Panorama

Messerverbrechen in Großbritannien

Gewalt als Symptom einer kranken Gesellschaft

2018 wurden in England und Wales mehr als 40.000 Gewalttaten mit Messern verübt. Zeitgleich baut die Polizei massiv Stellen ab. Glasgow, einst die gewalttätigste Stadt Europas, fand ein Mittel dagegen.

Amy T. Zielinski/ Getty Images

Tatort einer tödlichen Messerattacke in Camden, London (2016): Der Streit über die Gründe für die Gewaltexplosion wird erbittert geführt

Von , London
Dienstag, 04.06.2019   08:18 Uhr

Brixton Hill im Süden von London: Sanitäter führen einen Jugendlichen zu einem Krankenwagen. Der junge Mann kann gehen, muss aber gestützt werden auf dem Weg zum Krankenwagen. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt, er hält sich den Bauch. Es herrscht große Aufregung.

Von irgendwoher hört man Schreie, mehrere Streifen- und Zivilwagen der Polizei rasen aus allen Richtungen heran. Ein Zivilbeamter springt aus einem der Autos, ruft seinen Kollegen etwas zu und rennt mit einem Funkgerät in der Hand in einen Wohnblock. Der Messerstecher ist vielleicht noch in der Nähe.

Das Ganze hat sich im Januar abgespielt, doch es gibt viele ähnliche Fälle in Großbritannien. Das Land erlebt einen stetigen Anstieg von Gewalttaten. Im vergangenen Jahr hat es in England und Wales mehr als 40.000 Vorfälle gegeben, bei denen Menschen mit Messern oder anderen scharfen Gegenständen verletzt worden sind - so viele hat man noch nie gezählt.

Auch die Gesamtzahl von Mord und Totschlag liegt mit 732 getöteten Menschen sehr hoch - so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr. Dabei wurden vier von zehn Morden mit einem Messer oder einem scharfen Objekt begangen. Anfang 2018 wurden zeitweise mehr Menschen in London getötet als in New York.

Streit über die Ursachen

Das Risiko für Unbeteiligte, in der britischen Hauptstadt zum Opfer von Gewalt zu werden, ist zwar weiter vergleichsweise gering. Doch die Summe der Gewaltakte nimmt kontinuierlich zu, und das Problem bleibt nicht auf England und Wales beschränkt. Erst vergangenen Donnerstag wurde ein Mann im Zentrum der schottischen Kapitale Edinburgh auf offener Straße totgestochen.

Der Streit über die Gründe für die Gewaltexplosion wird erbittert geführt. Dabei ist häufig die Rede von Gangs und von Revierkämpfen zwischen Drogendealern. Die Statistikbehörde ONS verweist auch darauf, dass die Zahlen heute sorgfältiger erfasst würden als früher. Manche Politiker schwören darauf, man könne das Problem unter Kontrolle bringen, wenn man "drill music" verbiete, eine Londoner Variante von Hip-Hop, in der häufig Gewalt thematisiert wird.

Doch im Zentrum der Debatte steht der Austeritätskurs der Regierung. Nicht nur, weil Sozialleistungen im Königreich stark heruntergefahren wurden, was das gesellschaftliche Klima vergiftet. 2010 hat die Regierung des damaligen konservativen Premiers David Cameron auch begonnen, die Budgets von Behörden zusammenzustreichen. Seitdem sind in England und Wales 20.000 Polizeistellen weggefallen.

Eine Frage der öffentlichen Gesundheit?

Noch-Premierministerin Theresa May führt den ideologisch aufgeladenen Sparkurs weiter und beteuert vor wenigen Wochen: Es gebe "keine direkte Korrelation zwischen gewissen Verbrechen und der Anzahl an Polizisten" - May war zwischen 2010 und 2016 Innenministerin.

