

Heißt: Diese im allerweitesten Sinn linke Position erscheint mir ein wenig übertrieben, weil sie die Gesellschaft tatsächlich verändern will - und das kann doch kein Mensch ernsthaft wollen, es geht uns doch gut, mir jedenfalls.

#Klimastreik

Das bedeutet: Geht am Freitag, 20. September 2019 auf die Straße, ihr verdammten Dackel, wir haben keine Lust, demnächst in Hamburg bei 50 Grad im Schatten zu ertrinken.

insgesamt 92 Beiträge
marthaimschnee 18.09.2019
1. Danke!
Den Beitrag muß ich mir unbedingt bookmarken, irgendwann wird das sicher nützlich sein, wenn ich mal jemanden unter einem Berg Klischees begraben möchte.
Den Beitrag muß ich mir unbedingt bookmarken, irgendwann wird das sicher nützlich sein, wenn ich mal jemanden unter einem Berg Klischees begraben möchte.
tobitibot 18.09.2019
2. In diesem Sinne
danke für den klugen Beitrag ;-)
danke für den klugen Beitrag ;-)
remmaloque 18.09.2019
3. Interessante Position, lesenswerter Beitrag
Interessante Position, lesenswerter Beitrag
Interessante Position, lesenswerter Beitrag
Freeflow 18.09.2019
4. Ihr verdammten Dackel?
Wie geil ist das denn?!
Wie geil ist das denn?!
mueller1 18.09.2019
5. Und was haben die Begriffe mit Social Media zu tun?
Wenig - die Mehrzahl sind übliche Floskeln der Qualitätsmedien. Besonders das Wort "umstritten" ist mein bisheriges Unwort des Jahres. "Umstritten" ist zu einem Lieblingsattribut denk- und schreibfauler [...]
Wenig - die Mehrzahl sind übliche Floskeln der Qualitätsmedien. Besonders das Wort "umstritten" ist mein bisheriges Unwort des Jahres. "Umstritten" ist zu einem Lieblingsattribut denk- und schreibfauler Journalisten geworden: was unumstritten "umstritten" ist, muss nicht mehr weiter erläutert werden.
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