Panorama

Katholischer Frauenprotest

Wie weiter, Maria?

Eine Woche lang streikten katholische Frauenrechtlerinnen - und konnten Tausende Aktivistinnen hinter ihrem "Maria 2.0"-Protest versammeln. Doch was kommt nach dem großen Gemeinschaftsgefühl?

Annette Langer/ SPIEGEL ONLINE
Von
Mittwoch, 22.05.2019   19:54 Uhr

Reformfeinde und Verhinderer gibt es in der katholischen Kirche zuhauf. Aber auch das Hamburger Wetter sorgte am Dienstagabend dafür, den Protest des liberalen Netzwerks Maria 2.0 klein zu halten: Es goss wie aus Kübeln auf die etwa 150 Gläubigen, die sich vor dem Mariendom versammelt hatten, um mehr Rechte für die Frauen in der Kirche einzufordern.

Es wurde dennoch viel gelacht und diskutiert unter den Regenschirmen - außerdem mit großer Ernsthaftigkeit gebetet und gesungen. Viele ältere Frauen waren gekommen, Mütter mit Töchtern, auch der eine oder andere Mann.

"Wir sind keine Amazonen oder Feministinnen", stellte Mitorganisatorin Brigitte Jaschke gleich zu Beginn klar. Dennoch gaben sich die Aktivistinnen kämpferisch. Sie beteten zu einem "Gott des Aufbruchs" und betonten, sie stünden am Beginn einer großen Bewegung, die sich keinesfalls als Randerscheinung betrachte: "Maria 2.0 ist eine Graswurzelbewegung. Wir werden den Kirchenoberen die Augen öffnen über die Bedürfnisse der Gläubigen."

Die Forderungen des Netzwerks Maria 2.0

  • Zugang von Frauen zu allen Kirchenämtern und Weihen
  • Keine kirchlichen Ämter für Missbrauchstäter, -dulder oder -vertuscher
  • Überstellung von Missbrauchsverdächtigen an weltliche Ermittlungsbehörden und Gerichte
  • Aufhebung des Pflichtzölibats
  • Anpassung der Sexualmoral an die Lebenswirklichkeit der Menschen

Mitte Mai hatten die Aktivistinnen von Maria 2.0 einen einwöchigen bundesweiten Streik der aktiven Katholikinnen ausgerufen: Bleibt den Kirchen fern, um zu zeigen, wie kostbar euer oft ehrenamtliches Engagement ist - und wie wenig es bisweilen geschätzt wird, so die Aufforderung.

"Die Resonanz auf unseren Streikaufruf war überwältigend", sagt Jaschke, die für die "Neue Kirchenzeitung" in Hamburg arbeitet. Die 63-Jährige erwartet Großes von der Bewegung, der sich innerhalb kurzer Zeit bundesweit rund 1000 Gruppen angeschlossen haben sollen. Mehr als 31.000 Unterstützer haben eine Onlinepetition unterzeichnet, die an Papst Franziskus übergeben werden soll. "Die Proteste sind ein Weckruf, vergleichbar mit den Demonstrationen in Ostdeutschland vor dem Fall der Mauer", meint Jaschke. "Wir Frauen aus der Mitte der Kirche haben große Wut im Bauch. Wir wollen dasselbe Recht auf alle Ämter haben wie die Männer."

Maria 2.0 fühlt sich gestärkt durch die Unterstützung verschiedener mitgliedsstarker katholischer Frauenorganisationen. Doch auch an Gegnern mangelt es nicht. Konservative Katholikinnen haben die Gegenbewegung Maria 1.0 ins Leben gerufen. Im Netz und in Hassmails werden die Aktivistinnen als "läufige Hündinnen", "karrieregeile Weiber" oder sündhafte Eva, die mit dem Apfel lockt, verunglimpft.

"Es sind oft Rechtskonservative, die uns verteufeln", sagt Jaschke. Aber aufgeben wird sie nicht. "Keine unserer Gruppen wird sich auflösen. Wir machen weiter."

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Maria 2.0 in Hamburg: "Die Bischöfe kriegen warme Füße"

Im Gespräch mit den Frauenrechtlerinnen in Hamburg wird klar: Hier sind umsichtige Menschen aus der Mitte der Kirche versammelt, Steuerzahler, denen etwas an der Institution liegt, die sich einsetzen und engagieren wollen. Die "Liebeskummer" haben, weil die Kirchenoberen versagt haben - in der Missbrauchsfrage, beim Beharren auf Pflichtzölibat und überkommener Sexualmoral. Und indem sie männerbündisch Frauen von Leitungsfunktionen und Weihen ferngehalten haben. Die Mehrheit der Protestierenden sucht nach konkreten Lösungen für unhaltbare Zustände. Aber auch nach Sinn und Antworten auf die großen Fragen des Lebens.

