Panorama

Kritik an der Polizei im Fall Rita O.

Und plötzlich eine Suchaktion

Rita O. verschwindet aus einem Asylbewerberheim in Brandenburg, lässt ihre Kinder zurück. Monate später wird ihre Leiche gefunden. Ihr Partner sagt: Die Polizei hat zu spät reagiert.

Polizei Brandenburg

Rita O. verschwand am 7. April, ihre Leiche wurde am 11. Juni gefunden

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Freitag, 05.07.2019   18:28 Uhr

Das letzte Mal wurde Rita O. am 7. April 2019 gesehen, zur Mittagszeit. Danach war sie weg, verschwunden aus dem Asylbewerberheim in Hohenleipisch, Brandenburg. Sie ließ ihre beiden Kinder zurück, eineinhalb und vier Jahre alt. Dabei galt sie als "fürsorgliche Mutter", wie es später heißen wird.

Zwei Monate danach, am 11. Juni, fand die Polizei eine Leiche. In einem Waldstück in der Nähe der Flüchtlingsunterkunft. Rita O. ist tot.

Die Polizei ermittelt, warum die 32-Jährige starb. Doch an den Ermittlungen gibt es Kritik: Der Partner der Frau wirft den Beamten vor, dem Fall nicht schnell und sorgfältig genug nachgegangen zu sein. Zuerst hatte der "Tagesspiegel" darüber berichtet.

Vermisstenfälle sind für die Polizei ein schwieriges Feld. Drei Dinge müssen zutreffen, damit eine volljährige Person als vermisst gilt: Sie hat ihren gewohnten Lebenskreis verlassen, ihr Aufenthalt ist unbekannt - und eine Gefahr für Leib und Leben kann angenommen werden.

Vor allem der letzte Punkt ist nicht einfach zu klären. Ermittler brauchen einen Anhaltspunkt, irgendwas, das sie misstrauisch werden lässt. Nur selten stecken zudem Tötungsdelikte hinter Vermisstenfällen, das wissen die Beamten aus Erfahrung. Liegen sie allerdings falsch, wird Kritik laut. Das war so im Fall der getöteten Tramperin Sophia L. aus der Oberpfalz oder der ermordeten Susanna F. aus Wiesbaden.

Auch Rita O. wurde wohl Opfer eines Tötungsdelikts. Auch in ihrem Fall gibt es Kritik an der Polizei. Ob die Polizei Fehler gemacht hat, wird sich zeigen. Klar ist: Der Fall wirft Fragen auf.

Abgelegenes Heim

Rita O. kommt aus Kenia, ihr Asylantrag wurde abgelehnt. Sie lebte mit einer Duldung in der Unterkunft in Hohenleipisch. Das Heim liegt abgelegen in einem Waldgebiet.

Drei Tage nach ihrem Verschwinden, am 10. April, meldete ihr Partner Rita O. als vermisst. Er ist auch der Vater von einem ihrer Kinder. Zwei Wochen später gibt die Polizei eine Suchmeldung heraus. Sie bittet um Hinweise, schreibt, man habe Rita O. trotz "umfassender Ermittlungen" nicht finden können.

Nach Aussage des Sprechers der Cottbusser Staatsanwaltschaft habe die Polizei zwischen der Vermisstenanzeige am 10. April und dem Erscheinen der Meldung am 25. April viel getan. Man habe Menschen aus ihrem Umfeld befragt und "technische Möglichkeiten" eingesetzt, auf die der Sprecher nicht genauer eingehen will. Die Vermisstenstelle in Berlin sei eingeschaltet worden; Hunde hätten die Umgebung des Asylbewerberheims abgesucht.

Andreas Frank/ picture alliance

Blick auf Hohenleipisch in Brandenburg: Rita O. verschwand aus einer abgelegenen Asylunterkunft

Ende April meldete sich der Partner der verschwundenen Frau bei dem Verein Opferperspektive. Hier suchen vor allem Opfer rechtsextremer Gewalt Hilfe. Geschäftsführerin Judith Pohrat sagt, der Mann sei total verzweifelt gewesen. Er habe den Eindruck gehabt, die Polizei ermittle nicht ausreichend.

Außerdem erzählt der Mann laut Pohrat von einer Begebenheit, die ihm der Sohn der Frau berichtet habe. Es sei nicht sein Kind, doch der Mann habe das Sorgerecht. Der Vierjährige habe gesehen, wie ein Nachbar aus dem Heim Rita O. am Tag ihres Verschwindens niedergeschlagen und weggebracht habe.

"Umfassende Ermittlungen"

Diese Aussage habe Pohrat der Polizei mitgeteilt. Am gleichen Tag wird der Junge als Zeuge vernommen - laut Staatsanwaltschaft zum ersten Mal. Trotz "umfassender Ermittlungen". Offenbar wurde der Vierjährige erst durch die Intervention des Vereins vernommen. "Spätestens mit der Aussage des Jungen hätten wir das große Besteck erwartet", sagt Judith Pohrat von dem Verein Opferperspektive.

Unklar ist jedoch, wann der Lebensgefährte von Rita O. von dem Verdacht des Jungen erfahren hatte - und ob er die Polizei vorher darüber informiert hatte. Sicher ist: Der Mann sagte der Polizei laut dem Verein, er gehe von einem Verbrechen aus.

Die Aussage des Jungen ist laut Staatsanwaltschaft allerdings widersprüchlich: Einmal habe er gesagt, seine Mutter sei in einem Zimmer angegriffen worden, ein andermal sei sie ausgerutscht. Blutspuren, die einen Angriff belegen, habe man nicht gefunden.

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Der Mann, der die Mutter angegriffen haben soll, sei befragt worden. Der Verdacht gegen ihn habe sich nicht erhärten lassen. Deswegen sei die Sache auch nach der Aussage des Jungen weiter als Vermisstenfall behandelt worden.

Das änderte sich erst am 10. Mai. An diesem Tag erstattete der Verein Opferperspektive im Namen des Partners von Rita O. Anzeige wegen des Verdachts eines Tötungsdelikts. "Wir hatten das Gefühl, dass sonst nichts passiert", sagt Judith Pohrat.

Die Ermittlungen liefen fortan unter diesem Verdacht - ein Automatismus. Das hatte laut der Staatsanwaltschaft keine Auswirkung auf die Art und Weise, wie man vorging.

Hundertschaft durchkämmt den Wald

Am 11. Juni schließlich folgte eine große Suchaktion. Eine Hundertschaft der Polizei durchkämmte das Waldgebiet um die Asylbewerberunterkunft. Ein Gelände von 32 Hektar, unwegsam, stark bewachsen, mit alten Bunkeranlagen. Sogar der Kampfmittelräumdienst rückte an, da dort noch Munitionsreste liegen. Die Polizei fand "skelettierte menschliche Überreste". Fünf Tage später stand fest: Es ist Rita O.

Warum die Polizei sich plötzlich zu einer derart aufwendigen Maßnahme entschied, ist unklar. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft beantwortete diese Frage nicht abschließend. Er sagt, man habe die vielen Einsatzkräfte erst formieren müssen. Zudem habe es Aussagen gegeben, die Frau habe geplant, das Heim zu verlassen. Er erwähnt auch die bereits stattgefundene und erfolglose Suchmaßnahme mit den Hunden.

Vielleicht gibt es eine weitere Erklärung für den Termin. Fünf Tage vor der Suchaktion erkundigte sich eine Landespolitikerin bei einem ihr bekannten Polizisten nach dem Fall Rita O. Der Beamte versprach, nachzuhaken.

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