Panorama

Statement von attackiertem Bürgermeister

"Ja, ich habe um mein Leben gefürchtet"

Das Messer war 30, die Wunde ist 15 Zentimeter lang: Ein Angreifer hat den Bürgermeister von Altena verletzt. Einen halben Tag nach der Tat sprach der Politiker nun über den Vorfall - und wählte klare Worte.

Foto: imago/ Müller-Stauffenberg
Dienstag, 28.11.2017   11:15 Uhr

Andreas Hollstein wirkt gefasst, aber die Anspannung ist ihm anzumerken. "Ja, ich habe um mein Leben gefürchtet", sagt der Lokalpolitiker. "Und ich bin ziemlich sicher, dass ich das heute nicht mehr hätte, wenn ich nicht Hilfe bekommen hätte"

Etwa 15 Stunden zuvor hatte ein Mann den Bürgermeister des Städtchens Altena mit einem Messer in einem Imbiss angegriffen. Er sei dorthin gegangen, sagt Hollstein, um für sich und seine kranke Frau zwei Döner zu holen. Da sei plötzlich ein Mann an ihn herangetreten, der zuvor eine Dönertasche bestellt hatte.

Dann habe er ihn gefragt, ob er der Bürgermeister sei und "kommentarlos ein Messer gezogen" - das er ihm an den Hals gehalten habe. "Sie lassen mich verdursten und holen 200 Flüchtlinge nach Altena", habe der Mann ihm kurz vor dem Angriff gesagt. Er habe lediglich eine "kleine Schnittwunde" erlitten, so Hollstein, werde aber zur Bewältigung des Vorfalls Hilfe suchen.

Der Angriff auf den 54-jährigen Vater von vier Kindern ereignete sich am Montagabend gegen 20 Uhr. Der 56-jährige Angreifer wurde festgenommen, die Staatsanwaltschaft Hagen ermittelt wegen versuchten Mordes.

"Jeder ehrenamtliche Ratsherr erlebt Hass"

Ob das Messer in der Tasche des Mannes von Anfang an für den Bürgermeister gedacht gewesen sei? "Ja, das glaube ich", sagte Hollstein nun. Den Angreifer habe er nicht gekannt. Dass der 56-Jährige alkoholisiert gewesen sein soll, sei ihm nicht aufgefallen: "Der Mann war nach meinem Eindruck steuerungsfähig." Der Mann habe selbst dazu aufgefordert, die Polizei zu rufen - die würde ihn dann eh erschießen, habe er gesagt.

Noch vor dem Eintreffen der Polizei sei es dann zu einer "Kampfsituation" gekommen, da die beiden Besitzer der Imbissbude eingegriffen hätten. Einer der beiden habe sich dabei selbst Verletzungen zugezogen, so Hollstein - zu dritt hätten sie den Angreifer dann bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten.

Der Angriff sei Symptom für ein generelleres Problem: "Jeder ehrenamtliche Ratsherr", sagte Hollstein, "erlebt inzwischen Hass und Bedrohungsszenarien." Der Streit um das Thema Flüchtlinge "wird immer härter und rücksichtsloser". Hollstein diagnostizierte einen "Werteverfall in der Gesellschaft".

Dem Angreifer persönlich wirft Hollstein nach eigenen Angaben wenig vor: "Ich hege keinerlei Hass für diesen Menschen", so Hollstein. "Dieser Mensch ist für mich nicht der Täter - sondern derjenige, der durch Brunnenvergiftung zum Täter wurde." Explizit sprach Hollstein in dem Statement auch die Rolle der AfD und der Medien im politischen Diskurs an.

Hollstein kündigte an, trotz des Angriffs in der Politik zu bleiben. "Meine Frau hat mich immer vor diesem Szenario in den vergangenen zwei Jahren gewarnt", sagte er mit Blick auf die Debatte über die Asylpolitik, dennoch trete er nicht zurück. "Ich weiß, wofür ich's mache, und ich mach auch weiter", sagte Hollstein. "Ich werde mich weiterhin für Menschen einsetzen."

Völlig ungerührt sei er von dem Angriff selbstverständlich nicht, sagte Hollstein. "Ich will hier auch gar nicht den starken Mann markieren." Er habe bereits eine Krebserkrankung überwunden, "ich habe gestern Abend definitiv ein drittes Leben geschenkt bekommen." Dennoch lehnt er Polizeischutz als Konsequenz aus dem Vorfall ab: "Wenn das mal nötig wäre, sollten wir die Lokalparlamente auflösen."

"Eine gute Zukunft ist bunt"

Altena ist dafür bekannt, dass es mehr Geflüchtete aufnimmt, als es eigentlich müsste. Im Mai war die 18.000-Einwohner-Stadt im Sauerland von Kanzlerin Angela Merkel mit dem Nationalen Integrationspreis ausgezeichnet worden. "Ich glaube, wir kriegen Deutschland in eine gute Zukunft geführt - und die ist bunt", hatte Hollstein damals verkündet.

Der Lokalpolitiker ist Mitautor des 2016 erschienenen Buches "Mein Kampf - gegen Rechts". Darin berichten Verlagsangaben zufolge elf Menschen, die mit rechtem Gedankengut und rechter Gewalt zu kämpfen haben - und die dagegen aufstehen. Über Hollstein heißt es auf der Verlagswebsite: Er "musste als Bürgermeister einer sauerländischen Kleinstadt mitansehen, wie eine Flüchtlingsunterkunft brannte, und nahm dennoch 100 Menschen mehr auf, als er musste".

Im Oktober 2015 hatten ein Feuerwehrmann und ein Komplize in einem Flüchtlingsheim in Altena einen Brand gelegt. Vor Gericht gestand der Feuerwehrmann die Tat: Er habe Angst vor "Einbrüchen, Diebstählen, Gewalttaten und auch vor sexuellen Übergriffen" der Flüchtlinge gehabt. Das Landgericht Hagen verurteilte ihn wegen schwerer Brandstiftung zu sechs Jahren Haft und seinen Bekannten zu einer fünfjährigen Haftstrafe.

mxw

Mehr im Internet

Verwandte Themen

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP