Panorama

Zschäpe-Aussage im NSU-Prozess

Von Scham keine Spur

Zum ersten Mal hat Beate Zschäpe im NSU-Prozess selbst gesprochen. Sie wirkte gefasst, als sie sich von einer nationalistischen Gesinnung distanzierte. Die Nebenklage zweifelt an der Aufrichtigkeit der Angeklagten.

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Angeklagte Beate Zschäpe, Anwalt Mathias Grasel

Von Wiebke Ramm, München
Donnerstag, 29.09.2016   19:18 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Rund dreieinhalb Jahre hat Beate Zschäpe vor Gericht geschwiegen, 312 Verhandlungstage lang. Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess hat vor dem Oberlandesgericht München zwar Antworten auf Dutzende Fragen des Gerichts von ihren Verteidigern vorlesen lassen. Aber selbst vorgelesen hat sie ihre Antworten nie.

An diesem Donnerstagvormittag nun spricht Zschäpe vollkommen überraschend das erste Mal selbst. Sie trägt schwarze Hose und schwarzen Blazer - es ist die Kleidung, die sie wählt, wenn ein für sie wichtiger Verhandlungstag ansteht. Rechts neben ihr auf der Anklagebank sitzt ihr Wahlverteidiger Hermann Borchert. Er ist immer dann beim NSU-Prozess im Saal A101 anwesend, wenn Zschäpe dem Gericht etwas mitzuteilen hat.

Die Signale sind an diesem 313. Verhandlungstag also eindeutig: Irgendetwas wird im Namen Zschäpes verkündet. Doch auf das, was dann passiert, ist kaum jemand vorbereitet. Auch ihre langjährigen Verteidiger Anja Sturm, Wolfgang Stahl und Wolfgang Heer sind es offensichtlich nicht. Verteidiger Stahl jedenfalls kommt aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr heraus.

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Die Angeklagte: Beate Zschäpe im NSU-Prozess

Zschäpe spricht bloß wenige Sätze. Etwa eine Minute lang ist die Stimme der 41-Jährigen zu hören: klar und heller als vermutet. Ein Thüringer Dialekt schimmert durch. "Es ist mir ein Anliegen, hier Folgendes mitzuteilen", sagt Zschäpe. Sie liest diesen und die folgenden Sätze zügig vom Blatt ab. Ihre Hände zittern nicht, soweit dies aus einigen Metern Entfernung zu erkennen ist.

Zschäpe bekennt sich zu ihrer rechtsradikalen Vergangenheit und sagt, ihre Einstellung habe sich mittlerweile geändert. "In der damaligen Zeit, als ich Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos kennengelernt habe, identifizierte ich mich durchaus mit Teilen des nationalistischen Gedankenguts. In den Jahren nach dem Untertauchen wurden diese Themen, insbesondere die Angst vor Überfremdung, zunehmend unwichtiger für mich." Heute hege sie keine Sympathien mehr für nationalistisches Gedankengut, so Zschäpe. "Heute beurteile ich Menschen nicht mehr nach ihrer Herkunft, sondern nach ihrem Benehmen."

Dann folgt eine Entschuldigung. "Ich verurteile das, was Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos den Opfern angetan haben, sowie mein eigenes Fehlverhalten", sagt Zschäpe.

Das ist alles. Zschäpe wirkt erstaunlich souverän, während sie spricht. Ihr Auftritt steht im starken Kontrast zu dem ihres Mitangeklagten Carsten S. Dieser war bei seiner eigenen Einlassung zu Beginn des Prozesses in Tränen ausgebrochen. Er war deutlich mitgenommen von der Schwere der Schuld, die offensichtlich auch nach seiner eigenen Einschätzung auf seinen Schultern lastet. Carsten S. ist angeklagt, weil er den mutmaßlichen NSU-Terroristen zusammen mit dem weiteren Angeklagten Ralf Wohlleben die Mordwaffe beschafft haben soll. Beide müssen sich wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen verantworten. Carsten S. hat seine Verstrickung gleich zu Beginn des Ermittlungsverfahrens gestanden. Ralf Wohlleben bestreitet die Vorwürfe bis heute.

