Panorama

Familienporträts von Londonern

Hello, wir sind die Nachbarn

Der Fotograf Chris Steele-Perkins hat Familien in London fotografiert. Wie leben sie, wie prägen sie die Stadt?

Chris Steele-Perkins/ Magnum Photos/ Agentur Focus
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Freitag, 22.03.2019   07:12 Uhr

Annabella Dudziec wurde in Südlondon als Tochter polnischer Eltern geboren. Der Vater ihrer Kinder stammt aus Ruanda, ihr neuer Partner Nasir Brown hat einen jamaikanischen, guyanischen und chinesischen Hintergrund. Familien wie diese, mit Wurzeln in anderen Ländern, gibt es viele in London.

Für den Fotografen Chris Steele-Perkins macht genau diese Vielfalt die Stadt aus. Von Australien über Andorra bis St. Vincent und die Grenadinen: Im Zuge seines Projekts und gleichnamigen Bildbandes "The New Londoners" hat er Familien aus der ganzen Welt, die sich in London niedergelassen haben, porträtiert.

Die Hauptstadt ist einer der kulturell vielfältigsten Orte der Welt. Menschen wohl aller Nationen leben dort, man kann auf der Straße Hunderte verschiedene Dialekte und Sprachen hören. "Sie alle gehören zu London und prägen es gemeinsam", sagt Steele-Perkins.

Seiner Meinung nach werde das Thema Migration häufig sehr negativ dargestellt, er wollte einen anderen Weg finden und den kulturellen Reichtum feiern. "Unser Land ist nichts Statisches, es entwickelt sich immer weiter - und die Menschen, die hierherziehen, sind Teil dieses Prozesses."

Die Erforschung von Multikulturalität ist auch aus persönlicher Sicht für Steele-Perkins spannend: Seine Mutter stammt aus Myanmar, er hat eine japanische Ehefrau und einen australischen Halbbruder. Selbst fühle er sich aber voll und ganz britisch.

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Fotoprojekt: Gesichter Londons

Vier Jahre lang arbeitete Steele-Perkins an seinem Projekt, fotografierte insgesamt Menschen aus 188 Ländern. Einige lernte er über Kontakte kennen, andere traf er zufällig. Er annoncierte aber auch in sozialen Medien und verteilte Flyer in Bibliotheken.

Manche Staaten konnte Steele-Perkins allerdings nicht abdecken. So gibt es beispielsweise kein Porträt einer nordkoreanischen Familie oder von Personen aus Nauru, einem Inselstaat im Pazifischen Ozean. Doch letztlich ging es dem Fotografen nicht um Vollständigkeit, sondern nur darum, zu zeigen, wie viele unterschiedliche Menschen in der Stadt leben.

Alle Fotos schoss Steele-Perkins direkt bei den Porträtierten zu Hause. So wollte er eine größere Intimität herstellen und gleichzeitig zeigen, dass diese Familien in London leben - und nicht nur kurz zu Besuch sind.

Jedes Shooting dauerte rund zwei Stunden. Erst fotografierte Steele-Perkins, danach interviewte er die Männer und Frauen. Er sagt, er sei jedes Mal sehr nervös gewesen, weil er nie wusste, ob auch alles klappen würde: Meist kannte er weder die räumlichen Gegebenheiten noch die Menschen.

Neue Heimat - oder auch nicht

Steele-Perkins' Definition von Familie ist sehr weit gefasst, er ließ neben Verwandten auch Freunde oder Nachbarn mit aufs Bild - manchmal mehr als 20 Personen. Eine große Herausforderung für den Fotografen, vor allem weil er jeden Einzelnen hervorheben - und nicht in der Gruppe untergehen lassen - wollte.

Sie suchten Asyl, wollten studieren, waren neugierig oder mussten mit ihrem Unternehmen mitziehen: Die Gründe, warum die Menschen sich in London niedergelassen haben, sind sehr unterschiedlich, jeder hat eine eigene Geschichte.

Manche Erlebnisse waren sehr erschütternd für Steele-Perkins: Eine Frau aus dem Kongo erzählte ihm beispielsweise tränenreich, dass sie wegen des Krieges ihr altes Leben aufgeben musste und nicht alle ihre Kinder mitnehmen konnte.

Die Menschen berichteten auch, wo sie sich am meisten zu Hause fühlen. Manche wollen in ihr Geburtsland zurückkehren, für andere ist London die neue Heimat geworden. Einige fühlen sich noch stark mit ihrer ursprünglichen Kultur verbunden, viele mittlerweile eher als Briten oder Londoner.

Steele-Perkins bemerkte allerdings auch eine Veränderung, die mit dem Brexit-Referendum in Großbritannien 2016 einherging. Im Gegensatz zur Mehrheit des restlichen Landes stimmte die Bevölkerung von London dafür, Teil der Europäischen Union zu bleiben. Doch einige der Porträtierten schienen plötzlich besorgt um ihre Zukunft, wurden misstrauischer oder waren verärgert.

"Viele fühlen sich seitdem nicht mehr willkommen", sagt Steele-Perkins. Weniger Menschen wollten seitdem bei seinem Projekt mitmachen oder verweigerten nachträglich eine Veröffentlichung. Dem Fotografen gab es allerdings einen zusätzlichen Antrieb, an dem Projekt festzuhalten - es fühlte sich für ihn aktueller denn je an.


Ausstellung: "The New Londoners". British Library, London, 22. März bis 7. Juli 2019.

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