Panorama

Fotoserie über Großbritanniens berühmtesten Fluss

Die Themse und ihre Legenden

Ein Wal strandet, eine Frau stürzt in die Tiefe, die Tate Britain wird geflutet: Die Fotografin Julia Fullerton-Batten inszeniert historische Ereignisse rund um die Themse in Großbritannien.

Julia Fullerton-Batten
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Dienstag, 09.04.2019   12:44 Uhr

Sieben Männer waten durch kniehohes Wasser und tragen gemeinsam ein großes Gemälde. Sie befinden sich in der Tate Britain in London, deren unteres Geschoss von Wasser überflutet ist - und versuchen Kunstwerke zu retten.

Diese Katastrophe passierte allerdings nicht kürzlich, sondern 1928, als die Themse im Januar über ihre Ufer trat und das Museum flutete. Die Fotografin Julia Fullerton-Batten macht mit ihrer Fotoserie "Old Father Thames" dieses historische Ereignis und andere Geschichten, Legenden und Traditionen rund um den Fluss sichtbar, indem sie diese reinszeniert.

Seit die Fotografin im Alter von 16 Jahren mit ihrer Familie von Frankfurt am Main nach Oxford umzog, macht sie regelmäßig Spaziergänge am Ufer der Themse. Besonders fasziniert ist sie bereits seit damals davon, wie sich das Aussehen des Flusses mit dem Wetter, den Tages- und Jahreszeiten sowie den Gezeiten ändert.

Die Themse ist nur der zweitlängste Strom Großbritanniens und im Vergleich zu vielen anderen Flüssen der Welt mit seinen 346 Kilometern Länge sehr kurz. Doch seine Bedeutung für die britische Geschichte und die der Stadt ist groß. Aufgrund seines Laufs direkt durch London zählt er zu den wohl bekanntesten europäischen Flüssen der Welt.

Mittlerweile lebt Fullerton-Batten in West London, fußläufig zur Themse. Vor ein paar Jahren kam sie auf die Idee, sich fotografisch mit dem Fluss auseinanderzusetzen - und die zahlreichen Geschichten, die sich um ihn ranken, zum Leben zu erwecken.

Fotostrecke

Es war einmal: Geschichten rund um die Themse

Fullerton-Batten fing an Bücher zu lesen, online zu recherchieren, Ausstellungen zu besuchen und an Expertentreffen teilzunehmen, um die für sie persönlich interessantesten und emotionalsten Begebenheiten und Erzählungen zu finden. Nicht alle ihre Ideen waren umsetzbar, weil sie an bestimmten Orten keine Fotogenehmigung von den Behörden bekam oder die Inszenierung zu aufwendig gewesen wäre.

Die entstandenen Fotos scheinen einem Film entsprungen, der in einem Moment eingefroren ist. Tatsächlich lässt Fullerton-Batten die Modelle auch manchmal die jeweiligen Szenen spielen und filmt dabei.

Eine Schriftstellerin, die von einer Brücke springt, um Selbstmord zu begehen; Kinder, die das Flussufer nach Gegenständen absuchen, die sie verkaufen können; Menschen, die sich am Strand der Themse sonnen und Eis essen - Fullerton-Batten hat all diese Szenen akribisch inszeniert.

Jedes Detail ist für die Fotografin entscheidend: Kleidung, Frisuren, Modelle und Requisiten sollen so authentisch wie möglich aussehen. Nach geeigneten Gegenstände suchte sie online, in Antiquitätenläden oder auf Flohmärkten. Der Aufwand ist groß, etwa wenn sie ein Zelt aus dem frühen 19. Jahrhundert besorgt.

Wichtige Ausrüstung: Watstiefel

Wenn möglich wollte Fullerton-Batten die Fotos an den realen Orten aufnehmen. Nur zwei Bilder entstanden im Studio, alle anderen - bislang 17 - an einem Ort entlang des Flusses und an der Mündung der Themse.

Fullerton-Batten besitzt hohe Watstiefel, die sie in den letzten Jahren oft getragen hat. Manchmal musste sie beim Fotografieren bis zur Taille tief im Wasser stehen. "Ich bin erstaunt, dass ich bei der Anzahl der Kämpfe gegen die Flut und das tiefe Wasser noch immer keine Ausrüstung, Requisiten, Assistenten oder Modelle verloren habe", sagt sie.

Das bislang größte Fotoshooting fand im Februar dieses Jahres statt: die Nachbildung eines Frostjahrmarktes von 1814, als die Themse zugefroren war und auf dem Eis ein Fest veranstaltet wurde. Vorbereitungszeit: sechs Monate.

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