Panorama

Verena Bahlsens Äußerungen über NS-Zwangsarbeiter

Braune Kekse

Firmenerbin Verena Bahlsen behauptet, NS-Zwangsarbeiter seien im Unternehmen "gut behandelt" worden. Die Firma habe sich nichts zuschulden kommen lassen. Solche Worte zeugen von völliger Geschichtsvergessenheit.

Monika Skolimowska/ DPA

Keks-Erbin Verena Bahlsen: "Das war vor meiner Zeit"

Ein Kommentar von
Montag, 13.05.2019   18:48 Uhr

Mit der NS-Vergangenheit ist es so eine Sache. In Deutschland sind wir uns ja größtenteils einig, dass das damals eine schlimme Zeit war. Wir nennen uns sogar nicht ohne Stolz "Erinnerungsweltmeister", denn mit unserer Geschichtsaufarbeitung überflügeln wir locker alle anderen. Okay, es gibt da ein paar Rechtspopulisten, die den erinnerungskulturellen Konsens in Frage stellen. Aber mit denen werden wir schon fertig.

Dabei übersehen wir gerne, dass im Land die Geschichtsvergessenheit um sich greift. Dafür hat Keks-Fabrikantin Verena Bahlsen, 25, gerade ein glänzendes Beispiel geliefert. Alles fing damit an, dass sich die Erbin des gleichnamigen Unternehmens bei einer Marketingkonferenz als überzeugte Kapitalistin outete.

Als Kritiker Bahlsen entgegenhielten, der Erfolg der Firma - und ihr Wohlstand - basiere auch auf der Ausbeutung der NS-Zwangsarbeiter, die für Bahlsen im "Dritten Reich" arbeiten mussten und nie entschädigt worden seien, reagierte die Unternehmerin mehr als fragwürdig.

Glänzende Geschäfte in Nazideutschland

Der "Bild"-Zeitung sagte sie, es sei "nicht in Ordnung", dass man ihre Äußerung zum Kapitalismus mit dem Thema NS-Zwangsarbeit bei Bahlsen in Verbindung setze: "Das war vor meiner Zeit und wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt."

DPA

Bahlsen-Stammhaus in Hannover

Die Erbin verwies auf eine im Jahr 2000 abgewiesene Klage gegen Bahlsen. Damals hatten 60 Menschen aus Osteuropa, die meisten von ihnen ukrainische Frauen, insgesamt mehr als ein Million Mark als Entschädigung vom Keks-Hersteller gefordert - vergeblich. Die Forderungen seien verjährt, urteilten die Richter seinerzeit.

Im selben Jahr trat Bahlsen der "Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft für die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter" bei. Heute liegen keine Forderungen mehr gegen das Unternehmen vor. Die Keks-Erbin kommt deshalb zu dem Schluss: "Bahlsen hat sich nichts zuschulden kommen lassen."

Das kann man, gelinde gesagt, auch anders sehen. Das Unternehmen machte in Nazideutschland glänzende Geschäfte, galt als kriegswichtiger Betrieb. Zwischen 1941 und 1945 mussten bis zu 250 zum Teil gewaltsam von den Nazis ins Deutsche Reich verschleppte Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus insgesamt sieben europäischen Nationen im hannoverschen Bahlsen-Werk ihren Dienst verrichten.

Historische Verantwortung des Unternehmens

Manche der Betroffenen berichteten nach dem Krieg, sie seien von den Firmeninhabern vergleichsweise gut behandelt worden. Doch wöchentlich hatten sie bis zu 48 Stunden an den Öfen oder Sortierbändern schuften müssen, vom ausgezahlten Lohn war ein großer Teil für Verpflegung und Unterbringung eingezogen worden. In den Barackenlagern sahen sich die Arbeiterinnen der Willkür der Wachmannschaften schutzlos ausgeliefert.

Die Firma Bahlsen hat zweifelsohne Schuld auf sich geladen - und hatte dafür jahrzehntelang nicht zu büßen. Während Opfer des Nationalsozialismus nach 1945 um gesellschaftliche Anerkennung und vielfach um Entschädigung kämpfen mussten, konnte die Unternehmerfamilie im Wirtschaftswunder schnell an ihre alten Erfolge anknüpfen: 1959 beschäftigte sie wieder 1500 Mitarbeiter.

Für die mit braunen Flecken behaftete NS-Vergangenheit ihres Unternehmens kann die 25-jährige Verena Bahlsen selbstverständlich nichts. Der historischen Verantwortung muss sich die Keks-Erbin aber stellen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sie mit ihrer Geschichtsvergessenheit im Trend liegt.

