Panorama

Illegale Minen in Tansania

Goldschürfer im Quecksilberdunst

In Tansania setzen Erwachsene und sogar Kinder auf der Suche nach Gold ihr Leben aufs Spiel - teilweise in 24-Stunden-Schichten. Fotograf Claudio Verbano ist mit ihnen in die Schächte gestiegen.

Claudio Verbano
Von
Freitag, 28.12.2018   12:51 Uhr

Der 12-jährige Nzenze klettert mit seinem besten Freund Baraka in ein Erdloch, einen Fuß in die linke, einen in die rechte Wand gedrückt. Nach fünfzehn Metern erreichen sie den Boden der Höhle. Würmer winden sich am Boden, Fliegen schwirren durch die stickig-heiße Luft, während die beiden Jungen mehrere Stunden lang die Erde abklopfen. Sie suchen nach Gold.

Neben offiziellen Minen gibt es in Tansania viele illegale Gruben wie diese. Während Kinder meist nur wenige Meter weit in den Boden klettern, geht es für Erwachsene oft in rund 100 Meter Tiefe. Dort riskieren sie täglich ihr Leben, angetrieben von dem Wunsch, sich und ihre Familien reich zu machen.

Vier Wochen lang ist der Fotograf Claudio Verbano mit Unterstützung des Berufsverbands Freie Fotografen und Filmgestalter e.V. in wichtige Goldabbaugebiete des Landes gereist, um die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Goldgräber festzuhalten. Ihn interessierten weniger die großen Minen der Firmen wie Geita Mining, North Mara oder Acacia Mining, sondern die inoffiziellen, die rund um diese Anlagen entstehen.

Fotostrecke

Große Gefahr, wenig Geld: Illegaler Goldabbau in Tansania

Mithilfe der NGO Shdepha Kahama fand Verbano die illegalen Abbaustätten, die keine offizielle Lizenz haben. "Das wäre sonst extrem schwierig geworden, weil sie weit außerhalb liegen, da gibt es keine Straßen", sagt er. "Außerdem existieren die Orte nur für ein paar Monate, bis kein Gold mehr gefunden wird."

Um den harten Arbeitsalltag dort nachempfinden zu können, stieg der Fotograf mit in den Schacht - ungesichert. "Es war extrem anstrengend. Man konnte nur in kleine Löcher treten und rutscht extrem schnell ab", sagt Verbano. In den Minen selbst konnte er nicht fotografieren: Es war einfach zu dunkel und feucht für die Kamera.

Täglich riskieren Menschen in den selbst ausgehobenen Gruben ihr Leben. Unfälle passieren ständig: Steine fallen in die Schächte, Arbeiter rutschen ungesichert ab, die Eingänge der Schächte werden durch Unwetter versperrt, Minen stürzen ein oder füllen sich mit giftigen Gasen. "Es gibt da keine Aufsicht, die sich das anguckt", sagt Verbano.

Die Kleinschürfer nutzen zum Abbau des Goldes einfaches Werkzeug wie Hacken und Schaufeln. Viele arbeiten zwölf, manchmal sogar bis zu 24 Stunden am Tag in den düsteren Höhlen. Nicht nur Erwachsene, sondern bereits Kinder ab acht Jahren gehen täglich in die Tiefe. Sie sind kleiner und dünner und können so auch in engere Gruben gelangen.

Auch wenn Kinderarbeit in Tansania offiziell verboten ist, tut die Regierung laut Verbano wenig dagegen. Die Folgen sind besonders für die kleinen Körper verheerend. Sie atmen große Mengen Staub ein, müssen extrem schwere Lasten tragen. Die größte Gefahr geht allerdings vom Quecksilber aus.

Schwerwiegende Folgen für die Gesundheit

Um das Gold zu gewinnen, versetzen sowohl Erwachsene als auch Kinder die Erde mit dem Schwermetall und erhitzen das Gemisch, sodass das Quecksilber verdampft - eine einfache und kostengünstige Methode. Allerdings geht dies mit erheblichen Schäden an Umwelt und der Gesundheit der Arbeiter einher. Mundschutz oder Handschuhe tragen die wenigsten.

Die Dämpfe können schwerwiegende Folgen für die Atemwege und das zentrale Nervensystem haben. Vermehrt treten in der Region Fehlbildungen bei Neugeborenen auf, wenn die Mütter während der Schwangerschaft mit Quecksilber Kontakt hatten, so der Fotograf. Außerdem landet das Schwermetall in Flüssen, aus denen getrunken oder gefischt wird. "Den Leuten sind die Gesundheitsrisiken allerdings nicht bewusst", sagt Verbano.

Ein weiteres Problem ist die Prostitution, die sich rund um die Minen bildet. Viele Frauen wollen in der Gegend Arbeit finden, nehmen eine lange und kostspielige Anreise auf sich - doch nur für wenige gibt es wirklich Jobs. Um etwas zu verdienen und weil sie keine Alternative sehen, fangen viele an, ihren Körper zu verkaufen.

"Die Leute fahren Hunderte Kilometer weit, in der Hoffnung, reich zu werden", sagt Verbano. "Es kursieren viele Geschichten von Leuten, die das geschafft haben. Aber ich habe keinen Einzigen kennengelernt, bei dem es geklappt hat." Die meisten finden nur wenig und wenn, dann verkaufen sie das Gold - aus Unwissen - zu einem Bruchteil des offiziellen Wertes an Händler.

Tansania gehört zu den größten Goldexporteuren Afrikas, die Bevölkerung profitiere aber nicht davon, sagt Verbano. Denn die Goldminenbetreiber wie Acacia Mining, Canadian Barrick und Anglogold Ashanti zahlen kaum Abgaben. Das Land zählt zu den ärmsten der Welt: "Mit Steuereinnahmen könnte man extrem viel verändern", sagt Verbano. "Die Firmen müssen endlich Verantwortung übernehmen."

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP