Panorama

Italienischer Sprayer gegen rechts

Er macht aus Nazis Würstchen

Der italienische Künstler Cibo hat Nazi-Symbolen den Kampf angesagt: Er übermalt Hakenkreuze mit kulinarischen Graffitis. Er sieht sich als Gesetzesvollstrecker - doch seine Gegner machen Druck.

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Ein Interview von
Freitag, 16.08.2019   19:51 Uhr

Mozzarella, Ravioli und Erdbeeren mit Schlagsahne: Bei den Graffitis des italienischen Sprayers Pier Paolo Spinazzè geht es auf den ersten Blick nur um eines - leckere, pralle, irgendwie verführerische Lebensmittel.

Doch Gemüse, Obst und "Wurstel" verbergen Unappetitliches: Sie übertünchen faschistische Symbole wie Hakenkreuze, Wolfsangeln oder Runen. Rassistische Parolen, geschichtsvergessenes Geschwätz, plumpe Drohungen.

Seit Jahren streift Spinazzè durch die Straßen seiner Heimatstadt Verona und übersprüht rechtsextreme Kritzeleien auf Mauern, Garagentoren oder Hydranten. Passend zu seinen Motiven hat er den Künstlernamen "Cibo" gewählt - das italienische Wort für Essen.

Cibo war nicht immer politisch aktiv. Sein Engagement wird losgetreten durch einen feigen Gewaltakt: In der Nacht zum 1. Mai 2008 ist sein guter Freund Nicola Tommasoli mit zwei Bekannten im Zentrum von Verona unterwegs, als er nach einer Zigarette gefragt wird. Vor dem 28-Jährigen stehen fünf Skinheads - er verweigert die Herausgabe. 72 Stunden später ist Tommasoli tot. Die Rechtsextremen haben ihn ins Koma geprügelt, er stirbt an den Folgen.

Die Täter sind gewaltbereite Hooligans, Mitglieder der Gruppierung "Veneto Fronte Skinheads" mit Verbindungen zur rechtsextremen Partei "Forza Nuova" und der neofaschistischen Bewegung "Casa Pound". Alle fünf Angeklagten sind geständig und werden in mehreren Instanzen zu Haftstrafen verurteilt. Wegen guter Führung erhalten sie zum Teil Strafnachlässe oder Freigang.

"Die Politik hat den Vorfall heruntergespielt und vermittelt, dass die Skinheads nur dumme Jungs waren", empört sich Cibo. "Aber Nicola ist tot, und die Neofaschisten sind immer noch da und verbreiten Gewalt." Er habe eine Antwort auf das schreckliche Verbrechen finden müssen - "mit den Mitteln, die mir als Künstler zur Verfügung stehen".

Cibo beruft sich bei seinem Handeln auf das "Gesetz Mancino" aus dem Jahr 1993. Es verbietet landesweit rassistische oder diskriminierende Propaganda und Gewaltaufrufe. Bei Verstößen drohen hohe Bußgelder und Haftstrafen bis zu vier Jahren. Seit Jahren versucht die italienische Rechte, vor allem die Lega Nord von Innenminister Matteo Salvini, das Gesetz qua Referendum zu kippen.

Noch sind die Kommunen verpflichtet, Nazi-Symbole zu beseitigen - "und weil sie nicht hinterherkommen, erledige ich das für sie", sagt Cibo. Allerdings kann er für seine Graffiti wegen Sachbeschädigung belangt werden.

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Sprayer Cibo: "Verona ist das Laboratorium der Rechtsextremen"

SPIEGEL ONLINE: Warum übermalen Sie Nazisymbole ausgerechnet mit Pasta und Parmesan?

Cibo: Für Italiener ist Essen eine heilige Kunst. Wir leben, um zu essen. Noch während wir am gedeckten Tisch sitzen, reden wir darüber, mit welchen Zutaten wir gekocht haben, was wir gestern gegessen haben und was es morgen sein wird. Ich setze Kultur gegen Barbarei.

SPIEGEL ONLINE: An wen richtet sich Ihre Kunst?

Cibo: Sicher nicht an Rechtsradikale, denn das wäre vergeblich. Ich möchte die Menschen erreichen, die unentschlossen sind. All jene, die immer noch über rassistische Frotzeleien oder antisemitische Witze lachen und nicht gegen den Hass opponieren. Ich will ihnen klarmachen, dass Faschismus nicht witzig ist. Es gibt nichts zu lachen.

