Panorama

Anonyme Spurensicherung bei Sexualdelikten

Wie Ärzte Ermittlern helfen sollen

Opfer sexualisierter Gewalt können Spuren bei Ärzten vertraulich erfassen lassen und später Anzeige erstatten. Eine Studie aus Nordrhein-Westfalen zeigt Schwachstellen des Systems.

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Untersuchungszimmer in einer Klinik (Symbolfoto): Ärzten kommt bei der Anonymen Spurensicherung eine wichtige Rolle zu

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Dienstag, 23.04.2019   09:48 Uhr

Als Sarah Heinrichs* erwachte, lag sie in einer fremden Wohnung, neben einem fremden Mann. Sie wollte aufstehen, doch er hielt sie fest. Er küsste sie gegen ihren Willen, warf sie aufs Bett. Dann vergewaltigte er sie. So sagte sie es später bei der Polizei aus.

Wenige Stunden später ging Heinrichs in ein Krankenhaus. Sie berichtete den Ärzten von einem brennenden Gefühl im Vaginalbereich. Die Ärzte baten um ihre Unterwäsche und nahmen Abstriche aus Heinrichs Vagina.

Danach wollte die Frau den Vorfall vergessen. Doch das gelang ihr nicht: Immer wieder holten ihre Gedanken sie ein. Zehn Tage später fand sie die Kraft für eine Anzeige bei der Polizei. Verwandte hatten sie dazu ermutigt.

Opfer sexualisierter Gewalt wollen in vielen Fällen nicht sofort Anzeige erstatten, ihre Personalien preisgeben und mit Polizisten über den Vorfall sprechen. Daher können sie in ein Krankenhaus, Blut oder Urin abgegeben, ihre Unterwäsche hinterlegen und den Vorfall schildern. Die Ärzte nehmen alles vertraulich auf. So können Betroffene auch Jahre später Anzeige erstatten, denn die Spuren sind gesichert - gerichtsfest. Das ist das Versprechen der Anonymen Spurensicherung, kurz ASS.

Was geschieht in der Praxis?

Christian Müller wollte wissen, was von dem Versprechen in der Praxis bleibt. Er ist Polizist in Krefeld, seine Masterarbeit an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster hat er über das Verfahren geschrieben. Ihm ist keine andere Studie bekannt, die den Ausgang von Fällen dokumentierte. In seiner Arbeit schildert er die Fälle in anonymer Form, auch den von Sarah Heinrichs. Grundlage dafür sind die Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaften.

Müller zählte 464 Fälle Anonymer Spurensicherung aus den Jahren 2011 bis 2016 in Nordrhein-Westfalen. In 43 Fällen gab es eine Anzeige, in 22 davon konnte Müller die Akten einsehen. 20 Verfahren waren abgeschlossen. Nur in einem Fall kam es zu einer Verurteilung. Es ging dabei um Kindesmissbrauch, der Täter war geständig. Die ASS hatte keinen Hinweis auf ein Sexualdelikt ergeben. "Der Beweis, dass die Spuren gerichtsfest sind, muss erst noch erbracht werden", sagt Müller.

Die übrigen von Müller ausgewerteten Verfahren wurden eingestellt, auch das von Sarah Heinrichs. Ihre Erinnerungslücken waren zu groß - sie wusste nur noch, dass sie ein Bier getrunken und es offen stehen gelassen hatte. Danach: Eine Lücke, die erst mit dem Aufwachen in der Wohnung endet. Es konnte kein Täter ermittelt werden. Auch die im Krankenhaus gesicherten Spuren brachten die Ermittler nicht weiter.

Dass es in vielen Fällen nicht zum Prozess kommt, liegt vor allem an den Umständen. Die mutmaßlichen Opfer, fast immer sind es Frauen, hatten häufig Alkohol konsumiert oder Drogen, vielfach lag der Verdacht vor, dass ihnen jemand heimlich K.-o.-Tropfen verabreicht hatte - auch bei Sarah Heinrichs liegt das nahe. Viele Frauen konnten sich daher an das Geschehen nicht erinnern, ihre Aussagen waren für die Staatsanwaltschaft unbrauchbar.

Aussage gegen Aussage

Hinzu kommt ein Grundproblem bei Sexualstraftaten: Außer dem mutmaßlichen Opfer und dem Verdächtigen kann selten jemand Angaben machen, es steht meist Aussage gegen Aussage. Selbst DNA-Spuren beweisen im Zweifel nur, dass die Beteiligten Geschlechtsverkehr hatten, belegen aber keine Vergewaltigung. Nicht einmal zehn Prozent der Verfahren bei Vergewaltigungen und schwerer sexueller Nötigung endeten im Jahr 2014 mit einer Verurteilung.

Müllers Arbeit zeigt auch, wie unterschiedlich Ärzte die ASS handhaben. Ihnen kommt dabei eine wichtige Rolle zu: Es sind schließlich Mediziner, die Spuren sichern sollen, die bei einem eventuellen Gerichtsverfahren Bestand haben.

Einheitliche Standards haben sich laut der Untersuchung in der Praxis nicht durchgesetzt: In einem Fall war der Bericht des Krankenhauses eine Seite lang, in anderen Fällen füllten Ärzte mehrseitige Musterformulare aus. Mal wurde Blut abgenommen, mal nicht. In manchen Fällen ließen sich Ärzte die Kleidung geben, in anderen nicht. Fotos von Verletzungen wurden nicht immer gemacht und nur in einem Fall wurden die Bilder mit einem Aufkleber versehen, der eine spätere Zuordnung zum mutmaßlichen Opfer ermöglichte.

"Es hängt vom Zufall ab"

Stefanie Ritz-Timme überrascht das nicht. Sie leitet das Rechtsmedizinische Institut in Düsseldorf und hat mit einer Kollegin im Auftrag des Landes NRW aufgeschrieben, wie ein Befund aussehen muss, damit er einem Strafverfahren standhält. "Es hängt vom Zufall ab, ob der Arzt weiß, was eine gerichtsfeste Dokumentation ist", sagt sie. Viele Mediziner lernten das nicht im Studium und seien daher im Umgang mit Gewaltopfern überfordert.

Die Wissenschaftlerin fordert, das Thema verpflichtend für alle Ärzte zu machen. Doch um die Inhalte des Medizinstudium gebe es große Konkurrenz, die gerichtsfeste Dokumentation genieße dabei nicht die oberste Priorität. Daher hat sie mit Kollegen das Projekt "Gewalt-Opfer-Beweissicherungs-Informationssystem", kurz "iGobsis" ins Leben gerufen. Ärzte können auf der Internetseite Hinweise zu gerichtsfester Dokumentation lesen oder sich Schritt für Schritt durch das Prozedere führen lassen.

Die NRW-Landesregierung will die ASS ausweiten. Das Gleichstellungsministerium hat das Ziel eines flächendeckenden Angebots ausgegeben. Auch der Polizist Müller hält ASS-Anlaufstellen für wichtig. "Die Anonyme Spurensicherung gibt den Opfern Zeit, sich emotional zu stabilisieren", sagt er.

Laut einer Übersicht der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes gibt es in jedem Bundesland außer Thüringen Kliniken und Gewaltschutzambulanzen, die Spuren vertraulich erfassen. Vanessa Bell, Referentin für sexualisierte Gewalt bei der Organisation, lobt das Angebot als wichtigen Baustein im Kampf gegen sexualisierte Gewalt. Viele Verfahren scheiterten aus Mangel an Beweisen.

*Pseudonym

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