Panorama

Auftragskiller in Honduras

"Es gibt keine Grenze für die Grausamkeit dieser Männer"

Tagsüber haben sie normale Jobs, abends bedrohen sie andere Menschen - was tödlich enden kann. Der Fotograf Michele Crameri war mit Auftragsmördern in Honduras unterwegs. Er will zeigen, welche gesellschaftliche Rolle sie spielen.

Ein Interview von
Dienstag, 14.05.2019   16:14 Uhr

Anmerkung der Redaktion: An dieser Stelle waren Fotos des Fotografen Michele Crameri zu finden, für die SPIEGEL ONLINE über eine Bildagentur die Veröffentlichungsrechte erworben hatte. Im Juni 2019 tauchten Vorwürfe gegen den hier interviewten Fotografen Crameri auf, seine Fotoserie aus Honduras über Auftragskiller sei teilweise gestellt und inszeniert. Die Redaktion von SPIEGEL ONLINE wurde per Mail auf die Vorwürfe aufmerksam gemacht. Crameri räumte die Vorwürfe schließlich auf Facebook im Wesentlichen ein. Die Redaktion hat sich entschieden, die Bilder zu löschen - sie sind nicht authentisch und deshalb journalistisch wertlos. SPIEGEL ONLINE wird künftig keine Fotos mehr von Crameri veröffentlichen.

Die Interviewantworten von Crameri bleiben bis zu einer weiteren Klärung hier zu finden:

In Honduras lebt es sich gefährlich. 2016 wurden laut United Nations Office on Drugs and Crime in dem Land rund 430 Menschen pro Monat getötet - bei zirka neun Millionen Einwohnern. Zum Vergleich: In Deutschland wurden im selben Jahr rund 80 Personen monatlich umgebracht, bei etwa neunfacher Bevölkerungszahl. Der Fotograf Michele Crameri sagt, er habe das Leben jener Männer dokumentiert, die zur extrem hohen Mordrate in Honduras beitragen: Auftragsmörder. Es geht ihm dabei auch darum, auf soziale Missstände hinzuweisen.

SPIEGEL ONLINE: Wochenlang waren Sie mit honduranischen Auftragsmördern unterwegs. Hatten Sie keine Angst?

Crameri: Doch, sehr oft, aber ich war vor Ort immer mit mehreren Leuten unterwegs. Sie sind zwar alle Mörder, aber mir gegenüber haben sie sich immer sehr gut verhalten. Nur einmal war es brenzlig, als ich während einer Erpressung mit einem der Männer alleine war. Plötzlich wurde auf uns geschossen, und wir mussten schnell wegrennen. Aber zum Glück ist alles gutgegangen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie auf das Thema gestoßen?

Crameri: Nachdem ich ein Buch über Gewalt in Mittelamerika gelesen hatte, wollte ich mehr über die Ursachen erfahren. Ich bin dann auf die Sicarios, spanisch für Auftragsmörder, gestoßen, die in ganz Lateinamerika sehr verbreitet sind - und wollte ein paar von ihnen fotografieren. Von 2015 bis 2018 bin ich immer wieder für mehrere Wochen nach San Pedro Sula in Honduras gefahren - angeblich eine der gefährlichsten Städte der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Laufen Sie nicht Gefahr, mit Ihren Fotos die Arbeit der Männer zu legitimieren oder glorifizieren?

Crameri: Ich legitimiere diese Art von Arbeit nicht, aber ich dokumentiere die traurige Realität Mittel- und Südamerikas. In den letzten Monaten flohen Tausende von Menschen aus Honduras und Salvador, weil sie keine Arbeit und kein Geld haben - oder wegen der Gewalt dieser Männer. Deshalb denke ich, dass jeder über diesen in Lateinamerika sehr verbreiteten Job Bescheid wissen sollte.

SPIEGEL ONLINE: Aber Ihr Fokus liegt auf der Seite der Mörder.

Crameri: Ich war bei meinem ersten Besuch auch mit der Polizei unterwegs, ließ mir die gefährlichsten Gebiete zeigen und ihr Vorgehen erklären - auch wie sie mir im Notfall helfen würden. Ich habe immer wieder auch die Polizei begleitet, zum Beispiel auf Razzien, dabei sind ebenfalls Fotos dieses Projekts entstanden.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Auftragskiller kennengelernt?

Crameri: In San Pedro Sula finden sie leichter einen Mörder als einen Anwalt. Ich hatte einen Kontakt vor Ort, der einen der Männer kannte. Er hat mich ihm vorgestellt, und über ihn habe ich Bekanntschaft mit der restlichen Gruppe gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Wie lief das erste Treffen ab?

Crameri: Wir sind nachts zu ihrem Treffpunkt gefahren. Vor dem Haus stand ein bewaffneter Mann, der uns kontrollierte. Drinnen saßen die anderen zusammen und spielten Playstation. Mein Fixer und ich haben etwas Hühnchen mitgebracht, dass wir gemeinsam mit der Gruppe gegessen haben. Ich habe mich vorgestellt und erzählt, was ich vorhabe.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Gang Ihnen sofort vertraut?

Crameri: Nein, das hat etwas gedauert. Ich musste mir erst mal ihren Respekt verdienen. Das habe ich unter anderem geschafft, indem ich sie nicht verurteilt habe. Außerdem habe ich ihnen sehr genau erklärt, was ich für ein Projekt plane und mir bei jedem Foto ihr Einverständnis geholt. Ich habe ungefähr zehn Tage lang nur mit ihnen gesprochen, ohne auch nur ein einziges Bild zu machen. Außerdem habe ich ihnen alle Aufnahmen gezeigt, und ich hätte sie sofort gelöscht, wenn sie damit nicht einverstanden gewesen wären.

SPIEGEL ONLINE: Auf ihren Fotos sieht man Männer, die Menschen mit der Waffe bedrohen. Und da haben die Täter nichts dagegen, wenn Sie die veröffentlichen?

Crameri: Für sie ist das kein Problem. Sie haben keine Angst, weil sie nichts zu befürchten haben - diejenigen, die für Sicherheit sorgen sollen, sind korrupt. Nur einer ist auf den Fotos wirklich zu erkennen, aber das ist ihm egal. Alle wissen von seinem Nebenjob als Mörder, er macht kein Geheimnis daraus.

SPIEGEL ONLINE: Er hat noch einen anderen Job?

Crameri: Ja, er arbeitet noch als Taxifahrer. Die anderen Männer haben auch alle noch ein zweites Einkommen.

SPIEGEL ONLINE: Warum werden sie dann trotzdem Killer?

Crameri: Weil ein Job nicht zum Überleben ausreicht. Die Männer brauchen das Geld, um sich und ihre Familie zu ernähren. Die meisten sind schon arm geboren, ohne Vater und manchmal sogar ohne Mutter aufgewachsen. Gewalt auf der Straße war schon immer ein fester Bestandteil ihres Alltags, da ist es naheliegend, dass die Leute sich dafür bezahlen lassen. Außerdem sind viele stolz auf ihre Arbeit, sie machen das auch, um die Stadt sozusagen sauber zu halten.

SPIEGEL ONLINE: Teilen Sie diese Ansicht?

Crameri: Nein, für mich ist Gewalt eine unrechtmäßige Sache. Ich verurteile es und diejenigen, die für Geld, Macht oder aus Rache töten. Aber in Lateinamerika sind viele Menschen eben korrupt.

SPIEGEL ONLINE: Wer beauftragt die Mörder?

Crameri: Das ist ganz unterschiedlich: von einzelnen Kriminellen über Banden, von normalen Bürgern bis hin zu Polizisten.

SPIEGEL ONLINE: Polizisten?

Crameri: Ja, einer der Männer erzählte mir, er sei ein paar Wochen vor meiner Ankunft gemeinsam mit zwei anderen von der Polizei beauftragt worden, einen Mann zu töten, der einen Polizisten ermordet hatte.

SPIEGEL ONLINE: Welche Aufträge sind denn typisch?

Crameri: Hinrichtungen und Raubüberfälle sind keine Seltenheit, meist geht es aber um Erpressungen, weil jemand seine Schulden nicht beglichen hat. Oft verfolgen die Mörder die Leute erst, bedrohen sie und töten sie, wenn sie nicht einlenken.

SPIEGEL ONLINE: Gab es für Sie Grenzen bei dem, was Sie fotografieren wollten?

Crameri: Eine Hinrichtung würde ich nicht zeigen, aber das habe ich auch nicht miterlebt. Ich war daher nur bei Erpressungen und Situationen dabei, in denen jemand bedroht wurde. Ich habe aber auch Opfer gesehen, die von einem Mitglied der Gruppe getötet worden waren.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind die Opfer?

Crameri: Anwälte, Politiker, Arbeiter, Jugendliche - es kann jeden treffen. Es gibt keine Grenze für die Grausamkeit dieser Männer.

SPIEGEL ONLINE: Es muss furchtbar sein, das zu fotografieren.

Crameri: Ja, das war es. Das erste Opfer, das ich fotografiert habe, war ein 16-Jähriger, der vor seiner Schule getötet wurde. Seine Mutter und seine Schwester schrien, das war schrecklich. An diesem Tag konnte ich kein Bild mehr machen. Das Schwierigste war, den Schmerz der Angehörigen der Opfer zu sehen. Aber das gehört eben dazu, wenn man so ein Projekt macht.

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