Panorama

Überführung der 9/11-Opfer

Letzte Unruhe

Die New Yorker Terroranschläge jähren sich zum 13. Mal, doch noch immer sind nicht alle Opfer identifiziert. Die sterblichen Überreste wurden nun in die Katakomben des neuen 9/11-Museums überführt - zum Entsetzen vieler Angehöriger.

AFP
Von , New York
Samstag, 10.05.2014   20:11 Uhr

Im Schritttempo kriecht der Korso durchs Morgengrauen. Elf Fahrzeuge mit lautlos flackerndem Blaulicht: ein Leiterwagen und zwei Trucks der Feuerwehr, eskortiert von Streifenwagen und SUVs des New York Police Departments (NYPD) und der Hafenbehörde Port Authority. Hinten auf dem Leiterwagen liegt ein Sarg, er ist in ein Sternenbanner gewickelt.

Die gespenstische Prozession beginnt in der Dämmerung auf der East Side, am DNA-Labor des New Yorkers Gerichtsmediziners an der First Avenue. Von dort geht es durch die noch leeren Straßen bis nach Lower Manhattan und Ground Zero, wo der Glaskoloss des neuen World Trade Centers in den Nebel ragt.

Die wenigen Passanten nehmen die Kolonne kaum wahr. Der Anblick ist nicht allzu ungewöhnlich: Immer wieder geben "New York's Finest" und "New York's Bravest", wie sich Polizei und Feuerwehr hier nennen lassen, verstorbenen Kameraden ein letztes Geleit.

Diesmal aber ist es keine Routine: In dem Sarg - sowie in zwei weiteren, die in den Trucks untergebracht sind - befinden sich die bis heute nicht identifizierten Überreste von Opfern des Terroranschlags vom 11. September 2001. Genauer gesagt: 7930 Leichenteile, Knochensplitter und Hautfetzen, auf Plastikbeutel verteilt, vakuumverpackt.

Seit Jahren lagerten diese Reliquien in den Kühlfächern des Gerichtsmediziners. Dessen Techniker versuchten bisher erfolglos, sie den Namen derer zuzuordnen, die bei der Zerstörung des World Trade Centers ums Leben kamen. Am Samstag wurden sie nun dorthin überführt, wo sie starben. In den Katakomben des 9/11-Museums, das kommende Woche eröffnet wird, sollen sie ihre letzte Ruhe finden.

"Furchtbar, dass die das einfach so machen"

Doch wie alles, was mit der Aufbereitung des 9/11-Traumas zu tun hat, verläuft auch dieser Akt nicht ohne Streit und neues Drama. Mehrere Opferfamilien protestieren gegen die Überführung, von der sie selbst erst vor wenigen Tagen erfahren haben: Sie wollen nicht, dass ihre Verstorbenen zu Museumsstücken werden.

Ein gutes Dutzend von ihnen marschiert in aller Herrgottsfrühe an dem Bauzaun auf. Hinter dem Zaun liegt das neue Museum und die 9/11-Gedenkstättemit ihren enormen Wasserbecken in den ehemaligen Fundamenten der Twin Towers.

Die Demonstranten haben sich schwarze Tücher über die Münder gebunden, ein Symbol für das Gefühl ihrer Entmündigung. "Furchtbar, dass die das einfach so machen", sagt Sally Regenhard, die am 11. September ihren Sohn Christian verlor, einen Feuerwehrmann. "Noch schlimmer: Morgen ist Muttertag, für uns ohnehin einer der schwersten Tage."

Seit Jahren haben Regenhard und andere gegen die Verwahrung der Überreste im Museumstrakt gekämpft. Stattdessen fordern sie eine Art Grab des unbekannten Soldaten auf der Memorial Plaza. Dass ihre Angehörigen zu einer makabren Station auf der künftigen 9/11-Museumstour werden könnten, bereitet vielen Albträume.

Dabei wurde für die Särge sogar eine private Grabkammer gebaut, 25 Meter unter der Erde auf dem Felssockel von Ground Zero. Diese "Repository" genannte Gruft ist nur den Angehörigen zugänglich und vom öffentlichen Museumsbetrieb durch eine Wand getrennt.

"Die Wünsche der Familien sollten respektiert werden", sagt Opferanwalt Norman Siegel und fügt hinzu, dass er 350 Hinterbliebene befragt habe: 332, also rund 95 Prozent, hätten sich gegen die Überführung in das Museum ausgesprochen.

Doch die Verantwortlichen widersprechen: Die meisten Hinterbliebenen seien dafür, erklärte 9/11-Museumsdirektor Joe Daniels. Die Überführung der Überreste ins Museum sollte dennoch ohne Benachrichtigung der Öffentlichkeit erfolgen, um weiteren Aufruhr zu vermeiden. Erst im letzten Moment wurden wenigstens die Familien informiert.

