Panorama

Fotoserie über irische Traveller

Mama, Papa, acht Kinder und ihr Wohnwagen

Die irischen Traveller haben keinen festen Wohnsitz, sie führen ein karges Nomadenleben im Wohnwagen. Der Fotograf Joseph-Philippe Bevillard begleitet sie seit Jahren.

Joseph-Philippe Bevillard
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Dienstag, 04.06.2019   15:44 Uhr

Als Fotograf Joseph-Philippe Bevillard im Jahr 2000 nach Irland zog, sah er kurz nach seiner Ankunft am Flughafen vom Taxi aus einige Wohnwagen, Lagerfeuer, Frauen, die am Straßenrand Wäsche aufhängten und Kinder, die Ponys ritten - irische Travellerfamilien. "Ich fühlte mich sofort zu dem einzigartigen nomadischen Lebensstil hingezogen und fragte mich, wer diese Leute sind."

Doch erst Jahre später, ab 2009, fing er an, die Menschen zu fotografieren, zunächst in Schwarz-Weiß, ab 2018 in Farbe. Seitdem verbringt Bevillard viel Zeit mit den Familien und fährt regelmäßig nach Limerick, Ennis, Galway Tipperary, Cork, Kerry und Dublin.

Die irischen Traveller sind ein Nomadenvolk, sie leben schon seit Jahrhunderten auf der Insel. Früher zogen sie mit Planwagen, heute mit dem Wohnwagen umher, lassen sich auf öffentlichen Parkplätzen, am Straßenrand und auf Campingplätzen nieder oder leben auf Siedlungsplätzen, die ihnen von den Städten zur Verfügung gestellt werden und die laut Bevillard wie Gefängnisse aussehen. Nach Angaben des Irish Traveller Movements (ITM) leben in Irland rund 25.000 Traveller.

Weder Strom noch fließendes Wasser

Bevillard berichtet von den prekären Lebensbedingungen der Menschen, die er getroffen hat. Viele hätten weder fließendes Wasser noch Strom. Sie würden Generatoren sowie Gasheizungen nutzen und draußen auf die Toilette gehen. Oft lebten die großen Familien auf sehr engem Raum zusammen, teilten sich mit mehreren Personen ein Bett.

Fotostrecke

Leben am Straßenrand: Traveller-Familien in Irland

Auf vielen Bildern sind junge Menschen zu sehen, was daran liegt, dass die meisten Eltern zahlreiche Kinder haben - Bevillard traf sogar eine Mutter mit 26 Söhnen und Töchtern. Die Jungen und Mädchen reiten auf Ponys, kümmern sich um ihre Hunde, boxen, spielen Rugby oder Hurling - und sind schon früh selbstständig.

Die Erwachsenen zu fotografieren ist für Bevillard viel herausfordernder. Es habe eine Weile gedauert, bis sie ihm vertrauten - viele seien misstrauisch gegenüber Fremden. Rund hundert Familien hat er insgesamt porträtiert.

2017 hat die irische Regierung die Traveller offiziell als ethnische Minderheit anerkannt. Doch laut dem Fotografen wird die Situation trotzdem immer angespannter: Obdachlosigkeit, Arbeitsplatzmangel, Diskriminierung gehörten zu den Hauptproblemen, gegen die bislang wenig getan werde.

Eine Studie des University College Dublin aus dem Jahr 2010 beziffert die Lebenserwartung eines männlichen Travellers auf 61,7 Jahre, rund 15 Jahre weniger als bei der übrigen Bevölkerung Irlands, bei Frauen liegt das Sterbealter 12 Jahre früher.

Bevillard will die Traveller weiterhin fotografieren: "Sie sind wie meine zweite Familie." Außerdem möchte er die Kinder beim Aufwachsen oder Heiraten beobachten - und eines Tages deren Söhne und Töchter porträtieren.

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