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Anschlag in Halle

Ausgerechnet Jom Kippur

In Halle wurde eine Synagoge angegriffen - am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Veronique Brüggemann erklärt, warum das die jüdischen Gemeinden besonders hart trifft.

Jan Woitas/ DPA

Synagoge in Halle

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Mittwoch, 09.10.2019   19:30 Uhr

Ausgerechnet Jom Kippur. Ein Satz, der mir nicht aus dem Kopf will. Ausgerechnet Jom Kippur. Wer Jüdinnen und Juden treffen will, wählt Jom Kippur. Der wählt den heiligsten aller Tage, den diese Religion kennt. Jenen Tag, an dem Telefone und Internet ausgeschaltet bleiben, an dem in Israel kaum Autos auf den Straßen fahren, alle Geschäfte geschlossen sind, nichts im Fernsehen läuft.

Es ist der Tag, an dem sogar jene fasten, die sonst vielleicht nicht religiös sind. Es ist der Tag, an dem das jüdische Volk sich mit seinem Gott versöhnt, nach innen schaut.

Jom Kippur nur als "höchsten jüdischen Feiertag" zu bezeichnen, wird der Bedeutung nicht gerecht. Es ist nicht so wie Ostern und Weihnachten für viele Christen: Ein Feiertag, bei dem die Familie zusammenkommt, man gemeinsam isst, lacht, vielleicht in die Kirche geht, vielleicht aber auch nicht. An dem eher das Zusammensein, die Tradition wichtig ist, nicht so sehr der Glaube. Solche Tage gibt es natürlich auch im Judentum. Jom Kippur ist keiner davon.

Was ist Jom Kippur?

Jom Kippur ist ein zutiefst ernster, aufrichtiger, spiritueller Tag. Der Alltag ruht. Der Tag ist für das Göttliche reserviert. Und das schon seit Mose. Denn seinen Ursprung hat der Versöhnungstag ganz am Anfang der jüdischen Geschichte, kurz nach dem Auszug aus Ägypten - so steht es zumindest in der Bibel.

Es war der Tag, an dem Gott den Israeliten verzieh, dass sie das goldene Kalb anbeteten, während er Moses am Berg Sinai die Zehn Gebote gab. Sie taten Buße, baten aufrichtig um Vergebung, und Gott vergab ihnen.

Dieses Prinzip lebt bis heute weiter. Die Tage zwischen dem jüdischen Neujahrsfest Rosh Hashana und Jom Kippur sind traditionell die Zeit, in der Jüdinnen und Juden auf das Jahr zurückschauen, über die eigenen Verfehlungen nachdenken, Buße tun und um Vergebung bitten, sich versöhnen. Erst untereinander und erst danach mit Gott.

Versöhnung mit den Mitmenschen und Gott

In meiner jüdischen Familienhälfte ist es üblich, die nächsten Angehörigen in diesen Tagen recht pauschal um Vergebung zu bitten, sollte man sie verletzt haben, auch ohne es zu wissen. Eine schöne Tradition.

Jom Kippur selbst, die 25 Stunden von Sonnenuntergang bis Einbruch der Dunkelheit am folgenden Tag, sind dann für Gebet, Fasten und für die Aussöhnung mit Gott reserviert. Fasten heißt in der Regel: kein Essen, keine Getränke, auch kein Wasser. Beten, Lesen, Spazierengehen, Schlafen - so verbringen viele meiner jüdischen Bekannten und Verwandten diesen Tag in unterschiedlichen Ausprägungen. Bis zum feierlichen Fastenbrechen am Abend.

In Israel steht das öffentliche Leben in dieser Zeit komplett still. Natürlich gibt es Ausnahmen: Kranke, Kinder und Alte müssen nicht fasten. Und im Notfall ist alles erlaubt. Denn das Gebot, Leben zu retten, steht über allen anderen.

Augenzeugenvideo zeigt Schützen:

Foto: Andreas Splett/ AFP

Anschlag in Halle

Am Mittwoch, am Jom Kippur, gab es in Halle, Sachsen-Anhalt, einen Angriff mit Schusswaffen bei dem zwei Menschen starben. Der mutmaßliche Täter versuchte erfolglos, in die dortige verschlossene Synagoge einzudringen. Zahlreiche Gläubige hatten sich dort versammelt. "Der Täter schoss mehrfach auf die Tür und warf auch mehrere Molotowcocktails, Böller oder Granaten, um einzudringen. Aber die Tür blieb zu, Gott hat uns geschützt. Das Ganze dauerte vielleicht fünf bis zehn Minuten", sagt der Gemeindevorsitzende.

Der Angreifer hat seine Tat gefilmt, in dem Video schimpft er über Juden, die Ermittler gehen jetzt von einem antisemitischen und rechtsextremen Motiv aus.

Es gibt keinen friedlicheren Tag als Jom Kippur. Und es gibt keinen, an dem die jüdische Gemeinde so schutzlos, so verletzlich ist.

Es war kein Zufall, als die arabischen Staaten 1973 Israel genau an Jom Kippur den Krieg erklärten. Eine Armee ist schwer zu mobilisieren, wenn fast das ganze Land im Familienkreis fastet, in der Synagoge betet und auf Strom und Telekommunikation verzichtet.

Wer an diesem Tag eine Synagoge angreift, weiß vermutlich, dass dort Juden beten. An einem Tag, der ihnen heilig ist wie kein Zweiter. Er weiß wohl, dass dort vermutlich mehr Menschen sind als an jedem anderen Tag. Wer so etwas tut, hat es vermutlich geplant.

Wer ausgerechnet an Jom Kippur eine Synagoge angreift, will vermutlich genau das: Juden ihren heiligsten Tag mit Angst und Schmerz füllen, statt mit Frieden und Versöhnung. Und sie daran erinnern, dass sie nirgendwo sicher sind. Ausgerechnet in Deutschland. Ausgerechnet an Jom Kippur.

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