Panorama

Familienfotos

"Sie haben gelernt, nicht zu viel zu erwarten"

1994 hat die schottische Fotografin Margaret Mitchell ihren Neffen und ihre Nichten, die unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen sind, das erste Mal porträtiert. Zwei Jahrzehnte später zeigt sie, was aus ihnen geworden ist.

Margaret Mitchell
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Dienstag, 24.09.2019   14:54 Uhr

Margaret Mitchell und ihre sechs Jahre ältere Schwester verbrachten gemeinsam eine glückliche Kindheit. Sie wuchsen mit einer großen Familie in den schottischen Kleinstädten Plean und Dunblane auf, die Eltern arbeiteten beide, die Älteren kümmerten sich viel um die Jüngeren.

Doch später trennten die Geschwister Welten: Mitchell wurde Fotografin und zog schließlich nach Glasgow. Eine ihrer Schwestern hingegen bekam drei Kinder, ließ sich scheiden. Die Familie hatte sehr wenig Geld, die Mutter musste mehrere Jobs annehmen, sie lebten in einer sozial benachteiligten Gegend in Stirling.

Als Alleinerziehende in schwierigen Verhältnissen wurde ihre Schwester laut Mitchell stigmatisiert. "Menschen werden danach beurteilt, wie sie reden, wo sie leben und was sie tun. Ganz besonders in Großbritannien, denn die Klassenunterschiede sind hier erheblich", sagt die Fotografin. Sie wolle diese Stereotype überwinden. "Ich war stolz auf meine Schwester und wie diese mit ihren Lebensumständen zurechtkam." Ihre Schwester habe ihr Bestes gegeben, um das Leben ihrer drei Kinder so gut wie möglich zu gestalten.

Mitchell beschloss, das Leben des Jungen und der beiden Mädchen zu dokumentieren. Damals, 1994, war ihr Neffe Steven zehn, ihre Nichten Kellie acht und Chick gerade einmal fünf Jahre alt. Die drei hatten ein enges Verhältnis und verbrachten viel Zeit zusammen. Auch ihre Tante sahen sie regelmäßig und ließen sich gern von ihr porträtieren. Dabei entstand ein intimer Einblick: Die Kinder streiten sich, hängen Poster in ihrem Zimmer auf, schlafen nebeneinander erschöpft ein oder posieren in Shorts auf einem Küchenstuhl.

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Als Mitchells Schwester 2008 im Alter von 45 Jahren an Krebs starb, nahm der Kontakt zu den Nichten und Neffen und deren eigenen Kindern ab. Die Fotografin kam deshalb erst viele Jahre später erneut auf die Idee, ihre Verwandten erneut zu porträtieren, um die Veränderungen und Konstanten in ihrem Leben aufzudecken. Sie fragte sich: Inwieweit ist das eigene Leben vorbestimmt? Welche Wahl haben wir, und wie sehr sind wir von unserem Umfeld und unser Vergangenheit beeinflusst?

Mehr als 20 Jahre später sind alle Kinder in ihren Dreißigern und haben selbst Söhne und Töchter. Sie wohnen alle nicht weit entfernt von dem Ort, an dem sie selbst aufgewachsen sind. Die Geschwister verlassen sich immer noch aufeinander, so wie sie es auch in ihrer Kindheit getan haben. Aber sie haben auch Konflikte. "Wie alle Familien haben sie ihre Höhen und Tiefen und ihre Beziehung kann sehr eng und dann wieder sehr distanziert sein", sagt Mitchell.

Mangel an Macht und Handlungsmöglichkeiten

Alle drei leben unter der relativen Armutsgrenze: Steven hatte mehrere Jobs, ist derzeit aber arbeitslos und wohnte in einer sozial geförderten Unterkunft. Kellie musste ihren Job kündigen, weil sie sich sonst nicht um ihre drei Kinder kümmern könnte; Chick hat eine Teilzeitstelle in einem Café angenommen, um sich und ihre Tochter zu versorgen.

Ebenso wie ihre Lebensumstände hätten sich die Charaktere der drei wenig verändert: Chick war schon als Kind sehr entschlossen und stolz. Kellie war hart, aber sehr verletzlich. Sie beschützte oft ihren älteren Bruder Steven, der als Kind schon weniger belastbar war. "Ich sehe all diese Eigenschaften auch heute in ihnen", sagt Mitchell.

Ihre Erziehung und die finanzielle Not in ihrer Kindheit hätten sie gelehrt, dass sie im Leben nicht viel zu erwarten haben. Sie seien der Meinung, sie hätten kein Recht auf etwas Besseres. "Der Schwerpunkt der Fotoserie liegt auf dem Mangel an Macht und Handlungsmöglichkeiten, der den Menschen zur Verfügung steht", sagt die Fotografin. "Ich will zeigen, dass sie unter ihren Umständen ihr Bestes geben und wie soziale Ungleichheit über Generationen hinweg besteht - von meiner Schwester über ihre Kinder bis hin zu deren Kindern."

Auch wenn sich die Fotografin sonst mit weniger persönlichen Themen beschäftigt, würde sie trotzdem gern an der Langzeitbeobachtung weiterarbeiten und die positiven und negativen Veränderungen mit der Kamera einfangen. Die Geschichte ihrer Familie zu erzählen, ist ihrer Meinung nach sowohl auf persönlicher als auch auf politischer Ebene wichtig.

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