Der Chef des Polizeiverbandes von England and Wales, John Apter, reagierte verärgert. "Ich bin erschüttert, dass die Premierministerin, die schließlich Innenministerin war, als die Einschnitte bei der Polizei begonnen haben, nicht sehen kann, dass die Beweise überwältigend sind", sagte Apter in einem Interview. Die Verheerungen der Sparpolitik seien größer als die Zahl der verlorenen Polizeistellen: Daneben habe es auch einen Rückgang beim angestellten Polizeipersonal gegeben, bei den öffentlichen Unterstützungsbeamten und im gesamten öffentlichen Dienst.

Die Stadtverwaltung von London versucht, das Problem der Messergewalt in der britischen Hauptstadt mit einer groß angelegten Kampagne einzudämmen. Mitarbeiter des Gesundheitsapparats arbeiten gemeinsam mit Polizisten, Bewährungshelfern und Vertretern lokaler Behörden und Gemeinschaftsorganisationen daran, die Ursachen der Gewalt zu ermitteln und zu bekämpfen. Gewalt wird dabei nicht länger als reines Kriminalitätsproblem behandelt, sondern als Problem der öffentlichen Gesundheit.

Gewalt ist ein Symptom

Die Herangehensweise hat London vom schottischen Glasgow übernommen. In den Nullerjahren galt Glasgow als gewalttätigste Stadt Europas. Messerstechereien waren an der Tagesordnung. 2005 wurde dort die Gewalt zum Problem der öffentlichen Gesundheit erklärt, eine spezielle "Gewaltverringerungseinheit" wurde eingerichtet.

Das Konzept war damals umstritten, erwies sich aber als Erfolg. Innerhalb weniger Jahre halbierte sich in Glasgow die Mordrate. Auch die Zahl der übrigen Gewaltverbrechen ging zurück.

Kieran Mitton vom King's College in London erforscht seit Jahren die Ursachen für schwere Gewalt, die in Kriegsgebieten und bei Konflikten zwischen Gangs weltweit ausgeübt wird. Er begrüßt grundsätzlich den Ansatz, Gewalt als Problem der öffentlichen Gesundheit zu betrachten. "Diese Herangehensweise führt dazu, dass man das Thema umformuliert. Dass man davon weggeht, es als reine Sicherheitsfrage zu betrachten, der man mit der Kriminaljustiz begegnen muss. Und dass es weniger eine Charakterfrage ist", sondern eine Frage der Gesellschaft und der Gesundheit.

Kluft zwischen Arm und Reich wächst

Wenn man sich allerdings zu sehr darauf konzentriere, Gewalt als Krankheit zu betrachten, könne das unter Umständen von den zugrunde liegenden Ursachen ablenken, glaubt Kieran. "Die betroffenen Menschen sind nicht krank. Gewalt ist eher so etwas wie ein Symptom."

Oft hätten die jungen Männer, die in Gangs landeten und Gewaltakte verübten, wenig Bildung und nur enge wirtschaftliche Spielräume. Viele Menschen fühlen, dass sie nichts vom wachsenden Wohlstand abbekämen, den Teile der Mittelschicht genössen. Auch in Großbritannien öffne sich die Schere zwischen Arm und Reich seit Jahren immer weiter.

Eine gesellschaftliche Gruppe taucht in den Statistiken zu den Messerattacken überproportional häufig auf: junge schwarze Männer. Ein Umstand, auf den Vertreter vom rechten politischen Rand nur allzu gern hinweisen. "Die Vorstellung, dass Menschen mit einem gewissen kulturellen Hintergrund stärker zu Gewalt neigen oder dazu, sich Gangs anzuschließen, als andere, ist vollkommen falsch", sagt Kieran Mitton. Schließlich gebe es in allen Teilen der Welt Gangs. Und auch in Großbritannien gebe es weiße Gangs, von denen viel Gewalt ausgehe.

Das Opfer der Messerattacke in Brixton Hill, ein 15-jähriger Jugendlicher, hat den Angriff vom Januar überlebt. Die Polizei hat den mutmaßlichen Täter festgenommen. Ihm droht eine Anklage wegen versuchten Mordes. Er war zum Zeitpunkt der Tat 16 Jahre alt.

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