Panorama

Feuerkatastrophe in Brasilien

Mehr als 1500 neue Waldbrände am Amazonas

Der brasilianische Präsident Bolsonaro schickt die Armee zum Löschen ins Amazonasgebiet. Die Brände breiten sich weiter aus - betroffene Bundesstaaten schlagen Alarm.

AFP PHOTO / GREENPEACE / VICTOR MORIYAMA

Rauch steigt in Brasilien auf - die Feuer haben sich in den vergangenen Tagen ausgebreitet

Samstag, 24.08.2019   23:05 Uhr

In Brasilien wüten die schwersten Waldbrände seit Jahren - und die Flammen erobern immer größere Gebiete. Allein zwischen Donnerstag und Freitag sind nach neuen Angaben des staatlichen brasilianischen Weltraumforschungsinstituts INPE 1663 neue Brände im Amazonas-Regenwald des Landes ausgebrochen. Die Daten stammen vom Samstag.

Das INPE hatte Anfang der Woche alarmierende Zahlen und Satellitenbilder von den Waldbränden im Amazonasgebiet veröffentlicht. Demnach gab es in Brasilien seit dem Jahresbeginn bereits mehr als 76.000 Waldbrände - ein Zuwachs von 84 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. In den meisten Fällen waren Flächen in Privatbesitz betroffen, aber auch in Naturschutzgebieten und Ländereien der indigenen Bevölkerung brechen immer wieder Feuer aus.

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Brände in Brasilien: Apokalypse am Amazonas

Laut einem INPE-Bericht wurden im Juni dieses Jahres 60 Prozent mehr Regenwald gerodet als im gleichen Monat des Vorjahres - ein Großteil davon in Brasilien. Umweltschützer sehen darin den Grund für die Zunahme der Waldbrände in der Amazonasregion. (Lesen Sie hier eine Analyse über die Ausbeutung von Brasiliens Ressourcen.)

44.000 Soldaten helfen bei Löscharbeiten

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro hatte die INPE-Angaben hingegen als Lügen bezeichnet und den Direktor des Instituts gefeuert. Bolsonaro zweifelt den menschengemachten Klimawandel an und ist ein Freund der Agrarindustrie. Er machte wiederholt Umweltschutzgruppen für die Waldbrände verantwortlich.

So beschuldigte er Nichtregierungsorganisationen, die Feuer in den Urwaldregionen selbst gelegt zu haben - um an Hilfsgelder zu kommen und möglichst spektakuläre Aufnahmen zu erlangen. Belege für diese Behauptung blieb er schuldig und verwies auf ein persönliches Gefühl.

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Seit diesem Samstag setzt die Regierung nun Soldaten bei den Löscharbeiten und der Verfolgung von Brandstiftern ein. Der Militäreinsatz begann im Bundesstaat Rondônia mit 44.000 Soldaten. Bislang haben vier Bundesstaaten die Unterstützung der Streitkräfte angefordert.

Bundesstaaten verlangen bessere Brandbekämpfung

Die Gouverneure der Bundesstaaten im Amazonasgebiet forderten unterdessen mehr Unterstützung der Regierung in Brasília und baten um ein Dringlichkeitstreffen mit Bolsonaro. Die Bundesregierung und die Regionen sollten enger zusammenarbeiten, um die Feuer zu löschen und die Brandstifter zu verfolgen, hieß es in einem Brief an den Staatschef.

Im Video: Bolsonaro kündigt Strafen für Brandrodungen an

Foto: Planet Labs Inc./dpa

Die Feuer überschatteten am Samstag auch den Beginn des G7-Gipfels im südfranzösischen Biarritz. EU-Ratspräsident Donald Tusk befürchtet, dass das Freihandelsabkommen der EU mit dem lateinamerikanischen Staatenbund Mercosur scheitern könnte, sollte es weitere schwere Brände am Amazonas geben.

Wenn die brasilianische Regierung die Zerstörung der grünen Lunge des Planeten zulasse, sei es schwer vorstellbar, dass der für das Abkommen notwendige Ratifizierungsprozess harmonisch verlaufe, warnte Tusk. Bislang gibt es lediglich eine informelle Grundsatzeinigung über den Abschluss des Abkommens.

Tusk spielte mit der Aussage darauf an, dass Frankreich und Irland bereits ein Veto gegen den Deal zum Aufbau der weltweit größten Freihandelszone angedroht haben. Großbritannien und Spanien haben unterdessen angekündigt, daran festzuhalten. Auch Deutschland vertritt bislang diese Position.

Die Nicht-EU-Staaten Schweiz, Norwegen, Island und Liechtenstein, die die Freihandelszone EFTA bilden, haben sich ebenfalls auf ein Handelsabkommen mit den Mercosur-Staaten geeinigt. Damit würden 95 Prozent der EFTA-Ausfuhren nach Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay von Zöllen befreit.

FDP-Vorschlag: Emissionszertifikate für Regenwaldschutz nutzen

Auch in der Bundespolitik geht die Diskussion über wirksame Maßnahmen für mehr Klimaschutz weiter. FDP-Chef Christian Lindner schlug in der "Bild am Sonntag" vor, Erlöse aus einem globalen Handel mit Emissionsrechten auch für die Regenwälder zu nutzen. Ziel sei es, dass "jede dort gebundene Tonne CO2 mit Emissionszertifikaten belohnt wird. (...) Generell müssen wir es attraktiv machen, dass Regenwald erhalten und aufgeforstet wird".

CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt sagte der Zeitung, seine Partei strebe die Einführung einer Klima-Anleihe an, um mehr Investitionen in klimafreundliche Technologien zu finanzieren. Es gehe um "Bürgerinvestitionen in den Klimaschutz mit garantierten Positivzinsen".

kko/jap/AFP/dpa

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