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ANTI-NAZI SAUCE© ���� For a hate free life! ���� Per una vita libera dall'odio! È un prodotto ad alto contenuto civico, nato dal meglio della costituzione italiana e privo di additivi populusti o emulsionanti sovranisti. Una salsa per tutte le età e che non prevede intolleranze particolari. Nuoce gravemente ai fascisti! Questo è uno dei tanti murales rovinati da una organizzazione neonazista veronese la cui viltà (e immaturità) è mostrata dal fatto che non firmano. Il responsabile è stato individuato, già noto per aver dato alle fiamme i cassonetti Humana (vestiti usati). Grazie per le donazioni che mi inviate, permettete la mia resistenza colorata! #cibo #cibooooo #antifa #antifascismo #antinazi #antinazisauce #sauce #mayo #maionese #mayonnaise #suca #fortezzaeuropa #pivelli #graziefascy #streetart #streetartverona #streetlife

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SPIEGEL ONLINE: Manchmal kommt es zu einem kuriosen Schlagabtausch auf Veronas Mauern: Nachdem Sie Hakenkreuze übersprüht haben, werden ihre Graffiti wiederum von rechten Aktivisten übermalt, woraufhin Sie erneut zur Dose greifen.

Cibo: Ja, es kommt vor, dass ich eine SS-Rune übermale und mein Bild wenige Stunden später schon wieder mit einem Hakenkreuz bekritzelt ist - und das mitten im Zentrum. Das zeigt, wie sicher sich die Rechten in der Stadt fühlen.

SPIEGEL ONLINE: Wegen ihrer historischen Verbindung zum Faschismus wird Verona auch "die schwarze Stadt" genannt. Sind die Menschen hier besonders anfällig für rechte Tendenzen?

Cibo: Verona ist das Laboratorium der Rechtsextremen. Alles, was ich hier schon vor zehn Jahren beobachten konnte, sehe ich heute in ganz Italien. Das Klima ist vergiftet. Wenn ein Migrant auf dem Fahrrad vorbeifährt, schreien die Leute in der Bar "Neger!" Es ist völlig normal, Rassist zu sein. Ich kann das nicht schweigend hinnehmen, die Situation ist wirklich ernst.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Einfluss hat die rechtspopulistische Politik von Innenminister Salvini?

Cibo: Die Neofaschisten fühlen sich bestärkt in dem, was sie tun. Und die Leute in der Bar fühlen sich geradezu verpflichtet, es den Herren in Rom in puncto Fremdenfeindlichkeit nicht nur gleichzutun, sondern sie noch zu übertreffen.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie schon bedroht?

Cibo: Ja, viele Male. Es gibt Orte, die ich schon lange nicht mehr besuchen kann, weil man auf mich losgehen würde. Das Stadion, Wohnviertel, in denen Rechtsradikale leben, ihre eigenen Bars und Läden betreiben. Manchmal informiere ich die Polizei, bevor ich aus dem Haus gehe. Auch meine Eltern wurden angegangen. Es gab Drohbriefe, man hat Hakenkreuze an ihr Haus gesprüht. Unsere Gegner sind gefährliche Leute.

SPIEGEL ONLINE: Die Reaktion der Rechten zeigt, dass sie Ihre Aktionen ernstnehmen.

Cibo: Sie sind sehr wütend, weil ich sie mit meinen Bildern bloßstelle und lächerlich mache. Es gibt rechte Politiker, die mich wegen Sachbeschädigung angezeigt haben. Wenn ich ein Bußgeld zahlen muss, weil ich ein Hakenkreuz übermalt habe, dann tue ich das gern. Aber Stadt und Gemeinden sollten sich vor Augen halten, dass ich ihre Arbeit mache.

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Graffiti gegen rechts: "Faschismus ist nicht politisch, er ist kriminell"

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie ausschließlich allein unterwegs?

Cibo: Ja, das ist eine Entscheidung, die ich getroffen habe. Nicht jeder hat die Freiheit, dasselbe zu tun, nicht jeder kann das riskieren. Deshalb tue ich es. Ich kann auch nicht mehr zurück. Ich bin längst zum Symbol geworden.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sich als politischen Menschen bezeichnen?

Cibo: Nein. Faschismus ist nicht politisch, er ist kriminell.

SPIEGEL ONLINE: Hat die mangelnde Aufarbeitung des Faschismus in Italien zur heutigen Situation beigetragen?

Cibo: Ja, sicher. Wir haben Benito Mussolini begraben, ihm ein Denkmal gesetzt, zu dem jedes Jahr Bewunderer pilgern. Viele Faschisten sind 1943 nach Verona geflohen, das Teil der Republik von Salò war, dem faschistischen Einparteienstaat unter Protektion des Deutschen Reichs. Diese Leute haben rechtsextremes Gedankengut sozusagen in die DNA der Stadt gepflanzt.

SPIEGEL ONLINE: Was fordern Sie?

Cibo: Es würde vollkommen reichen, wenn die geltenden Gesetze befolgt und angewandt würden. Wenn jemand Faschist ist, rechte Propaganda betreibt und zu Gewalt aufruft, dann sollte er angezeigt und zur Rechenschaft gezogen werden.

SPIEGEL ONLINE: Und bis es soweit ist?

Cibo: Wünsche ich mir, dass Ihre Leser die Dose in die Hand nehmen und es mir nachtun. Ich kann mich nicht um alle Schmierereien selbst kümmern.

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