Panorama

Prozessauftakt gegen Walid S.

"Vor meiner Faust muss man sich in Acht nehmen"

Walid S. wird von der Polizei als Intensivtäter geführt, nun muss sich der Mann erneut vor dem Bonner Landgericht verantworten. Es geht um versuchten Totschlag. Und Erinnerungen an den Fall Niklas P.

Oliver Berg/DPA

Mai 2017: Walid S. (r.) mit seinem Verteidiger Martin Kretschmer vor dem Bonner Landgericht. Nun sitzt der Intensivtäter wieder auf der Anklagebank.

Von Christian Parth, Bonn
Donnerstag, 11.07.2019   18:41 Uhr

Denise P. hat in der ersten Reihe Platz genommen. Sie will einen guten Blick auf Walid S. haben. Um kurz nach neun Uhr betritt der 23-Jährige den Saal 0.11 des Bonner Landgerichts. Er trägt Jeans, tadellos gebügeltes weißes Hemd, das krause Haar am Hinterkopf zusammengebunden. Lässig kaut S. Kaugummi und wippt auf seinem Stuhl hin und her.

Walid S. muss sich unter anderem wegen versuchten Totschlags verantworten. Laut Anklage soll er am 10. Februar 2019 vor einer Diskothek in der Nähe des Bonner Hauptbahnhofs einen jungen Mann gegen den Kopf getreten haben, der bereits wehrlos am Boden lag. Das Opfer erlitt schwere Verletzungen, unter anderem eine Gehirnerschütterung, zwei Vorderzähne wurden eingeschlagen, das Jochbein gebrochen, der Oberkiefer gleich doppelt. Eine Woche lag der 26-Jährige im Krankenhaus.

Denise P. und Walid S. kennen sich bereits. 18 Verhandlungstage, Dutzende Stunden, hatten die beiden vor etwa zwei Jahren genau hier, in Saal 0.11 verbracht. Denise P. als Nebenklägerin, Walid S. auf der Anklagebank. Damals war Walid S. vorgeworfen worden, in einer Nacht im Mai 2016 den Sohn von Denise P., den 17 Jahre alten Niklas, nach einem Wortgefecht zuerst mit einem Fausthieb niedergestreckt zu haben. Nachdem der Junge bewusstlos zusammengesackt war, habe ihm S. mit voller Wucht ins Gesicht getreten. Fünf Tage später starb Niklas P. im Krankenhaus.

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Gedenken an Niklas P. in Bonn (Archivbild)

Bei der Tätersuche hatten sich die Ermittler schnell auf Walid S. konzentriert. In seiner Wohnung fanden sie eine Jacke mit Blutspritzern des Opfers. Im Prozess jedoch wuchsen die Zweifel, dass S. der Täter war. Die Aussagen des Hauptbelastungszeugen schätzte das Gericht als nicht belastbar ein. Die Jacke habe er in der Nacht von einem Kumpel bekommen, behauptete S. Am 3. Mai 2017 wurde er freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen vor wenigen Wochen eingestellt.

"Ich habe den Freispruch zur Kenntnis genommen", sagt Denise P. Allein, die Zweifel werde sie nicht los. "Ich bin heute gekommen, weil ich mir neue Erkenntnisse erhoffe", sagt sie dem SPIEGEL. Dass der Tod ihres Sohnes bislang ungesühnt ist, sei schwer zu ertragen. "Ich suche händeringend nach Möglichkeiten, mein Leben neu zu gestalten", sagt P. "Immer wieder sehe ich junge Männer, die Niklas ähnlich sehen." Auch die Tochter leide massiv unter dem Tod des Bruders.

Dass sich die Öffentlichkeit gerade wegen Niklas für das neuerliche Verfahren gegen Walid S. interessieren würde, dürfte auch das Gericht nicht überrascht haben. Doch der Vorsitzende Josef Janßen wird deutlich. In zahlreichen Medien habe er lesen müssen, S. sei aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. "So etwas gibt es nicht", stellt er klar. "Es gibt nur Freispruch. Das heißt dann, er hat mit der Sache nichts zu tun", zürnt der Richter.

"Es ist seine Handschrift"

Doch die Zweifel, die Denise P. bis heute plagen, kann ihr auch der Richter nicht nehmen. "Es ist doch genau wie bei Niklas damals", sagt Denise P. über die Tat, die Walid S. nun vorgeworfen wird. "Er hat damals zugetreten wie gegen einen Fußball. Es ist seine Handschrift."

