Panorama

Affäre um V-Mann "Corelli"

Aufseher bescheinigt dem Verfassungsschutz "Versagen"

Schlampereien, mangelnde Aufsicht, Regelverstöße: Im Fall des ehemaligen V-Mannes "Corelli" deckt ein Prüfbericht nach Informationen des SPIEGEL eklatante Missstände im Bundesamt für Verfassungsschutz auf.

V-Mann "Corelli" (2012)

Samstag, 09.07.2016   14:04 Uhr

In der Affäre um den früheren V-Mann "Corelli" haben sich beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) auf allen Ebenen etliche "Regelverstöße und Schwachstellen" offenbart. Das geht nach SPIEGEL-Informationen aus einem vertraulichen Untersuchungsbericht des Bundesinnenministeriums hervor. Der vom Ministerium beauftragte frühere Ministerialdirektor Reinhard Rupprecht attestiert darin ein "Versagen der vierfach gestaffelten Dienst- und Fachaufsicht im BfV - von der Amtsleitung über die Abteilungsleitung, Referatsgruppen- und Referatsleitung". (Diese Meldung stammt aus dem SPIEGEL. Den neuen SPIEGEL finden Sie hier.)

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Der aus Halle in Sachsen-Anhalt stammende Thomas R. alias "Corelli" war über viele Jahre hinweg eine Top-Quelle des Bundesamtes für Verfassungsschutz in der rechtsextremistischen Szene. Sein Name tauchte mehrfach im Zusammenhang mit der 2011 enttarnten Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) auf. So traf R. mindestens einmal den späteren mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos persönlich; auch fanden Ermittler R.s Daten auf einer Telefonliste des NSU.

Anfang April 2014 wurde "Corelli" tot in einer Wohnung nahe Schloss Holte-Stukenbrock in Nordrhein-Westfalen gefunden. Der 39-Jährige hatte dort zuletzt unter falscher Identität in einem Zeugenschutzprogramm des BfV gelebt. Er starb offenbar an den Folgen einer nicht erkannten Diabetes-Erkrankung, sein Tod wird neu untersucht. Kurz vor seinem Ableben war eine CD mit der Aufschrift NSU/NSDAP aufgetaucht. Sie enthält unter anderem von "Corelli" gedrehte Videos und war seit 2005 auch im Besitz des BfV. Dort wurde sie aber wohl übersehen. Zu der CD konnte der langjährige V-Mann nicht mehr befragt werden.

Fehler und Merkwürdigkeiten beim Inlandsgeheimdienst

Im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Todesumstände wurde nach und nach eine Reihe von Fehlern und Merkwürdigkeiten beim Inlandsgeheimdienst publik. So tauchten etwa wiederholt Mobiltelefone und SIM-Karten des Toten auf, die offenbar jahrelang in der Behörde gelagert waren. Mittlerweile wurden dort 23 zum Fall "Corelli" gehörige Handys gezählt.

Der vom Innenministerium ins Kölner Bundesamt geschickte Rupprecht kritisiert nun massiv die dortigen Zustände. Es sei kaum nachvollziehbar, wieso es sogar noch im April 2016 nach dem Fund von "Corelli"-Asservaten im Panzerschrank des V-Mann-Führers rund zwei Wochen gedauert habe, bis Behördenchef Hans-Georg Maaßen davon erfahren habe. Maaßen will deswegen "explodiert" sein. Er sieht sich wegen der Corelli-Affäre mit Rücktrittsforderungen konfrontiert.

Obwohl die Vorgänge im Amt nicht mehr lückenlos rekonstruierbar seien, ist sich Rupprecht sicher: "Die Mängel haben auch nach allen bisherigen Erkenntnissen zu keiner Lücke oder Verzögerung der Aufklärung der NSU-Morde geführt."

Neue Fragen wirft auch der Umgang mit dem vom Bundestag eingesetzten Sonderermittler Jerzy Montag auf. Dieser hatte alle Datenträger zum Fall "Corelli" angefordert. BfV-Chef Maaßen soll dagegen angeordnet haben, nur solche Datenträger zu übergeben, die im zeitlichen Zusammenhang zum Tod von "Corelli" stünden. Etliche Handys bekam Montag nicht zu Gesicht. Sein neuer Bericht über die Vorgänge steht noch aus.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

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insgesamt 14 Beiträge
kugelsicher 09.07.2016
1. Lügen haben kurze Beine..
aber die hier involvierten Personen können sich, glaube ich schon unter dem Teppich fußläufig fortbewegen. Wer immer noch glaubt, dass der Staat nicht über die Jahre über den NSU Bescheid wusste, ja ihn evtl. sogar noch [...]
aber die hier involvierten Personen können sich, glaube ich schon unter dem Teppich fußläufig fortbewegen. Wer immer noch glaubt, dass der Staat nicht über die Jahre über den NSU Bescheid wusste, ja ihn evtl. sogar noch "begleitet" hat, ist genau der Bürger, den sich diese Leute erhoffen.
vantast64 09.07.2016
2. Das bedeutet, daß der Verfassungsschutz mehr Rechte benötigt,
im Sinne von rechtsextrem? Bisher hat er nur viel mehr Schäden als irgendetwas Nützliches angerichtet. Auf solch eine bürgerschädliche Behörde sollten wir endlich verzichten und das eingesparte Geld in Kindergärten stecken, [...]
im Sinne von rechtsextrem? Bisher hat er nur viel mehr Schäden als irgendetwas Nützliches angerichtet. Auf solch eine bürgerschädliche Behörde sollten wir endlich verzichten und das eingesparte Geld in Kindergärten stecken, wo es viel Gutes bewirken kann und nicht von Versagern verschleudert wird.
harry099 09.07.2016
3. hat das irgendwelche konsequenzen?
... oder macht der staat im staate weiter, was er will?
... oder macht der staat im staate weiter, was er will?
spiegelleser-wissen-wenig 09.07.2016
4. Der Verfassungs
Der Verfassungs"schutz" macht das alles absichtlich.
Der Verfassungs"schutz" macht das alles absichtlich.
syn4ptic 09.07.2016
5.
Passiert selten, aber diesmal bin ich sogar Ihrer Meinung. :-) @harry099: Der Staat gibt seinen Verfassungschützern sogar noch mehr Rechte, um diese dafür zu belohnen. Schön, nicht wahr? Was haben wir doch für eine [...]
Zitat von kugelsicheraber die hier involvierten Personen können sich, glaube ich schon unter dem Teppich fußläufig fortbewegen. Wer immer noch glaubt, dass der Staat nicht über die Jahre über den NSU Bescheid wusste, ja ihn evtl. sogar noch "begleitet" hat, ist genau der Bürger, den sich diese Leute erhoffen.
Passiert selten, aber diesmal bin ich sogar Ihrer Meinung. :-) @harry099: Der Staat gibt seinen Verfassungschützern sogar noch mehr Rechte, um diese dafür zu belohnen. Schön, nicht wahr? Was haben wir doch für eine tolle Regierung.

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