Panorama

Einblicke in Berliner Schlafzimmer

Nachtgestalten

Fotografin Lara Wilde hat Berliner und Berlinerinnen nachts in ihren Wohnungen besucht. Was sehen wir?

Lara Wilde
Von
Freitag, 05.04.2019   09:39 Uhr

Eine Frau sitzt in einem Bett und scheint verängstigt ins Leere zu blicken. Der Raum ist düster, nur die grün gemusterte Bettwäsche und eine pyramidenförmige Nachttischlampe sind erleuchtet. Die Szene wirkt unheimlich, man fragt sich: Wer ist diese Person? Ist sie etwa gerade aus einem Alptraum erwacht?

Fotografin und Regisseurin Lara Wilde überlässt es dem Betrachter, sich eine eigene Geschichte auszumalen. Die 31-Jährige hat nachts Berliner und Berlinerinnen besucht und gewährt in einer Fotoserie Einblicke in deren Schlaf- und Wohnzimmer.

Nach einem längeren Auslandsaufenthalt in einer Kleinstadt in Norwegen musste sich Wilde wieder an ihre Wahlheimat Berlin gewöhnen, ihr war plötzlich alles zu anonym. Auf einer persönlichen Ebene wollte sie wieder mit der Stadt in Kontakt treten.

Um geeignete Kandidaten für ihr Projekt zu finden, startete sie in verschiedenen Facebook-Gruppen einen Aufruf und stieß auf viel Resonanz. Vorab wollte sie möglichst wenig über die Personen erfahren, um ihnen unvoreingenommen zu begegnen.

Sie traf ihre Protagonisten in Hellersdorf oder Charlottenburg, in kleinen WG-Zimmern, in Plattenbauten, Designerapartments, perfekt eingerichteten Altbauwohnungen oder Einfamilienhäusern.

Fotostrecke

Fotoprojekt: Berliner nachts in ihren Wohnungen

Manche der Wohnungen waren extrem sauber, bei anderen herrschte ein großes Chaos, in manchen standen kaum Möbel oder stapelten sich die Umzugskartons. Die Teilnehmer sollten ihre Zimmer vorher nicht aufräumen, sondern alles so lassen, wie es gerade ist.

Rund 80 Personen lichtete Wilde insgesamt ab. Die Fotografin lernte Studenten, Büroangestellte, eine Stuntfrau, einen Polizisten, mehrere Schauspieler und eine Juristin kennen, die jüngste Person 18, die älteste um die 60 Jahre alt. Gemeinsam mit den Männern und Frauen ging die Fotografin die Räume ab und suchte nach geeigneten Orten für die Porträts.

Wilde arbeitete mit Light Painting. Sie belichtete jedes Foto 15 bis 30 Sekunden lang, leuchtete währenddessen in den dunklen Räumen einzelne Objekte mit einer Taschenlampe an, die für die Geschichten der Fotografierten besonders spannend sind: mal ein Klavier, mal ein Babymobile oder eine Flamingo-Lampe. Währenddessen mussten die Männer und Frauen in ihrer Pose verharren.

"In der Dunkelheit kann man sich gut unterhalten"

Manche wirken verängstigt, abwesend oder in sich selbst gekehrt, andere mit sich zufrieden, sie scheinen sich wohlzufühlen. Eine Frau sitzt zusammengekauert auf ihrem Bett, ein Mann starrt auf den Tisch, eine Teilnehmerin liegt entspannt auf dem Sofa. "Das ist das, was übrig bleibt, wenn man seine Maske abnimmt", sagt Wilde.

Während der Aufnahmen ergaben sich intensive Gespräche mit den Porträtierten. "In der Dunkelheit kann man sich gut unterhalten", sagt Wilde. "Man bekommt schnell Zugang zu den Leuten und sie erzählen gern ihre Lebensgeschichte oder was sie beschäftigt." Doch was das ist, verrät die Fotografin nicht. Bislang sind die meisten der Porträtierten in ihren Dreißigern. Wilde will mit ihrem Projekt weitermachen - und auch mehr Ältere überzeugen, mitzumachen.

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP