Panorama

Anwältin Seda Basay-Yildiz

Kompromisslos für den Rechtsstaat

Drohungen gegen Anwältin Seda Basay-Yildiz könnten in Verbindung zu einer mutmaßlich rechtsextremen Zelle in der Frankfurter Polizei stehen. Wer ist die Frau, deren Tochter vom "NSU 2.0" mit dem Tod bedroht wird?

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Seda Basay-Yildiz

Von Wiebke Ramm, Berlin
Montag, 17.12.2018   16:53 Uhr

Dass Seda Basay-Yildiz furchtlos ist, hat die Strafverteidigerin aus Frankfurt zuletzt im Fall des Islamisten Sami A. bewiesen. Ihr Engagement gilt dem Rechtsstaat, auch wenn das heißt, sich für einen Mann einzusetzen, der womöglich Osama Bin Ladens Leibwächter war.

Unter Anwälten hat ihr das Mandat eine Menge Respekt eingebracht. Die erwartbaren Anfeindungen hat sie in Kauf genommen. Basay-Yildiz geht es nicht darum, es bequem zu haben. Der 42-Jährigen geht es darum, in einer Gesellschaft zu leben, in der das Gesetz für jeden gilt.

Auch für Polizisten, muss man aktuell anfügen. Fünf Beamte aus Frankfurt - vier Männer und eine Frau - sollen per Chat rechtsextreme Inhalte ausgetauscht haben. Und womöglich gibt es Verbindungen der Gruppe zu einem Fax, das Basay-Yildiz Anfang August erhielt. In dem Schreiben tauchen die Privatadresse der Familie und der Name von Basay-Yildiz' zweijähriger Tochter auf, die mit dem Tod bedroht wird.

Wegen einer Abfrage von Melderegistereinträgen zu der Anwältin steht der Verdacht im Raum, die Polizisten könnten das Fax selbst verschickt haben - oder die Daten der Anwältin an Dritte weitergegeben haben. Das Landeskriminalamt ermittelt.

Zu den aktuellen Geschehnissen rund um die mutmaßlich rechtsextreme Zelle in der Frankfurter Polizei mag Seda Basay-Yildiz sich nicht mehr äußern. (Mehr über den Fall lesen Sie hier.) Aber der ungeheure Verdacht, dass womöglich Polizisten unter dem Pseudonym "NSU 2.0" drohten, ihre Tochter zu "schlachten", wird sie mit weniger Unglauben zur Kenntnis genommen haben als viele andere. Blindes Vertrauen in die Polizei hatte sie als Strafverteidigerin nie. Und es gab einen Prozess, seitdem sie ohnehin auf einiges gefasst ist: das NSU-Verfahren in München.

Strafverteidiger müssen dem Ermittlungsapparat, den Richtern und Staatsanwälten selbstbewusst entgegentreten. Unter Anwälten gilt es als verpönt, Emotionen zu zeigen, besonders unter Strafverteidigern. Doch der Mensch verschwindet nicht einfach unter der Anwaltsrobe. Das stellte auch Seda Basay-Yildiz fest.

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Seda Basay-Yildiz in ihrem Büro

Im NSU-Prozess verteidigte die Anwältin keinen Angeklagten, sondern vertrat als Nebenklageanwältin die Familie des NSU-Mordopfers Enver Simsek. Sie fuhr fünf Jahre lang Woche für Woche nach München, arbeitete die Nächte durch, scheute - durchaus kampfeslustig - auch nicht die Wutanfälle des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl, wenn sie meinte, ihm ein paar Takte sagen zu müssen.

Unerträglich aber war für sie, dass die Ermittler in den Jahren vor der Enttarnung des NSU alle Hemmungen im Umgang mit Familie Simsek und den Familien der anderen acht Opfer mit Migrationshintergrund verloren zu haben schienen. Der Witwe von Enver Simsek legten sie Fotos einer blonden Frau vor und behaupteten, das sei die Geliebte ihres Mannes. Es war eine Lüge. Die Polizisten wollten die trauernde Frau aus der Reserve locken, in der Hoffnung, sie offenbare Wissen, das zu den Mördern führt.

Doch Adile Simsek hatte gar kein Wissen, das sie hätte offenbaren können. Eine Entschuldigung gab es nie. Und irgendwann war für Seda Basay-Yildiz der Punkt erreicht, an dem sie das Versagen der Ermittler persönlich nahm.

"Ich bin kompromissloser geworden"

Als andere NSU-Opferanwälte in ihren Plädoyers institutionellen Rassismus als Humbug abtaten, war Seda Basay-Yildiz anzumerken, wie sehr sie das getroffen hat. Sie hielt es für naiv und ignorant. Wie wütend sie diese Reden der Kollegen machten, konnte erleben, wer sie direkt danach zufällig im Café neben dem Gericht traf. Sie war fassungslos und zugleich wütend über sich selbst, dass ihr das so naheging.

Zu erleben, wie viel Unrecht den NSU-Opfern angetan wurde, hat Seda Basay-Yildiz verändert. "Ich bin kompromissloser geworden", sagte sie einmal. Menschen, die sich rassistisch äußern, toleriere sie nicht mehr in ihrem Umfeld. Die Anwältin begann, mit Deutschland zu fremdeln. Das erste Mal in ihrem Leben. So fühlte es sich für sie zumindest an. Vielleicht fremdelte sie aber auch nicht mit ihrem Heimatland, sondern mit dem Zustand der Gesellschaft, in der es plötzlich nicht mehr anstößig zu sein schien, lautstark gegen Menschen zu hetzen.

Der NSU-Prozess hinterließ bei ihr Spuren. "Das Gefühl zu haben, nicht dazuzugehören, egal, was man tut und wie integriert man ist, wurde stärker", schrieb sie vor drei Jahren in einem Gastbeitrag für die "Süddeutsche Zeitung": "Das Gefühl, sich nicht sicher zu fühlen, und auch den Schutz von Polizei und Justiz nicht für sich in Anspruch nehmen zu können, ebenfalls. Kann sich jemand vorstellen, was das bedeutet? Gerade für jemanden wie mich, die Jura studiert hat und den Rechtsstaat verteidigt?"

Dass Deutschland ihr Land ist, steht für die Anwältin trotz allem außer Frage. Welches Land sollte es auch sonst sein? Ihre Eltern stammen aus der Türkei, Seda Basay-Yildiz selbst ist im hessischen Marburg geboren.

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