Denn dass es am Ende niemand gewesen sein will, gilt offenbar auch für die Nachfahren der Tätergeneration. 2018 fragte die Universität Bielefeld in einer deutschlandweiten repräsentativen Umfrage: "Waren Vorfahren von Ihnen unter den Tätern des Zweiten Weltkriegs?" 69 Prozent der Teilnehmenden antworteten mit "Nein".

insgesamt 339 Beiträge
niska 13.05.2019
1.
Mir gehen Unternehmen, die die angebliche Aufarbeitung ihrer NS- und Zwangsarbeitervergangenheit offensichtlich nur zum Whitewashing der Braunheiten benutzen, gewaltig auf den Keks. Von eine Verjährung der Taten zum Schluss zu [...]
Mir gehen Unternehmen, die die angebliche Aufarbeitung ihrer NS- und Zwangsarbeitervergangenheit offensichtlich nur zum Whitewashing der Braunheiten benutzen, gewaltig auf den Keks. Von eine Verjährung der Taten zum Schluss zu kommen, man habe sich nichts zu Schulden kommen lassen, ist gelinde gesagt, sehr gewagt.
ddcoe 13.05.2019
2. Jugend ist keine Entschuldigung
für Unwissen und dümmlichen Geschwätz. Es ist nicht zu viel verlangt sich mit den Fakten vertraut zu machen, bevor man dynamisch an die Öffentlichkeit geht. Sechs, setzen durchgefallen und nur noch peinlich.
für Unwissen und dümmlichen Geschwätz. Es ist nicht zu viel verlangt sich mit den Fakten vertraut zu machen, bevor man dynamisch an die Öffentlichkeit geht. Sechs, setzen durchgefallen und nur noch peinlich.
BÄR 13.05.2019
3. Zu weit weg
Es ist wohl leider so, dass für die heute erst 25-Jährige Unternehmerin die NS-Zeit etwas Abstraktes darstellt. Da hilft nur eine intensivere Auseinandersetzung mit der deutschen, aber auch familiären, Vergangenheit gegen das [...]
Es ist wohl leider so, dass für die heute erst 25-Jährige Unternehmerin die NS-Zeit etwas Abstraktes darstellt. Da hilft nur eine intensivere Auseinandersetzung mit der deutschen, aber auch familiären, Vergangenheit gegen das kollektive oder persönliche Verdrängen.
isar56 13.05.2019
4. Bahlsen
hat sich auch nach dem Krieg schuldig gemacht. Die Arbeit am Fließband war unwürdig, vor allem wenn das Band lief und lief und lief. Hunger, Durst, Harndrang waren bei 38 Grad in der Halle zu unterbinden. Das Ganze spielte [...]
hat sich auch nach dem Krieg schuldig gemacht. Die Arbeit am Fließband war unwürdig, vor allem wenn das Band lief und lief und lief. Hunger, Durst, Harndrang waren bei 38 Grad in der Halle zu unterbinden. Das Ganze spielte sich noch in den 90er Jahren ab. Die Frauen sind heute in der Grundsicherung gelandet, nach 40 Jahren Hungerlohn. Ein klassisches Beispiel von Ausbeutung. Als selbst die hiesigen Arbeiterinnen zu teuer wurden, wanderte Bahlsen nach Osteuropa ab. Das hätte diese Berufserbin keine Stunde durchgehalten.
john_doo 13.05.2019
5. ...
Man kann den ganzen Prozess Stück für Stück aufdröseln. Gewaltsam verschleppt? Dafür war nicht die Firma Bahlsen verantwortlich. Während der Arbeit durch die Wachmannschaften schikaniert? Die unterstanden nicht der [...]
Man kann den ganzen Prozess Stück für Stück aufdröseln. Gewaltsam verschleppt? Dafür war nicht die Firma Bahlsen verantwortlich. Während der Arbeit durch die Wachmannschaften schikaniert? Die unterstanden nicht der Firma Bahlsen. 48h Woche? Das haben nicht nur Zwangsarbeiter machen müssen. Ein Großteil des Lohn wurde eingehalten? Aber nicht von der Firma Bahlsen. Das ging ans RSHA. Hatte die Firma Bahlsen dadurch einen Vorteil? Ja. Sollte man mit solch einem Geschichtswissen über die NS-Zeit des eigenen Unternehmens auftrumpfen? Nein. Wird man Bahlsen meiden? Nein.
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