"Wir bekommen Briefe von Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, Gläubige, die begeistert sind, zu sehen, wie viel Spiritualität noch möglich ist unter Katholiken", sagt Lisa Kötter, Künstlerin und Mitinitiatorin von Maria 2.0 aus Münster. "Wir haben mit unserem Protest also auch missionarische Arbeit geleistet - das sollten die Bischöfe einmal honorieren."

Daniel Reinhardt/ DPA

Hamburger Erzbischof Stefan Heße

Tatsächlich nehmen einige deutsche Bischöfe den Protest wohlwollend zur Kenntnis und zeigen sich dialogbereit, wie der Hamburger Erzbischof Stefan Heße. "Ich habe Verständnis für den Unmut und die Anliegen der Frauen", schreibt er auf Anfrage des SPIEGEL. Heße wirbt für den derzeit vielzitierten "synodalen Weg" in der Kirche, eine vielstimmige, für Kritiker allerdings eher pseudodemokratische Diskussion über brennende Fragen.

Sobald auf den Veranstaltungen von Maria 2.0 Brot gebrochen oder ein Segen gesprochen wird, ist es mit dem Wohlwollen oft schnell vorbei. Die Eucharistie darf den Kirchenoberen zufolge von den Laien nicht angetastet werden. Das sehen die Initiatorinnen gleichwohl anders. "Unser Protest ist ermutigend, weil wir tun, was wir wollen, weil wir Gottesdienste feiern, wie wir sie mögen", sagt Kötter. "Es ist wie eine Erwärmung von unten - die Bischöfe kriegen warme Füße, das belebt den Kreislauf."

Friso Gentsch/ DPA

Die Künstlerin Lisa Kötter vor einem ihrer Bilder für Maria 2.0 in Münster

Viele Pfarrer unterstützten den Frauen zufolge ihren Protest, sie zeigten sich solidarisch, feiern mit, tragen ein weißes Gewand oder einen Maria-2.0- Button. "Wir hoffen, dass es in Zukunft auch Josef 2.0 oder Petrus 2.0 geben wird," so Kötter.

Doch Priester, die sich allzu eindeutig für Gleichstellung engagieren, riskieren Zurechtweisung, einen Karriereknick oder Machtverlust. Angst ist Teil des kirchlichen Systems. "Die Oberhirten umgeben sich mit Ja-Sagern, sie pflegen eine verquaste Sprache, die uneindeutig ist und auf Zeit spielt. Dabei ist die Kirche am Sterben. Die Bischöfe nehmen das nicht wahr, weil sie in einer Blase leben", sagt Kötter.

Die Angst vor einem Aussterben der Kirche scheint die "Blase" allerdings spätestens seit Veröffentlichung der katastrophalen Mitgliederprognose erreicht zu haben. "Ich finde die steigende Zahl von Kirchenaustritten herausfordernd, weil uns so viele gute Leute verloren gehen", sagt der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode dem SPIEGEL. "Jede Frau, die wir wegen fehlender Gerechtigkeit verlieren, ist eine zu viel. Das darf nicht sein."

Die Deutsche Bischofskonferenz habe beschlossen, bis 2023 die Zahl der Frauen in Leitungspositionen auf 30 Prozent zu erhöhen, "weil sich dadurch die Kultur verändern kann", sagt Bode, der die Kommission "Frauen in Kirche und Gesellschaft" leitet.

DPA

Bischof Bode vor einem Plakat der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands

Während der Hamburger Erzbischof Heße der Meinung ist, das Diakonat sei nicht zu trennen von Priester- oder Bischofsweihe, sieht Bode Möglichkeiten. "Es gibt in der Frage des Frauendiakonats theologische Spielräume, deshalb hat Papst Franziskus sie auch noch offengehalten." Man müsse den Zugang der Frauen zu Diensten und Ämtern offen diskutieren. "In einer regionalen Synode mit den Bischöfen könnte man ins Gespräch mit Rom kommen." Natürlich gebe es Aspekte, die nur von der Universalkirche zu klären sei. "Viele Fragen etwa in den Bereichen Leitungsfunktionen und Sexualmoral können wir aber in Deutschland klären."

Bode will am freiwilligen Zölibat für Priester festhalten. "Es wird auf die Dauer wichtig sein, den Zölibat nicht verpflichtend an das Priesteramt zu binden." Damit werde ein Typus Priester möglich, der verheiratet sei, Familie und einen zivilen Beruf habe.

Ob damit der Missbrauch in der Kirche eingedämmt werden könnte, weiß niemand genau. Frauenrechtlerin Kötter zufolge werden sexuelle Übergriffe vor allem möglich durch Intransparenz. "Wenn Frauen Zugang zu allen kirchlichen Ämtern bekommen, werden sie das Männerbündische durchbrechen und für mehr Kontrolle und Demokratie sorgen. Dann wird weniger Vertuschung herrschen, die berüchtigten 'geografischen Lösungen', das Versetzen von Missbrauchstätern in andere Diözesen, wird unwahrscheinlicher."

Wie geht es auf dem Weg dorthin weiter mit Maria 2.0?

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