Panorama

NSU-Prozess

"Wie kann man so blöd sein?"

Verfassungsschützer Andreas T. war am Tatort eines NSU-Mordes - und will nichts mitbekommen haben. Im NSU-Prozess sagte jetzt ein ehemaliger Vorgesetzter aus. Es ging um dubiose Telefonate.

DPA

Tatort Kassel: Das Internetcafé, in dem Halit Yozgat ermordet wurde

Von , München
Mittwoch, 24.06.2015   20:25 Uhr

Andreas T. klingt angespannt, als er einen Vorgesetzten am Telefon hat. Tiefes Atmen ist zu hören - dann sagt der Vorgesetzte, dass es für Andreas T. keine einfache Situation sei. "Nee, das stimmt", sagt T.

Es ist der 9. Mai 2006. Andreas T. ist damals Mitarbeiter im hessischen Landesamt für Verfassungsschutz, sein Gesprächspartner Gerald H. Geheimschutzbeauftragter der Behörde. T. steckt in jenen Tagen in einer äußerst unangenehmen Lage: Er ist in dem Mordfall Halit Yozgat Beschuldigter, weil er sich kurz vor oder während der Tat in einem Kasseler Internetcafé am Tatort aufgehalten hatte - der Mord an dem Cafébetreiber am 6. April 2006 wird inzwischen dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zur Last gelegt.

"Bitte nicht vorbeifahren"

An diesem Mittwoch sagte Gerald H. als Zeuge im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht aus. In der Verhandlung wurden drei abgehörte Telefonate zwischen dem inzwischen pensionierten Geheimschutzbeauftragten und T. vorgespielt. Unter anderem ging es dabei auch um das Gespräch am 9. Mai 2006 - in jenem Telefonat sagte Gerald H. einen Satz, der für viel Spekulationen gesorgt hatte: "Ich sage ja jedem: Wenn er weiß, dass irgendwo so etwas passiert, bitte nicht vorbeifahren."

Der Satz war teilweise so gedeutet worden, dass Andreas T. möglicherweise im Vorhinein Kenntnis von dem Mord hatte.

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl wollte von dem Zeugen wissen, was es mit dem Satz auf sich habe. Gerald H. lieferte vor Gericht mehrere Erklärungsversuche, sonderlich überzeugend klangen sie allerdings nicht. Mal deutete der Pensionär an, es habe sich um Ironie gehandelt. Mal führte er aus: "Ich hätte auch sagen können: Wie kann man so blöd sein, bei einem Mordtatort vorbeizufahren?"

Götzl hakte nach: Dies würde aber doch bedeuten, dass der Betreffende gewusst habe, dass an dem Ort etwas geschehen würde. Es sei einfach "eine Eröffnungsklausel" gewesen, so der Zeuge daraufhin.

Der Auftritt von Gerald H. trug kaum dazu bei, die merkwürdige Rolle von Andreas T. aufzuklären. Die Polizei war ihm nur deshalb auf die Spur gekommen, weil er sich in dem Internetcafé in eine Kontaktbörse eingeloggt hatte - dabei hatte er zwar ein Pseudonym genutzt, aber seine echte Handynummer angegeben. Die Ermittlungen ergaben schließlich keine Verbindung zur Tat und der insgesamt dem NSU zur Last gelegten Mordserie.

Als Zeuge im NSU-Prozess hatte T. mehrfach betont, nichts von dem Mord mitbekommen zu haben. Er habe weder etwas von Schüssen in dem Café gehört noch irgendetwas Auffälliges registriert.

Von Beginn an keine Zweifel an der Version von Andreas T.

Im Telefonat am 9. Mai 2006 empfahl ihm Gerald H., gegenüber der ermittelnden Polizei "so nah wie möglich an der Wahrheit" zu bleiben. Andreas T. wiederum erklärte, dass er sich lange sicher gewesen sei, nicht am Tag des Mordes in dem Café gewesen zu sein, sondern einen Tag zuvor. Trotzdem hätte er mit jemandem darüber sprechen müssen, dass er "zeitnah" dort gewesen sei. "Versuchen Sie, tief durchzuatmen", riet ihm Gerald H. damals.

Zweifel an der Schilderung von Andreas T. hatte Gerald H. offenbar von Anfang an nicht. Als Zeuge sagte H., ihm hätten keine Fakten vorgelegen, "dass er doch etwas mitbekommen hat".

H. wies auch den von Anwälten der Opferfamilie erhobenen Vorwurf zurück, der hessische Verfassungsschutz habe die Aufklärung des Kasseler Mordes behindert. Spannungen zwischen der damals ermittelnden Polizei und seiner Behörde räumte Gerald H. indes ein: Die Polizei sei zum Teil "nassforsch" gewesen.

Dass sich Andreas T. nach dem Mord in Kassel nicht bei den Ermittlungsbehörden gemeldet habe, sei "nicht ausreichend" für einen Tatverdacht gewesen, sagte H. Diesmal ganz ohne Ironie.

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