Panorama

Schüsse auf schwarzen Teenager

Polizist in Chicago wegen Mordes angeklagt

Ein Polizist aus Chicago erschoss im Oktober 2014 einen mit einem Messer bewaffneten Jugendlichen. Nun ist Mordanklage gegen den 37-Jährigen erhoben worden. In Kürze soll ein Video veröffentlicht werden, das die Tat zeigt.

Dienstag, 24.11.2015   20:54 Uhr

Weil er einen schwarzen Teenager erschossen hat, ist ein weißer Polizist in Chicago wegen Mordes angeklagt worden. Jason Van Dyke habe innerhalb von 14 Sekunden 16 Schüsse auf den 17 Jahre alten Laquan McDonald abgefeuert, sagte die Staatsanwaltschaft laut der Zeitung "Chicago Tribune". Van Dyke habe nachgeladen, dann habe ein anderer Polizist ihm gesagt, er solle das Feuer einstellen.

Der zuständige Richter entschied daraufhin, den 37-jährigen Polizisten in Gewahrsam zu behalten - ohne Möglichkeit, auf Kaution freizukommen. In der vergangenen Woche hatte ein anderer Richter die Veröffentlichung eines Polizeivideos von der Tat am 20. Oktober 2014 angeordnet. Die Polizeigewerkschaft kritisierte diese Entscheidung, weil die Bilder eine Jury in einem Prozess beeinflussen würden.

Stadtvertreter Chicagos kündigten an, die Aufnahmen am Mittwoch zu veröffentlichen. Sie stellen sich auf Protestkundgebungen ein. In dem Video soll zu sehen sein, wie der Teenager sich von mehreren Polizisten entfernt, nachdem er mit einem kleinen Messer vor ihnen herumgefuchtelt habe. Das berichten mehrere Menschen, die die Aufnahmen bereits gesehen haben.

Ihren Angaben zufolge schoss Van Dyke aus etwa vier Metern Entfernung auf McDonald. Der Polizist habe auch noch weitergeschossen, als der Jugendliche zu Boden ging. Die Obduktion ergab, dass McDonald von zwei Kugeln im Rücken getroffen wurde. In seinem Blut wurde die halluzinogene Droge PCP gefunden.

Stadt zahlte fünf Millionen Dollar an McDonalds Familie

Das Video zeige nicht, dass McDonald die Polizisten angegriffen habe, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Dies decke sich auch mit Zeugenaussagen. Die Anklage komme zu dem Schluss, der Einsatz tödlicher Gewalt durch den Polizisten sei nicht angemessen gewesen. Es ist laut "Chicago Tribune" das erste Mal in knapp 35 Jahren, dass ein Polizist der Stadt nach tödlichen Schüssen im Dienst wegen Mordes angeklagt wird.

Die Polizei hatte behauptet, der 17-Jährige habe ihre Einsatzkräfte mit dem Messer bedroht und auf die Reifen sowie die Windschutzscheibe eines Streifenwagens eingestochen. Zudem habe er die Warnung ignoriert, das Messer fallen zu lassen.

Auch Van Dyke ließ über seinen Anwalt und die Polizeigewerkschaft mitteilen, die Schüsse seien gerechtfertigt gewesen. Er habe sich von McDonald bedroht gefühlt. Die Stadt hat eine Ausgleichszahlung in Höhe von fünf Millionen Dollar an die Familie des Getöteten geleistet, obwohl diese keine Klage eingereicht hatte.

Weil sie Krawalle als Reaktion auf die Veröffentlichung des Videos befürchten, haben Stadtvertreter sich mit Vorsitzenden der schwarzen Gemeinschaft Chicagos getroffen. Bürgermeister Rahm Emanuel, Kirchenführer und die Familie des Opfers riefen zu Besonnenheit und friedlichen Protesten auf.

Der gewaltsame Tod McDonalds ist einer von mehreren ähnlichen Fällen in den Vereinigten Staaten innerhalb der vergangenen 18 Monate. Tödliche Schüsse von weißen Polizisten auf junge Schwarze lösten eine landesweite Debatte über Polizeigewalt und Rassismus aus.

wit/Reuters/AP

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