Eine Wunde, die nie heilen kann

Der unwürdige Zwist ist ein weiteres Beispiel für die anscheinend unlösbare Frage, wie mit dem Gedenken an 9/11 umzugehen ist. Die Solidarität von 2001, getragen vom kollektiven Schock der Anschläge, ist längst zerronnen. Für viele Amerikaner ist 9/11 heute nur noch eine Erinnerung, ein alljährlicher patriotischer Reflex.

Doch für die Familien der Opfer ist der 11. September eine Wunde, die nie heilen kann. Im Gegenteil: Das Planungschaos, die Skandale, die vielen Verzögerungen, die den Wiederaufbau des World Trade Centers begleitet haben, reißen die Verletzungen immer wieder neu auf. Auch die Gestaltung des 9/11-Museums, das am Donnerstag im Beisein von US-Präsident Barack Obama feierlich eröffnet werden soll, wurde von Anfang an kontrovers mit den Hinterbliebenen diskutiert.

Hinzu kommt, was selbst viele New Yorker nicht wissen: Von den 2753 Menschen, die im World Trade Center umkamen, wurden bis heute erst 1115 eindeutig identifiziert. Manche Familien bekommen weiterhin Anrufe vom Büro des Gerichtsmediziners, wenn wieder einmal Überreste zugeordnet werden konnten. Allein dieses Jahr gab es vier Identifizierungen. Endloser Schmerz, endlose Wut.

Und so wird auch diese 9/11-Prozedur zwangsläufig zum Medienspektakel. Während die Protestler zunächst etwas hilflos um die geschlossene Gedenkstätte irren und dann eilig in einen privaten Trauerraum des Memorials geschleust werden, balgen sich Dutzende Kamerateams um den besten Blick.

Pünktlich um sieben Uhr biegt die blau und rot flackernde Prozession um die Ecke, auf dem Memorial-Gelände hält die Kolonne an. Je sechs Beamte in Parade-Uniform heben die drei Särge herunter, tragen sie auf den Schultern am Wasserbecken vorbei und verschwinden dann im Neubau des 9/11-Museums.

insgesamt 10 Beiträge
tijeras 10.05.2014
1. Traurig
So sollte man mit den Angehörigen nicht umgehen. Ich frage mich auch, wie überhaupt noch festgestellt werden kann, wer da gestorben ist? Ich hatte damals nicht den Eindruck daß dort im größeren Umfang nach Überresten der [...]
So sollte man mit den Angehörigen nicht umgehen. Ich frage mich auch, wie überhaupt noch festgestellt werden kann, wer da gestorben ist? Ich hatte damals nicht den Eindruck daß dort im größeren Umfang nach Überresten der Opfer gesucht wurde. Der Abtransport der Trümmer erfolgte doch recht schnell, teilweise nach China. Da fragt man sich doch schon, was wird da noch analysiert um Opfer zu identifizieren?
helro56 10.05.2014
2. mit DNA tests
kann man heute angeblich alles bestimmen! von 2750 toten erst rund 1150 identifiziert, man kann es nicht glauben! die USA sollte mehr für die " Gefallenen" des Ground Zero übrig haben! kostet wahrscheinlich weniger [...]
kann man heute angeblich alles bestimmen! von 2750 toten erst rund 1150 identifiziert, man kann es nicht glauben! die USA sollte mehr für die " Gefallenen" des Ground Zero übrig haben! kostet wahrscheinlich weniger als eine einzige Drohne. Den Angehörigen wäre das man schuldig! Museum... fui Teufel,was für antimensch kommt nur auf einen solche gedanken??
fritze_bollmann 10.05.2014
3.
Man konnte erst ca. 1100 Verstorbene zuordnen, aber man weiss genau, dass 2753 Personen um kamen?
Man konnte erst ca. 1100 Verstorbene zuordnen, aber man weiss genau, dass 2753 Personen um kamen?
Andreas-Schindler 10.05.2014
4. Museum
Das Leichen und Leichenteile in Museen Ausgestellt werden kennt man ja von Mumien usw. Da werden Gräber geöffnet und die Ruhe der Toten gestört nur um die Knochen in Pappkartons irgendwo zu Lagern oder in Vitrinen Auszustellen. [...]
Das Leichen und Leichenteile in Museen Ausgestellt werden kennt man ja von Mumien usw. Da werden Gräber geöffnet und die Ruhe der Toten gestört nur um die Knochen in Pappkartons irgendwo zu Lagern oder in Vitrinen Auszustellen. Aber ich hätte diese Leichenteile auch eher auf ein Friedhof Begraben.
bengel771 10.05.2014
5.
Kann mir kaum vorstellen, das es im Sinne der Opfer ist, am Ort ihrer Ermordung beigesetzt zu werden. Ich würde es nicht wollen.
Kann mir kaum vorstellen, das es im Sinne der Opfer ist, am Ort ihrer Ermordung beigesetzt zu werden. Ich würde es nicht wollen.
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