Panorama

Opfer im NSU-Prozess

"Ein lauter Knall, dann wurde alles dunkel"

Sie öffnete eine Christstollendose - doch dann folgte eine Explosion: Vor 13 Jahren wurde eine junge Frau bei einem Anschlag schwer verletzt, Uwe Mundlos oder Uwe Böhnhardt sollen dafür verantwortlich sein. Im NSU-Prozess sagte die heute 32-Jährige nun als Zeugin aus.

DPA

Polizisten am Ort des Anschlags 2001: "Ein lauter Knall, helles Licht, dann wurde alles dunkel"

Mittwoch, 04.06.2014   17:59 Uhr

München - Es ist der 19. Januar 2001, als die Tochter eines iranischen Ladeninhabers im Hinterzimmer des kleinen Kölner Geschäfts eine Christstollendose öffnet. Kurz darauf gibt es eine Explosion. "Da war ein lauter Knall, helles Licht, dann wurde alles dunkel", sagte die Frau jetzt, mehr als 13 Jahre später, vor dem Münchner Oberlandesgericht. Dort hat sie als zweites Opfer im NSU-Prozess ausgesagt. Für den Anschlag auf die damals 19-Jährige sollen entweder Uwe Mundlos oder Uwe Böhnhardt verantwortlich sein.

Sie habe massivste Schmerzen gehabt, habe aber nicht schreien, nicht reden und nichts sehen können, sagte die Frau weiter. "Mir war von Beginn an klar, das muss eine Explosion gewesen sein." Der NSU hatte sich in seinem "Paulchen Panther"-Video zu der Tat bekannt. Den Ermittlungen zufolge soll einer der beiden Männer die Dose in einem Korb kurz vor Weihnachten 2000 in dem Geschäft zurückgelassen haben.

Wochenlang stand die getarnte Bombe dort erst einmal herum, die Eltern hielten ihre Kinder davon ab, die Dose zu öffnen. Bis es die junge Frau nicht mehr aushielt. "Mich hat einfach nur interessiert, was ist in dieser Dose, was ist da als Geschenk verpackt - und dann war es die Bombe."

"Das Opfer war verbrannt, aufgedunsen und hatte blutende Verletzungen im Gesicht und an den Unterarmen", schilderte ein Polizist vor Gericht. Dieses Bild habe sich ihm eingeprägt. An die Zeit von ihrer Ankunft im Krankenhaus bis zu ihrem Aufwachen aus dem Koma erinnert sich die junge Frau bis heute nicht. Mehrere Wochen lag sie damals auf einer Spezialstation.

Es folgten unzählige Operationen und Behandlungen, doch die Narben blieben. "Die sind alle noch sichtbar, wenn ich abgeschminkt bin", sagte die Frau, die heute selbst Ärztin ist, vor Gericht.

Ob sie daran gedacht habe, Deutschland zu verlassen, fragt ein Anwalt. Das sei schon der erste Gedanke gewesen, räumt sie ein. Andererseits habe sie sich "so viel Mühe gegeben", sei "ein Muster an Integration". Zudem hätten die Täter genau das gewollt: dass sie geht. Da habe sie gedacht: "Jetzt erst recht. Ich werde mein Leben fortführen, ich werde darum kämpfen."

NSU-Chronik

vks/dpa

insgesamt 6 Beiträge
schneegrauchen 04.06.2014
1. Das einzig Gute,
wenn es denn überhaupt etwas Gutes geben kann, ist, dass das die Täter ihr Ziel nicht erreichen konnten. Die junge Frau hat überlebt, sie hat sich nicht vertreiben lassen, sie hat einen guten Berufsabschluss und ihren Weg [...]
wenn es denn überhaupt etwas Gutes geben kann, ist, dass das die Täter ihr Ziel nicht erreichen konnten. Die junge Frau hat überlebt, sie hat sich nicht vertreiben lassen, sie hat einen guten Berufsabschluss und ihren Weg gemacht. Dafür meinen Respekt! Auch wenn dies nicht den Schmerz, die Angst, das Trauma und die dämlichen Verdächtigungen und Fehlinterpretationen der ermittelnden Behörden wieder gutmachen kann.
Horstino 04.06.2014
2.
Schade, dass Mundlos und Böhnhardt sich dem Gerichtsverfahren entzogen haben. Diese Tat (wie auch die anderen) sind an Maximum an Hinterhältigkeit und Gemeinheit. Ich hoffe das Verfahren hilft die Tat zu verarbeiten.
Schade, dass Mundlos und Böhnhardt sich dem Gerichtsverfahren entzogen haben. Diese Tat (wie auch die anderen) sind an Maximum an Hinterhältigkeit und Gemeinheit. Ich hoffe das Verfahren hilft die Tat zu verarbeiten.
cutestrabbitonearth 04.06.2014
3. optional
Ich hoffe, dass diese Zschäpe für wirklich sehr, sehr lange Zeit im Knast verschwindet. Es ist grotesk auch nur anzudenken, dass die 10 Jahre mit denen im Untergrund herumkutschiert ist, ohne zu wissen, was die Kerle gemacht [...]
Ich hoffe, dass diese Zschäpe für wirklich sehr, sehr lange Zeit im Knast verschwindet. Es ist grotesk auch nur anzudenken, dass die 10 Jahre mit denen im Untergrund herumkutschiert ist, ohne zu wissen, was die Kerle gemacht haben. Hoffentlich kommt bald das Urteil. Ein starkes Urteil auch als Signal nach außen.
mundi 04.06.2014
4. Hilft das Verfahren aufzuklären?
Genau das glaube ich nicht. Denn immer noch sind die 2 toten des Mordes Beschuldigten nicht gerichtlich überführt. Was war das Mordmotiv? Das ist die wirklich spannende Frage. Worin liegt für Rechtsterroristen der Sinn, [...]
Zitat von HorstinoSchade, dass Mundlos und Böhnhardt sich dem Gerichtsverfahren entzogen haben. Diese Tat (wie auch die anderen) sind an Maximum an Hinterhältigkeit und Gemeinheit. Ich hoffe das Verfahren hilft die Tat zu verarbeiten.
Genau das glaube ich nicht. Denn immer noch sind die 2 toten des Mordes Beschuldigten nicht gerichtlich überführt. Was war das Mordmotiv? Das ist die wirklich spannende Frage. Worin liegt für Rechtsterroristen der Sinn, über einen Zeitraum von sieben Jahren neun Menschen zu ermorden, ohne diese Morde überhaupt als rechten Terror erkennen zu lassen? Man brauchte Jahre, bis sich überhaupt eine Verbindung zwischen den Morden erkennen ließ. Was sollte mit der Mordserie überhaupt bewirkt werden? Mit dieser Methode die Anzahl der Türken in Deutschland zu reduzieren? Das kann es wohl nicht sein. Warum waren die Opfer alle Kleinunternehmer? Nach welchen Kriterien wurden die Opfer augewählt? Warum reiste man für die Morde quer durch die Republik? Das sind die Fragen, die zunächst geklärt werden sollten.
crossi0071 05.06.2014
5. ...
Ich verfolge die Berichterstattung seit Beginn der Verhandlungen gegen die Angeklagten Beate Zschäpe und Co sehr aufmerksam. Was ich dabei so schlimm finde - abgesehen von den unverantwortlichen und unverständlichen Morde und [...]
Ich verfolge die Berichterstattung seit Beginn der Verhandlungen gegen die Angeklagten Beate Zschäpe und Co sehr aufmerksam. Was ich dabei so schlimm finde - abgesehen von den unverantwortlichen und unverständlichen Morde und dem Anschlag in Köln - ist die bloße Tatsache, dass sich bisher kein Zeuge aus der rechten Szene, ob nun heute dazu distanziert oder nicht, in den Zeugenaussagen die Traute hat, dazu zu stehen, was für welches rechte Gedankengut sie besitzen oder besaßen. Ein ständiges Wischiwaschi, keine Erinnerungen, auch keine klare Meinung, zumindest nicht vor Gericht. Vermutlich sonst eine große Klappe, wenn ich mich so ausdrücken darf. Auch Beate Zschäpe, hat die Traute nicht auszusagen, aber früher das gesamte Leben auf braune, menschenverachtende, ausländerfeindliche Gesinnung ausgerichtet, bis in den Tod hinein, wie Böhnhardt und Mundlos bewiesen. Auch sie zeigten keine Traute für ihre Gesinnung, machten es anderen Nazigrößen genau so nach: sich vor der Verantwortung drücken. Das finde ich zudem schwach. Erschreckend finde ich, wie der Staat, der Aufklärungsapparat, der Schutzorgan unserer Demokratie funktionierte, nämlich gar nicht. Jedes Jahr legt der Verfassungsschutz seinen Bericht zur Nation vor, wohl voller Stolz, alles im Griff zu haben. Dann aber wichtiges Beweismaterial vernichten etc. Das absolute Versagen dieses Organs erschreckt mich noch mehr als die Nachrichten über den NSA und seiner Spionage. Und mir tun die Opfer entsetzlich leid!!!! Reicht unsere braune Vergangenheit des 20. Jahrhunderts nicht? Was hat Deutschland daraus gelernt, auch die Generationen nach der geschichtsträchtlich verantwortlichen Generation? Warum konnten diese Morde und Anschläge nicht verhindert werden, frage ich mich. Und bekomme eine Antwort, die mir Angst macht: Gibt es in den Schutzorganen unseres Staates mehr braunes Gedankengut als weniger Kämpfer für die Demokratie, für die sie eingesetzt wurden?
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