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Carsten S. im Juni 2013

Daran, dass Carsten S. sich für seine rechte Vergangenheit und seine Taten schämt, zweifelt wohl niemand, der ihm damals vor Gericht zugehört hat. Und Zschäpe? Von Scham keine Spur.

"Herr Kollege"

Sebastian Scharmer, der die Familie des Dortmunder NSU-Opfers Mehmet Kubasik im Prozess vertritt, überwindet nach Zschäpes Worten als Erster die Überraschung. Wenn sich ihre Einstellung nun also geändert hat, sagt Scharmer zu Zschäpe, werde sie dann nun vielleicht doch die Fragen der Nebenkläger und ihrer Anwälte beantworten? Zschäpes Anwalt Borchert zögert keine Sekunde. "An dieser Einstellung hat sich nichts verändert, Herr Kollege", antwortet Borchert. Die Fragen der Familien der NSU-Opfer und der Überlebenden der Taten sowie ihrer Anwälte werde Zschäpe auch weiterhin nicht beantworten.

Ob Borchert bewusst ist, dass er mit dieser Antwort jede Distanzierung Zschäpes untergräbt? Eine irgendwie geartete Betroffenheit seiner Mandantin erscheint durch diese Antwort jedenfalls nicht glaubhafter. Zschäpes Anwälte Borchert und Grasel hatten bisher gesagt, ihre Mandantin habe geschwiegen, weil sie nicht in der Lage gewesen sei, in diesem großen Prozess und angesichts der immensen Vorwürfe selbst zu sprechen. Ihr Auftritt heute will dazu nicht so recht passen. Andererseits: Was hätte Zschäpe tun sollen, um allen Erwartungen gerecht zu werden? Es ist wohl einer der Gründe, warum ihre sogenannten Altverteidiger Sturm, Stahl und Heer ihr immer zum Schweigen geraten hatten.

Zschäpe scheint jedenfalls ziemlich zufrieden zu sein. Direkt nach ihren Worten lächelt sie Borchert und Grasel an. Die drei wirken entspannt.

"Gründlich gescheitert"

Nach der Verhandlung sagt Nebenklage-Vertreter Scharmer: "Zschäpes Versuch, durch eine eigene Erklärung ein Mehr an Glaubwürdigkeit zu erreichen, ist gründlich gescheitert". Ihre Entschuldigung nimmt der Opferanwalt ihr nicht ab, an ihrer Distanzierung zweifelt er. "Der Rest ihrer Einlassung, die ihre Anwälte vorgetragen haben, ist schon konstruiert und unglaubhaft. Warum sollte ihr Bedauern dann stimmen?"

Die Familien der neun ermordeten Männer türkischer und griechischer Herkunft und der ermordeten Polizistin Michèle Kiesewetter quält nach wie vor die Frage, nach welchen Kriterien Mundlos und Böhnhardt ihre Opfer ausgewählt haben. Sie wisse es nicht, lässt Zschäpe an diesem Tag ihren Anwalt Borchert vortragen. "Nach den Gründen ihres Tuns habe ich nicht weiter nachgehakt", sagt Borchert in Zschäpes Namen. "Für mich ist das Töten eines Menschen das Erschreckende, nicht, ob es sich um einen Deutschen oder einen Ausländer handelt." Dazu, dass sie nach eigenen Angaben von jedem Mord jeweils hinterher erfahren und trotzdem nichts getan hat, weitere Morde zu verhindern, sagt sie nichts.

Schon damals sei ihr bewusst gewesen, dass sie als Mittäterin der Morde, Raubüberfälle und Sprengstoffanschläge betrachtet werden würde, erklärt Zschäpe über ihren Anwalt. Eine Einschätzung, die wohl noch heute richtig ist.

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Zusammengefasst: Zum ersten Mal hat Beate Zschäpe im NSU-Prozess selbst das Wort ergriffen. Sie distanzierte sich von den Morden, die Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt angelastet werden, und sagte, sie hege keine Sympathien mehr für nationalistisches Gedankengut. Nebenklage-Anwalt Scharmer nimmt der Angeklagten ihre Entschuldigung nicht ab und zweifelt an ihrer Distanzierung.

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