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Denise P. beim ersten Prozess gegen Walid S. im Mai 2017.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hat es in der jetzt angeklagten Tat in der Nacht des 10. Februar 2019 einen Streit zwischen zwei Gruppen junger Männer gegeben. Der Hauptgeschädigte und zwei seiner Begleiter sollen von Freunden von Walid S. niedergeschlagen worden sein. Walid S. soll kurz darauf dazugestoßen sein und den am Boden liegenden 26-Jährigen mit voller Wucht gegen den Kopf getreten haben. Hier habe jemand "schwere Verletzungen oder sogar mehr in Kauf genommen", sagt ein Polizist, der damals zum Tatort gerufen worden war und zwei Tritte durch Walid S. genau gesehen haben will.

Die Polizei führt Walid S. als Intensivtäter

Verteidiger Martin Kretschmer verliest eine Erklärung seines Mandanten, in der er die Tritte einräumt, einen gegen den Oberkörper, einen gegen den Kopf. Er habe zuvor Wodka getrunken und Marihuana geraucht. Er habe Mist gebaut, "aber dass dahinter eine Tötungsabsicht steckt, ist nicht wahr". Weitere Fragen werde er nicht beantworten.

Die Polizei führt den 23 Jahre alten Walid S. als Intensivtäter. Schon mehrfach stand er wegen Körperverletzungen vor Gericht. Zuletzt wurde der gebürtige Italiener mit marokkanischen Wurzeln nach einer Auseinandersetzung vom Amtsgericht Siegburg im September 2018 zu 50 Tagessätzen zu je 20 Euro verurteilt. S. werde schon bei nichtigen Anlässen gewalttätig, sei geprägt durch ein "dominant archaisches Männlichkeitsbild", liest Richter Janßen vor. Einmal soll S. gesagt haben: "Vor meiner Faust muss man sich in Acht nehmen." Denise P. fragt sich: "Wie konnte er in der Zwischenzeit nur so viele Straftaten begehen?"

"Wieder kann sich keiner an irgendwas erinnern"

Die Geschädigten berufen sich auf Erinnerungslücken. Sie hätten an jenem Abend sehr viel Alkohol getrunken. Der Hauptgeschädigte erinnere sich an nichts mehr. Wenn er zu viel getrunken habe, sei er "sehr diskussionsfreudig", sagt er kleinlaut. Es wirkt fast so, als gebe er sich selbst die Schuld.

Einem der anderen Opfer hält der Richter eine Aussage vor, die er bei der Polizei gemacht hatte. Demnach schilderte er den Beamten damals sehr präzise die Kleidungsstücke eines Täters: blaue Kappe, Winterjacke, Fellkragen, Kapuze. Der Zeuge schüttelt schüchtern den Kopf. Daran habe er keine Erinnerung mehr.

Denise P. schaut rüber zum Angeklagten, ihre Blicke kreuzen sich. "Wieder kann sich keiner an irgendwas erinnern. Das kennen wir schon", sagt sie später. Sie wird das Gefühl nicht los, dass die polizeibekannte Clique um S. Einfluss auf die Zeugen genommen haben könnte. Im Verfahren um den Fall Niklas hatte sich um Walid S. ein Art Schweigekartell gebildet. Einige Zeugen sollen zudem eingeschüchtert worden sein.

Walid S. steht in diesem Verfahren noch wegen einer anderen Sache vor Gericht. Im Januar 2019 soll er in einem Schnellrestaurant ausgerastet sein, die Angestellten angepöbelt und mit Essen beworfen haben. Erst nach einer Verfolgungsjagd konnte die Polizei ihn am Boden fixieren. Er soll die Beamten bespuckt und als "Hurensöhne" beschimpft haben. Und er habe versucht, nach ihrer Waffe zu greifen.

Auch diese Vorwürfe räumt S. weitgehend ein. Nur das mit der Waffe weist er zurück. In einer Prozesspause sagt Verteidiger Kretschmer: "Insgesamt wird es wohl zu einer Freiheitsstrafe kommen, die nicht bewährungsfähig ist."

Der Prozess ist auf vier Tage angesetzt. Das Urteil soll voraussichtlich am 25. Juli gefällt werden.

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