Panorama

Bekennervideo der Zwickauer Zelle

15 Minuten Sadismus

Es ist ein zynisches Dokument des Triumphes: In einem 15 Minuten langen Film feierten die rechtsextremistischen Terroristen aus Zwickau ihre Verbrechen, verhöhnten ihre Opfer, spotteten über machtlose Ermittler. Die Aufnahmen, die SPIEGEL ONLINE zum ersten Mal im Netz zeigt, belegen: Die Neonazis fühlten sich unangreifbar.

Foto: DER SPIEGEL
Von , und
Montag, 14.11.2011   15:10 Uhr

Hamburg - Es gibt diese Szene, 10 Minuten und 38 Sekunden Wahnsinn sind schon vorbei, da zündet Paulchen Panther eine Rakete, die er auf dem Rücken trägt, die Musik im Hintergrund ist heiter und beschwingt, und auf dem Geschoss, das Paulchen mit einer Zündschnur in die Luft jagt, steht: "Bombenstimmung in der Keupstraße".

In der Kölner Keupstraße, auch das legt das Bekennervideo der Zwickauer Zelle nahe, zündeten die Neonazis im Juni 2004 offenbar eine Nagelbombe. Videoausschnitte des Nachrichtensenders NTV sind in den Paulchen-Panther-Clip montiert. Das Foto eines Fahrrades, das die Täter benutzten und mit dem die Polizei nach den Verdächtigen fahndete. "Er ahnt ja nicht, dass wir schon wissen, dass hinter beiden Ärgernissen der rosarote Panther steckt, der wieder mal was ausgeheckt, das bösen Leuten Kummer macht und über das der Gute lacht", sagt die Stimme aus dem Off, es ist wohl die geschickt montierte Originalvertonung der Zeichentrickserie, gesprochen von Gert Günter Hoffmann. Dazu Ausschnitte des Westdeutschen Rundfunks, die zeigen, wie Verletzte blutüberströmt nach dem Anschlag in Köln von Rettungssanitätern versorgt werden.

Genau 15 Minuten dauert das Bekennervideo, das Ermittler in den Trümmern des zerstörten Hauses in Zwickau fanden und das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Sehen Sie hier Ausschnitte des Bekennervideos und hier den Beitrag von SPIEGEL TV zum Thema. Paulchen Panther führt durch den Film, er erlebt allerlei Wundersames, während immer wieder die Fernseh- und Zeitungsausschnitte eingeblendet werden. Die Botschaft ist unmissverständlich: Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe haben die Medien zu ihren Komplizen gemacht - lange bevor die von der Existenz des mordenden, rechtsextremen Trios wussten.

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Bekennervideo: Paulchen Panther und Propaganda
Die Macher des Videos laben sich an ihrem Wissen - und der Unwissenheit der anderen. Sie ergötzen sich am Leid der Opfer, die teilweise unmittelbar nach den Taten gezeigt werden. Die Täter scheinen sich daran zu weiden, dass nur sie den eigenen Plan kennen, Hunderte Fahnder dagegen im Dunkeln tappten.

Außer der Paulchen-Panther-Figur gibt es keinen Sprecher, der das Geschehen einordnet, die Geschichte entfaltet ihre beklemmende Wirkung durch den Kontrast zwischen Gesagtem und Gezeigtem.

Der Grundsatz: Taten statt Worte

Auf den ersten Blick wirkt der Film banal, doch die technische Montage ist hochprofessionell. Einzelne Bilder werden ausgeschnitten, neu zusammengefügt, Proportionen angepasst, dreidimensionale Elemente programmiert. Die Machart des Films zeugt von besonderer Akribie und Detailverliebtheit: Offenbar war den Machern die Rezeption ihres Werks wichtig, zumindest handwerkliche Fehler wollten sie sich nicht nachsagen lassen. In den Film wurde, so viel steht fest, viel Zeit investiert. Fertiggestellt wurde er offenbar schon Ende Dezember 2007, entsprechende Daten finden sich auf der DVD. Aus Sicherheitskreisen wurde SPIEGEL ONLINE bestätigt, dass der Film wahrscheinlich schon damals produziert wurde.

Der Inhalt zeugt vom Zynismus der rechten Zelle: Die Opfer werden nicht nur getötet, sie werden noch im Tod verhöhnt, die Taten durch den Film gefeiert. Das erste Bild des Filmes zeigt eine Tafel, eine Art Präambel, es bleibt die einzige Erklärung. "Der Nationalsozialistische Untergrund ist ein Netzwerk von Kameraden mit dem Grundsatz 'Taten statt Worte'. Solange sich keine grundlegenden Änderungen in der Politik, Presse Polizei und Meinungsfreiheit vollziehen, werden die Aktivitäten weitergeführt."

Die Botschaft ist eindeutig: Die Macht geht von den Taten aus, nicht von Worten. Es braucht keine Erklärungen, wie sehr die Täter Ausländer verabscheuen, es reichen Bilder der neun getöteten ausländischen Kleinunternehmer. "Aktion Dönerspieß" nennen die Täter das und zeigen eine Montage der Getöteten mit Nägeln im Kopf.

Wie mussten sich die Täter fühlen? "Wie die absoluten Supermänner"

"Das ist die sadistische Seite gestörter Persönlichkeiten", sagt der Rechtsextremismus-Forscher Hajo Funke. " Nationalsozialismus hat immer eine sadistische Seite." Empathie stünde demnach nur dem Ziel der Vereinigung entgegen: Wer mitfühlt, mordet weniger leichtfertig. "Das Trio konnte effizienter morden, weil die Propaganda zweitrangig war." Mit anderen Worten: Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe riskierten gar nicht erst, durch Bekennerschreiben aufzufliegen. "Sie ergötzten sich an der Propaganda der Tat."

Und die haben sie in dem Video gefeiert. Die Wirkung wurde mitkalkuliert, die Reaktion der Medien miteinbezogen - unmittelbar nach den Taten und nun, nach der Veröffentlichung.

"Auf den ersten Blick sind die Bilder verstörend", sagt Jan Schedler über das Video. "Für diejenigen in der Szene sind sie üblich." Der 34-Jährige forscht an der Ruhr-Universität Bochum zur extremen Rechten und Autonomen Nationalisten. Videos wie der Bekennerfilm der braunen Zelle zielten darauf ab, "die Verachtung für die Opfer klarzumachen". Die Comic-Ästhetik, das Lustige, bedeute eine Verharmlosung der Taten - und eine Botschaft an die Ermittler, die jahrelang erfolgreich an der Nase herumgeführt wurden.

Martin Dietzsch vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung sagt, "die Forderungen sind äußerst dürftig - bis auf die Forderung nach grundlegenden Änderungen in Politik, Presse und Meinungsfreiheit gibt es nichts. Konkretes, etwa die Forderung, Gesinnungsgenossen freizulassen, fehlt völlig."

In der Art der Präsentation sieht Dietzsch ein Zeichen möglichen Übermutes. "Wie mussten sich die Täter nach den katastrophalen Ermittlungsergebnissen der Polizei - beim Polizistenmord, bei den Döner-Morden und bei den Banküberfällen - fühlen? Wie die absoluten Supermänner. Die müssen den Eindruck gehabt haben, dass sie den Ermittlungsbehörden haushoch überlegen sind."

Die entscheidende Botschaft aber richtet sich an andere mögliche Opfer: "Man tötet einen und verunsichert Millionen", sagt Schedler. So drückten die Täter ihre Verachtung für Migranten aus: "Ihr könnt genauso Opfer werden."

"Heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder, keine Frage", heißt es am Ende des Films - wie auch im Abspann der Paulchen Panther-Filme. Eine schauerliche Drohung.

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Neonazi-Mordserie

9. September 2000 - Enver S.
Das erste Opfer war der Blumenhändler Enver S., 38, aus dem hessischen Schlüchtern. Er stand mit seinem Verkaufswagen am Vormittag des 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. S. vertrat einen Kollegen, der an diesem Tag Urlaub genommen hatte. Am Nachmittag fand man S. im Transporter, von Kugeln durchsiebt.
13. Juni 2001 - Abdurrahim Ö.
Neun Monate später starb Abdurrahim Ö. Der geschiedene 49-Jährige, der in Nürnberg-Steinbühl wohnte, war Schneider, seit vielen Jahren in Deutschland. Tagsüber stand er bei Siemens am Band, abends besserte er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 hörten Nachbarn einen Streit, angeblich waren zwei osteuropäisch wirkende Männer bei Ö. Wenig später lag dieser tot auf dem fleckigen PVC-Boden hinter dem Schaufenster, mit zwei Kugeln im Kopf.
27. Juni 2001 - Süleyman T.
Süleyman T., 31, wurde nur wenige Tage später, am 27. Juni 2001, von seinem Vater gefunden. Der Obst- und Gemüsehändler arbeitete im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Kurz hintereinander hatte man ihm mit zwei Waffen - eine war die Ceska - dreimal in den Kopf geschossen.
29. August 2001 - Habil K.
Am 29. August 2001 starb Habil K. durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Passanten glauben, sie hätten einen ausländisch aussehenden Mann mit Schnurrbart weglaufen und in ein dunkles Auto steigen sehen. Er wurde nie gefunden.
25. Februar 2004 - Yunus T.
Am Morgen des 25. Februar 2004 bekam der 25-jährige Yunus T. in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Wieder war es ein Kopfschuss, wieder aus der Ceska. Bis heute ist unklar, ob T. verwechselt wurde. Er lebte erst seit ein paar Tagen in Rostock und war an diesem Morgen zufällig als Erster an der Bude.
9. Juni 2005 - Ismail Y.
Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Y., 50, mit gezielten Schüssen in seinem Dönerstand an der Scharrerstraße in Nürnberg getötet. Bauarbeiter sahen zwei Männer: Sie stellten ihre Fahrräder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Das Duo wurde nie gefunden.
15. Juni 2005 - Theodorus B.
Am 15. Juni 2005 erschoss ein Unbekannter im Münchner Westend den Griechen Theodorus B., 41, der gerade einen Schlüsseldienst eröffnet hatte.
4. April 2006 - Mehmet K.
Mehmet K., 39, hörte am 4. April 2006 wohl noch die Türglocke seines Kiosks an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße bimmeln, dann fielen die Schüsse.
6. April 2006 - Halit Y.
Bei der vorerst letzten Bluttat in Kassel am 6. April 2006 ging der Killer ein hohes Risiko ein: Er betrat das Internetcafé an der Holländischen Straße, obwohl sich dort mindestens drei Gäste aufhielten. Kurz nach 17 Uhr starb der 21-jährige Halit Y. durch zwei Schüsse aus der Ceska, beide in den Kopf.

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