Panorama

Chefermittler über Einbrecherbanden

"Viele Täter entscheiden spontan, wo sie einsteigen"

In Osnabrück bekämpft eine bundesweit einmalige Spezialeinheit der Polizei mobile Einbrecherbanden. Leiter Jörg Bockstiegel über die Maschen der Täter - und besondere Gefahren in der dunklen Jahreszeit.

Daniel Maurer/dpa

Einbruchsszene (Symbolbild)

Ein Interview von
Freitag, 16.11.2018   11:59 Uhr

Ein schlichter Büroflur in Osnabrück. Die Adresse muss geheim bleiben - zum Schutz vor Kriminellen. Hier residiert die "Zentrale Ermittlungsgruppe Wohnungseinbruchsdiebstahl" der Polizeidirektion Osnabrück (ZEGWED). Die bundesweit einmalige Einheit ermittelt seit Ende Oktober 2016 gegen mobile Diebesbanden - in engem Austausch mit den Nachbarn in Nordrhein-Westfalen und den Niederlanden. Wegen der grenzüberschreitenden Ausrichtung hat die 18-köpfige Spezialeinheit 600.000 Euro Zuschuss von der EU bekommen.

Binnen zwei Jahren konnten die Ermittler 330 Taten klären, zehn Banden überführen und Diebesgut im Wert von 1,3 Millionen Euro sicherstellen. Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius (SPD) spricht von "bemerkenswerten Ergebnissen".

ZEGWED-Chef Jörg Bockstiegel erklärt, wie seine Leute Tätern auf die Schliche kommen - und was eine zerwühlte Wohnung verrät.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bockstiegel, warum braucht man eine Spezialtruppe, um Einbrecherbanden zu jagen?

Zur Person

Bockstiegel: Wir haben es mit reisenden Tätern zu tun, Großfamilien zum Beispiel. Für diese Leute ist Einbruch ein Geschäftsmodell, sie bestreiten so ihren Lebensunterhalt. Oft sind sie in einem Radius von 300 Kilometern und mehr um ihren Wohnsitz unterwegs. Bevor es unsere Einheit gab, hat jede Polizeiinspektion in der Region Einbrüche selbstständig bearbeitet. Die Kollegen stießen oft an Grenzen, wenn der Verdacht bestand, dass es sich um diese mobile Klientel handelt.

SPIEGEL ONLINE: Woran lag das?

Bockstiegel: Man muss Verbindungen zwischen Taten und Hinweisen erkennen, daraus Ansätze generieren, Ermittlungsschritte koordinieren. Und das bei Tätern, die sich um Grenzen nicht scheren. Die vier Polizeiinspektionen in unserer Region hatten jeweils vielleicht zwei bis fünf Sachbearbeiter für Wohnungseinbrüche - bei insgesamt 2000 Fällen pro Jahr. Da konnte man nicht zwei Kollegen abstellen für reisende Täter. Ein besonderes Problem ist auch die Sprache.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Bockstiegel: Es sind bislang nur ausländische Tatverdächtige, die in reisenden Banden unterwegs sind, das ist unsere Erfahrung. Schwerpunkt: Osteuropa. Von zehn Banden, die wir in zwei Jahren überführt haben, stammten allein sechs vom Balkan. Es gab Situationen, da konnte ein Fall nicht bis zum Ende bearbeitet werden, wenn für den Dolmetscher das Geld fehlte. Unsere Einheit hat allein im vorigen Jahr 180.000 Euro für Dolmetscher ausgegeben.

SPIEGEL ONLINE: Wie arbeiten Sie?

Bockstiegel: Wir analysieren jeden Tag sämtliche Einbrüche in der Region. Wir sehen uns zugleich an, was im Umfeld von Tatorten passiert. Alle Fälle, die auf regionale Täter hindeuten, werden weiter in den jeweils zuständigen Dienststellen bearbeitet. Wir greifen nur ein, wenn es den Verdacht auf unsere Klientel gibt.

SPIEGEL ONLINE: Ein Beispiel, bitte. Wann schöpfen Sie Verdacht?

Bockstiegel: In Aurich wird eingebrochen. Zugleich gibt es eine Meldung im System, wonach 500 Meter entfernt drei ortsfremde Männer kontrolliert wurden. Wir überprüfen dann, was man bei der Polizei bundesweit über diese Personen weiß. Womöglich sind sie anderswo bereits wegen Einbrüchen aufgefallen. Entscheidend ist, dass wir uns sehr eng mit Kollegen austauschen - vor allem mit unseren Nachbarn in Nordrhein-Westfalen und den Niederlanden.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich diesen Austausch vorstellen?

Bockstiegel: Wir pflegen eine Datenbank, für die wir jeden Tag auch die Einbruchsfälle aus Nordrhein-Westfalen bekommen. Mit Analysten aus den Niederlanden setzen wir uns alle drei Wochen zusammen. Generell bauen wir unser persönliches Netzwerk zu Ermittlern ständig aus, im Inland und im Ausland. Inzwischen bekommen wir in Serbien Amtshilfe innerhalb von 24 Stunden. Das war für deutsche Polizisten vor zehn Jahren undenkbar.

SPIEGEL ONLINE: In einem spektakulären Fall konnte Ihre Truppe eine Bande aus Nordrhein-Westfalen überführen, die Schmuck im Wert von 200.000 Euro gestohlen hatte. Wie ist Ihnen das gelungen?

So viele Einbrüche gab es in Ihrer Region



Bockstiegel: Die Täter gehörten zu einer Roma-Familie, die aus Serbien stammt und im Ruhrgebiet ansässig war. Es begann mit einem Einbruch bei uns im Emsland. Wir haben danach den Fahrer eines Autos ermittelt, das in der Umgebung auffiel. Von Kollegen aus Nordrhein-Westfalen erfuhren wir, dass der Mann dort bereits unter Verdacht stand und Mitglied eines Familien-Clans sein könnte. Wir haben dann mehrere Personen überwacht. Nach mehreren Wochen konnten wir sie auf frischer Tat stellen. Fünf Täter sind später zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden.

SPIEGEL ONLINE: Wie begehen reisende Einbrecherbanden grundsätzlich ihre Taten?

Bockstiegel: Man kann das schwer verallgemeinern. Wir haben festgestellt, dass es unterschiedliche Täter und Verhaltensmuster gibt. Manche Banden spionieren besonders lukrative Objekte aus und schlagen dann mit größerem Aufwand zu. Viele Täter entscheiden spontan, wo sie einsteigen. Es gab eine Bande, die fuhr aus dem Ruhrgebiet über die Autobahn bis Hamburg, nahm den Rückweg über Land - und hielt in jeder Ortschaft nach Gelegenheiten Ausschau. Was bei allen gleich ist: Sie teilen die Arbeit auf. Einige sind für die Logistik zuständig, andere für die Verwertung des Diebesguts, wieder andere begehen die Einbrüche. In einzelnen Fällen auch Minderjährige.

SPIEGEL ONLINE: Die dunkle Jahreszeit gilt als Hochzeit für Einbrecher. Wie schreckt man Banden am besten ab?

Bockstiegel: Bei Tätern, die spontan entscheiden, gilt grundsätzlich: Ein Licht im Haus brennen lassen, Bewegungsmelder installieren, keine Fenster auf Kipp lassen. Der späte Nachmittag ist jetzt die Lieblingszeit dieser Kriminellen. Es ist nicht mehr hell, die meisten Bewohner aber sind noch bei der Arbeit. Die Täter probieren es nur kurz. Klappt der Einbruch nicht, etwa weil Fenster und Türen gesichert sind, gehen sie zum nächsten Haus. Manche Täter sind auch dreist: Einer klingelt und verwickelt die Bewohner in ein Gespräch, die Komplizen steigen in der Zeit ein. Da muss man auf der Hut sein.

SPIEGEL ONLINE: Erkennen Sie an einem Tatort, mit welchem Einbrechertyp Sie es zu tun haben?

Bockstiegel: In der Regel ja. Professionelle Banden rauben Geld und Schmuck, den sie leicht verwerten können. Elektronik lassen sie liegen, vor allem Handys, darüber könnten wir sie orten. Manchmal geben schon die Schränke an einem Tatort Hinweise. Profis öffnen Schubladen von unten nach oben - dann müssen sie nichts wieder zuschieben und sparen Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Wie entwickeln sich die Einbruchszahlen in Ihrer Region?

Bockstiegel: Die Zahl der Einbrüche in der Region hat sich von 2016 auf 2017 um 26 Prozent verringert. Das ist ein Erfolg, an dem auch wir unseren Anteil haben. Die generell niedrige Aufklärungsquote ist von 18 auf 25 Prozent gestiegen. Wie viele Einbrüche insgesamt auf das Konto von reisenden Tätern gehen, lässt sich nicht beziffern. Ich schätze, dass diese Klientel für jeden dritten Einbruch in der Region verantwortlich ist.

SPIEGEL ONLINE: Drei Viertel aller Einbrüche in Ihrer Region werden demnach noch immer nicht aufgeklärt - obwohl Sie einen hohen Aufwand betreiben. Wie kann das sein?

Bockstiegel: Ich würde mir wünschen, dass jedes Bundesland eine Spezialeinheit aufstellt. Dann ließen sich deutlich mehr Fälle lösen.

Zum Weiterlesen: Die schlimmste Einbrecherbande Deutschlands - und wie die Polizei sie schnappte.

Im Video: Unterwegs mit Ermittlern der Soko Castle

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 17 Beiträge
riedlinger 16.11.2018
1. Ist das nicht interessant?
Interessant: Kaum tut mal irgendwo in Deutschland eine Polizeieinheit das, was ihre ganz normale Aufgabe ist, schon glühen alle vor Begeisterung. Währenddessen treiben die meisten unserer 275.000 Polizisten "Business as [...]
Interessant: Kaum tut mal irgendwo in Deutschland eine Polizeieinheit das, was ihre ganz normale Aufgabe ist, schon glühen alle vor Begeisterung. Währenddessen treiben die meisten unserer 275.000 Polizisten "Business as usual". In Hamburg fängt die Cold-Cases-Einheit einen Unschuldigen (und zPoliwar so dämlich, dass sogar eine Richterin öffentlich Kritik äußert), und ein Polizist ebenfalls in Hamburg schoss sich diese Woche selbst ins Bein bei dem Versuch, seine Pistole ins Holster zu stecken. Ist natürlich schon eine Herausforderung für einen Polizisten, so ein Holster...
Kurt-C. Hose 16.11.2018
2. Hilfreich
wäre vor allem mehr Polizei auf den Straßen, die auch präsent ist. Dafür müsste sie mehr Personal haben und von Bürokratie entlastet werden.
wäre vor allem mehr Polizei auf den Straßen, die auch präsent ist. Dafür müsste sie mehr Personal haben und von Bürokratie entlastet werden.
martine-primus 16.11.2018
3. hoher sozialer Unterschied
zwischen den osteuropäischen Ländern und den westeuropäischen Ländern beschert natürlich auch Sozialneid und sorgt für kriminelle Machenschaften. Mag sein, dass viele Einbruchsopfer Geld von ihrer Versicherung erhalten, aber [...]
zwischen den osteuropäischen Ländern und den westeuropäischen Ländern beschert natürlich auch Sozialneid und sorgt für kriminelle Machenschaften. Mag sein, dass viele Einbruchsopfer Geld von ihrer Versicherung erhalten, aber der Schmuck ist weg! Traurig, wenn es sich um Erbstücke handelt! Und unterversichert sind sicher auch nicht wenige Menschen. Drum freuen wir uns doch auf die Visafreiheit mit der Ukraine!
vaikl 16.11.2018
4. Predictive Policing
Dann können wir uns ja die Millionen Euro für diese untauglichen "Predictive Policing"-Softwareversuche in den Bundesländern sparen, wenn es sehr häufig ganz spontane Einbruchsversuche ohne vorhersehbare Eigenheiten [...]
Dann können wir uns ja die Millionen Euro für diese untauglichen "Predictive Policing"-Softwareversuche in den Bundesländern sparen, wenn es sehr häufig ganz spontane Einbruchsversuche ohne vorhersehbare Eigenheiten gibt. Es war sowieso eher ein Beschäftigungs- und Fördermodell für die großen Software-Buden ala IBM, welches zwar in einigen Bundesländern schon seit Jahren läuft, aber bislang immer noch keine konkret positiven Ergebnisse liefern konnte. Die Kollegen der ZEGWED zeigen, dass es auch mit konventionell intelligenter Arbeit geht und keine peinlichen "KI"-Hypewörter braucht.
vulcan 16.11.2018
5.
Sozialneid? Mag sein, das ist aber nicht gleich kriminell. Dies sind organisierte Banden, für die westeurop. Länder einfach reiche Beutegründe sind. Erwischt werden sie fast nie, Gefängnisstrafen sind eh selten. Und so [...]
Zitat von martine-primuszwischen den osteuropäischen Ländern und den westeuropäischen Ländern beschert natürlich auch Sozialneid und sorgt für kriminelle Machenschaften. Mag sein, dass viele Einbruchsopfer Geld von ihrer Versicherung erhalten, aber der Schmuck ist weg! Traurig, wenn es sich um Erbstücke handelt! Und unterversichert sind sicher auch nicht wenige Menschen. Drum freuen wir uns doch auf die Visafreiheit mit der Ukraine!
Sozialneid? Mag sein, das ist aber nicht gleich kriminell. Dies sind organisierte Banden, für die westeurop. Länder einfach reiche Beutegründe sind. Erwischt werden sie fast nie, Gefängnisstrafen sind eh selten. Und so ein Einbruch beschränkt sich auch nicht auf den materiellen Verlust - es entsteht auch ein massives Unsicherheitsgefühl beim Opfer. Segnungen der offenen Grenzen.

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP