Panorama

Ehemaliger KZ-Wachmann

Staatsanwaltschaft erklärt Johannes A. für verhandlungsunfähig

Johannes A. war Wachmann im KZ Auschwitz, nach dem Krieg machte er Karriere als Wissenschaftler. Vor Kurzem nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen ihn auf wegen mehrfacher Beihilfe zum Mord. Doch zu einer Anklage wird es nicht kommen.

DPA

Lager Auschwitz-Monowitz (undatiert): Johannes A. war hier Wachmann

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Donnerstag, 22.05.2014   14:25 Uhr

Hamburg - Die Staatsanwaltschaft Halle hat das Verfahren gegen den ehemaligen Auschwitz-Wächter Johannes A. eingestellt. Gegen ihn war wegen mehrfacher Beihilfe zum Mord ermittelt worden. Johannes A. sei "nicht vernehmungsfähig", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Klaus Wiechmann, SPIEGEL ONLINE. Medizinische Gutachter seien zu dem Schluss gekommen, dass bei dem heute 90-Jährigen eine "primär-degenerative Demenz vom Alzheimer-Typ" vorliege, so Wiechmann. Damit müsse auch die Verhandlungsfähigkeit verneint werden.

Johannes A. hatte nach seinem Abitur ab 1942 als SS-Rottenführer im Konzentrationslager Auschwitz Dienst getan. Er war nachweislich in der SS-Wachkompanie des Auschwitz-Außenlagers Monowitz eingesetzt. In Monowitz nötigte der deutsche Chemiekonzern I.G. Farben KZ-Häftlinge zur Zwangsarbeit. Bis 1945 starben etwa 30.000 Menschen infolge ihrer Tätigkeit für den Industriegiganten.

Nach dem Krieg hatte Johannes A. in Dresden Mathematik studiert und später als Biostatistiker und Hochschullehrer an der Universität in Halle-Wittenberg gearbeitet - offenbar unbehelligt von der ostdeutschen Justiz. Er war Vorsitzender der Gesellschaft für physikalische und mathematische Biologie in der DDR und Träger des "Vaterländischen Verdienstordens". Heute gilt er als "führender Medizinstatistiker in der ehemaligen DDR", wie es in einer Laudatio zu seinem 85. Geburtstag heißt.

Knapp 70 Jahre nach Kriegsende war Johannes A. im vergangenen Jahr in das Visier deutscher Fahnder geraten: Die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen hatte seinerzeit den Abschluss der Vorermittlungen gegen 30 ehemalige Auschwitz-Wächter verkündet, darunter der emeritierte Professor.

Als Ursache für die neue Ermittlungswelle gegen niedere SS-Chargen verwiesen die Ludwigsburger Fahnder auf das Verfahren gegen den ehemaligen SS-Wächter aus dem Vernichtungslager Sobibor, John Demjanjuk. Demjanjuk war 2011 vom Landgericht München wegen Beihilfe zum Mord an über 28.000 Menschen verurteilt worden - obwohl ihm keine direkte Tatbeteiligung nachgewiesen werden konnte.

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