Panorama

Formulierung in AOK-Zeitschrift

Der Kampf eines Vaters gegen den "autistischen Zombie"

Das Jugendmagazin der Krankenkasse AOK schreibt von einem "autistischen Zombie" - ein Münchner Vater wehrt sich dagegen. Es braucht Tausende Unterstützer, bis er Erfolg hat.

Joerg Schudrowitz

Jörg Schudrowitz mit seinem Sohn

Von
Mittwoch, 17.10.2018   18:36 Uhr

Als Jörg Schudrowitz die Passage las, dachte er: "Das kann jetzt nicht wahr sein." So erzählt er es im Interview. "Im zweiten Moment dachte ich dann: Das kann ich so nicht stehen lassen."

Die Passage, um die es geht, stammt aus einem Text des Jugendmagazins der Krankenkasse AOK, "AOK On". In der Ausgabe 4/2018 steht ein Text, der mit "Netflix macht müde und dick" überschrieben ist und sich mit möglichen Folgen von "Binge-Watching oder Komaglotzen" befasst. "Aber verwandelt dich Netflix-Glotzen wirklich in einen autistischen Zombie?", heißt es darin.

Der Münchner Schudrowitz, 44, ist Vater eines Sohnes, bei dem frühkindlicher Autismus diagnostiziert wurde. (Lesen Sie hier mehr zu den verschiedenen Formen von Autismus.) "Es ist schade, wenn gerade eine Krankenkasse die Behinderung Autismus negativ belegt - und das noch mit 'Zombie'", sagt Schudrowitz. "Das fand ich in der Kombination total unfair."

Wolfgang Müller.

Auszug aus "AOK On Magazin" (privater Scan)

Schudrowitz startete am 3. Oktober eine Petition. Darin schrieb er, die AOK diskriminiere und beleidige mit ihrer Formulierung des "autistischen Zombie(s)" alle autistischen Menschen und deren Angehörige. Er forderte "eine Entschuldigung/Gegendarstellung in der nächsten Printausgabe" der "AOK On", "dem Medium in dem die Verfehlung passiert ist", Hashtag: #KeinZombie.

Schudrowitz und Unterstützer warben unter anderem in den sozialen Medien für die Petition, sie bekam nach und nach mehr Unterzeichner. Der Twitter-Account @AOK_Gesundheit antwortete am 4. Oktober auf den Tweet eines Nutzers, der die Petition verlinkt hatte: "(...…) (B)eim Versuch, Jugendsprache zu sprechen, haben wir leider daneben gegriffen und Autismus in ein falsches Licht gerückt. Das tut uns aufrichtig leid. In einer der nächsten Ausgaben werden wir über das Thema Autismus aus Sicht eines Betroffenen berichten." Schudrowitz war das zu wenig. Reaktionen der AOK empfand er unter anderem als "hochnäsig".

"Das Sprachbild hat vor allem Betroffene verletzt"

Auf Anfrage des SPIEGEL teilte der Pressesprecher des AOK-Bundesverbands, Kai Behrens, mit, dass die Formulierung vom "autistischen Zombie" ein Fehler gewesen sei, "der uns leid tut": "Offenbar sollte ein blasser, passiver, leblos wirkender Netflix-Dauerkonsument verbildlicht werden. Das Sprachbild (…...) hat aber nicht zu einer Überpointierung geführt, sondern vor allem Betroffene verletzt. Als Krankenkasse müssen wir einfach sensibler mit Sprachbildern und Sprachspielen umgehen."

Sein Ziel hat Schudrowitz erreicht: Die AOK hat am Dienstag angekündigt, sie wolle in der kommenden "AOK On"-Ausgabe "eine Entschuldigung und einen ausführlichen Artikel zum Thema 'Autismus' abdrucken". Die Petition hat Schudrowitz inzwischen beendet. "Es waren in der Summe mehr als 37.000 Unterschriften dafür notwendig, dass es dazu kam", sagt er.

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