Panorama

Menschen in Slab City

Die Wüste lebt

Zelte, Busse, vergammelte Campingmobile - der "American Dream" von seiner anderen Seite: Das ist Slab City in der Wüste Kaliforniens. Die Fotografin Laura Henno fragte sich: Wer lebt hier - und warum?

Laura Henno
Von
Freitag, 19.04.2019   07:22 Uhr

Mitten in der Colorado-Wüste haben sich Aussteiger, Abenteuerlustige, Obdachlose, Rentner und skurrile Typen niedergelassen. Sie wohnen mietfrei in Zelten, alten Bussen oder kleinen Bretterbuden. Ihre Siedlung Slab City liegt in einer der ärmsten Gegenden in dem sonst so reichen Bundesstaat Kalifornien, rund 300 Kilometer von Los Angeles und 80 Kilometer von der mexikanischen Grenze entfernt, in einem Tal 35 Meter unter Normalnull.

Der Ort gilt als eines der letzten freien Gebiete der Vereinigten Staaten, die Einwohner leben dort unabhängig von gesellschaftlichen Zwängen und ohne Polizei. Auch wenn die Kommune offiziell illegal ist, wird sie vom Staat geduldet. Im Winter halten sich mehrere Tausend Menschen hier auf, im Sommer sinkt die Zahl immens. Die Fotografin Laura Henno hat einige von ihnen porträtiert.

2008 schaute sich Henno den Dokumentarfilm "Unter dem Meeresspiegel" an, den Gianfranco Rosi in Slab City gedreht hatte. "Ich war beeindruckt von dieser erstaunlichen Gemeinschaft, in der Menschen unter prekären Bedingungen leben", sagt die Fotografin. Ein paar Jahre später beschloss sie, dorthin zu gehen.

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Mitten in der Colorado-Wüste: Diese Menschen leben hier

"Die Beziehung zur Wüste hat mich schon immer fasziniert, und im Fall von Slab City ist sie nicht idyllisch", sagt Henno. Wer dort hinkommt, muss ein entbehrungsreiches Leben in Kauf nehmen. Die Menschen sind im Sommer extremer Hitze ausgesetzt; vor der Sonne schützen sie sich mit Plastikplanen; sie haben keinen Strom, nur mittels Solarmodulen können sie eine Klimaanlage nutzen; weil fließend Wasser fehlt, gibt es weder Toiletten noch Duschen.

Der nächste Lebensmittelladen liegt laut Henno sieben Kilometer von Slab City entfernt, dort bezahlen die Einwohner meist mit Marken, die sie vom Staat erhalten. Der größte Teil der Nahrung stamme jedoch von gemeinnützigen Vereinen, die diese zwei bis drei Mal im Monat an die Menschen verteilen.

Der Name Slab City leitet sich ab von den Betonplatten, Slabs genannt, die in der Gegend verstreut sind und auf die militärische Vergangenheit der Gegend hinweisen. Während des zweiten Weltkrieges befand sich hier ein amerikanisches Militärgelände. Einige Soldaten blieben, bauten sich provisorische Unterkünfte, nach und nach kamen immer mehr Einwohner.

"Misstrauen gegenüber Fotografen"

Gemeinsam mit einer Assistentin wohnte Henno über zwei Jahre hinweg insgesamt drei Monate in einem alten Wohnwagen in Slab City. Sie wollte die Lebensbedingungen besser verstehen und eine Bindung zu den Bewohnern aufbauen.

Vor Ort stellte sie sich den Menschen vor, erzählte ihnen von ihrem Projekt. Viele sagten gleich, dass sie nicht abgelichtet werden wollen. "Es herrscht viel Misstrauen gegenüber Fotografen - und das zu Recht", sagt Henno. Viele würden die Einwohner als Freaks darstellen und sich über sie lustig machen.

Doch Henno wollte gerade solche Stereotype vermeiden. Ihre Porträts offenbaren einen differenzierten Blick auf die einzelnen Charaktere und sprechen gleichzeitig von einer großen Nähe zu den Bewohnern. Der Ort lässt die Fotografin auch am Ende ihres Projekts nicht los: Anfang Februar ist sie wieder nach Slab City gereist.

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